Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Enkel und sein Großvater
Studien zu Felix Mendelssohn- Bartholdy und eine Ausgabe mit Schriften von Moses Mendelssohn
Die Schrift «An die Freunde Lessings» war Moses Mendelssohn so wichtig, dass er sie noch am Silvesterabend des Jahres 1785 eigenhändig zur Druckerei brachte. Schließlich ging es um den Ruf seines vier Jahre zuvor verstorbenen Freundes Gotthold Ephraim Lessing, der als Spinozist verdächtigt wurde. Als Fatalist. Als Atheist. Im ausgehenden 18. Jahrhundert galt das als veritable Beschimpfung. Infamerweise wurde auch noch Mendelssohn selbst als Kronzeuge zitiert in einem Buch, das Friedrich Heinrich Jacobi wenige Monate zuvor publiziert hatte. Lessing konnte sich nicht mehr wehren, also nahm es Mendelssohn auf sich, ihn zu verteidigen. Und sich selbst, den eigenen philosophischen und religiösen Standpunkt.
Nachzulesen ist diese Polemik in einer soeben erschienenen zweibändigen Studienausgabe, die eine repräsentative Auswahl von Mendelssohns Schriften nach ihren Erstdrucken bietet. Auf eine biographische Einleitung wurde verzichtet, ein knappes Vorwort erklärt lediglich die formalen Richtlinien der Ausgabe. Stattdessen führen die Herausgeber jeden Text ein und erläutern dessen Fragestellungen, Kontext und Wirkungsgeschichte. Auch dies in sachlicher Kürze, denn Mendelssohns eigenen Worten wird größtmöglicher Platz eingeräumt. Illustriert werden diese – was einen großen ästhetischen Reiz hat – durch Reproduktionen der jeweiligen Titelseiten der Erstdrucke.
Das erste, ursprünglich 108 Seiten umfassende Buch, die «Philosophischen Gespräche», erschien Anfang 1755 noch anonym. Ohne Wissen des Autors hatte Lessing, den der damals 25-Jährige gerade ein Jahr kannte, für die Publikation gesorgt. Bereits das zweite, auch 1755 publizierte Buch «Über die Empfindungen» etablierte den Autor, der bis dahin einfach Moses ben Mendel hieß, mit dem Namen Mendelssohn als einen der wichtigsten philosophischen Autoren der deutschen Aufklärung. Und der jüdischen Aufklärung. Denn Mendelssohn wandte sich dezidiert an beide Öffentlichkeiten. Innerhalb weniger Jahre wurde er der bekannteste Jude Europas. Als Schriftsteller, Publizist und Rezensent war er so produktiv, dass bereits 1861 «Gesammelte Schriften» von ihm vorlagen. Heute umfasst die – noch nicht abgeschlossene – Werkausgabe 26 Bände. Mendelssohn kam zugute, dass er in Berlin lebte, wo es, anders als in Jena oder Halle, noch keine Universität gab. Selbst wenn es eine gegeben hätte, wäre Mendelssohn als Jude nie angestellt worden.
So war er aus zweierlei Gründen professoralen Schreibzwängen enthoben: Er war weder ein Professor noch schrieb er für solche. Seine Schriften waren in erster Linie an ein interessiertes bürgerliches Publikum gerichtet und deckten entsprechend ein eindrucksvolles Spektrum an Themen ab: von der Ästhetik, die damals die Avantgarde der Philosophie war – und Mendelssohn einer ihrer modernsten Theoretiker –, über die Metaphysik und Rechtsphilosophie zu Überlegungen zu einem zeitgenössischen Judentum. Das alles schrieb er nebenbei, neben einer beruflichen Anstellung als Buchhalter.
1762 durfte er endlich heiraten und wurde Vater von zehn Kindern, von denen sechs überlebten.
Der musikalische EnkelEiner seiner vielen Enkel war der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy,
dessen Geburtstag sich am 3. Februar zum 200. Male jährt. In einer Fülle biografischer Einzelstudien präsentiert der 16. Band der «Mendelssohn Studien» Archivfunde, die hier zum Teil erstmalig dokumentiert werden. So stellt Martin Staehelin unter dem etwas irreführenden Titel «Der frühreife Felix Mendelssohn Bartholdy» das sogenannte «Konfirmationsbekenntnis» des 16-Jährigen vor, das zwar als Dokument bekannt, bislang aber kaum hinreichend untersucht worden war. Indem Staehelin eingehend auf den konfirmierenden Pastor Friedrich Philipp Wilmsen eingeht und dessen Schriften sowie sein von der Aufklärung geprägtes pädagogisches Konzept mit dem Konfirmationsbekenntnis vergleicht, gelingt es dem Autor nicht nur überzeugend den Text in seine historische Umgebung einzuordnen, sondern ihn auch als eine eigenständige Schrift zu charakterisieren, die in ihrer argumentativen Stringenz weit mehr als ein formelles Glaubensbekenntnis ist.
In anderen Aufsätzen werden Akten aus Felix’ Studienzeit an der inzwischen gegründeten Berliner Universität präsentiert, wo er unter anderen Vorlesungen bei Hegel hörte. Allein fünf musikwissenschaftliche Aufsätze widmen sich dem Komponisten, ein weiterer beleuchtet seine Versuche der Selbstvermarktung mit Blick auf seine Kontakte zu italienischen Musikverlegern. In dieser vertiefenden Beleuchtung von Einzelaspekten bietet der Band spannende und unbekannte Einblicke in das kurze Leben des Komponisten und stellt damit eine Alternative zu den unzähligen Biografien dar.
Die preußische Nicht-ToleranzIn vier abschließenden Beiträgen der Mendelssohn- Studien stehen andere Familienmitglieder im Mittelpunkt. Sebastian Panwitz bietet eine konzise biografische Skizze eines Enkels von Felix, des Privatbankiers, Adligen und Verfolgten Otto (von) Mendelssohn Bartholdy (1868–1949). Drei weitere Aufsätze widmen sich wiederum dessen Großvater Moses. Die Umstände von seiner Hochzeit sind Tobias Schenk Anlass, über die vermeintliche Toleranz Friedrichs II. gegenüber Juden aufzuklären und mit falsch tradierten Geschichten um Moses Mendelssohn aufzuräumen. Im Zeitalter der Aufklärung waren Juden auf sogenannte Schutzbriefe angewiesen, um eine Existenz aufbauen zu können. Diese mussten sie teuer bezahlen. So teuer, dass sich diese Sondersteuern nur wenige Familien leisten konnten. Wer nicht zahlte, wurde vertrieben. Die Abgabelast sollte sich ab den 1780er Jahren noch einmal deutlich erhöhen, zu einer Zeit, als in der gebildeten Öffentlichkeit über die «bürgerliche Verbesserung der Juden » debattiert wurde. In Zeiten der Aufklärung war die preußische Judenpolitik, so Schenk, nichts anderes als ein revidierbarer landesherrlicher Gnadenakt. Mit Toleranz hat das wenig zu tun.
Der Aufklärer Moses Mendelssohn, der die Religion gleich welcher Couleur zur Privatangelegenheit erklärte, musste sich immer wieder auch gegen christliche Arroganz verwahren, die ihn zum Konvertieren aufforderte. Sein Enkel Felix, obwohl bekennender Protestant, behielt aus Respekt für den Großvater dessen Namen bei. Dem war es nicht vergönnt, seinen Enkel kennenzulernen. Die Winter vor gut 200 Jahren müssen ähnlich streng gewesen sein wie der jetzige. Auf seinem Weg in die Druckerei erkältete sich Moses Mendelssohn so stark, dass er am 4. Januar 1786 mit nur 57 Jahren verstarb. Moses Mendelssohn Ausgewählte Werke Studienausgabe herausgegeben von Christoph Schulte Andreas Kennecke und Grazyna Jurewicz Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009 2 Bände 818 Seiten, 99,90 Euro
Mendelssohn Studien Band 16: Zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy Hrsg. von Hans-Günter Klein und Christoph Schulte Wehrhahn Verlag 2009 391 Seiten, 29,50 Eur
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