Quelle: Chabad Lubawitsch,

«Love all! Serve all!»

Eine Mikwe als Spa?

Kürzlich fand die mehr oder weniger «inoffizielle» Eröffnung der neunten Berliner Synagoge statt. Sie befindet sich im «Jüdischen Bildungszentrums „Szloma-Albam-Haus"» von Chabad Lubawitsch Berlin in der Wilmersdorfer Münsterschen Strasse. Die Eröffnung des Hauses, in dem auch das «Rohr Chabad Familienzentrum» seine Heimstatt finden wird, ist für den Sommer 2007 vorgesehen, auch wenn jetzt schon einige Seminar- und Kursräume, vor allem aber die Synagoge, genutzt werden. «Obwohl wir mit dem Bauen noch lange nicht fertig sind, ist unser Zentrum schon heute ein sehr aktiver Ort: Jeden Nachmittag kommen die Kinder, es gibt Unterricht für Erwachsene, Philosophiezirkel, einen Chor und einen Schachclub, wir sprechen über den Talmud, man kann Hebräisch lernen», berichtet Rabbiner Yehuda Teichtel begeistert.

Wir hatten die Möglichkeit, uns auf der Baustelle umzusehen und den Rabbi bei einem Gang durch das neue Zentrum zu begleiten. Immer wieder wechseln wir von einem schon komplett ausgestatteten Raum in einen nächsten, in dem wir über noch freiliegende Leitungsstränge, Zementsäcke oder Holzbohlen steigen.

Das «Szloma-Albam-Haus» wird das größte Chabad-Zentrum in ganz Deutschland werden. 14 Zentren gibt es bereits deutschlandweit, keines davon in diesen Dimensionen. Die kleinsten finden sich in Privathäusern und Wohnungen. Die Chabad-Gemeinde Düsseldorf hat kürzlich ebenfalls eine größere Liegenschaft erworben, die zu einem großen Zentrum ausgebaut werden soll.

Licht und Wärme
Bis zum Erwerb des Grundstückes mit seinen knapp 5.000 qm und des Hauses mit einer Nutzfläche von etwa 2.700 qm durch Chabad Lubawitsch wurde es von der BEWAG genutzt. Das Eis in den Gesprächen zum Kauf war gebrochen, als Teichtel den Verhandlungspartnern des städtischen Energierversorgers lächelnd erklärte: «Sie machen Licht - und wir machen Licht!». Mit Hilfe der «Szloma-Albam-Stiftung» konnte das Gebäude übernommen werden, die schon die Einrichtung der Bibliothek des Berliner Touro-College finanziert hat, der ersten amerikanisch-jüdischen Privatuniversität in Deutschland. Hinzu kam eine großzügige Förderung durch die New Yorker Familie Rohr und sehr viele private Spender. Damit ist das Haus die erste jüdische Einrichtung in ganz Deutschland, die durchweg privat finanziert ist, ohne Hilfe der Kommunen, erklärt Teichtel. Der Senat freue sich auf das neue aktive Zentrum. Der Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit war bereits zu Gast.

Vor 18 Monaten hat der Umbau begonnen, im kommenden Sommer soll er abgeschlossen sein, auch wenn dann vielleicht noch nicht alles ausgebaut und funktionstüchtig sei. «By the people - for the people», so einfach habe es bislang funktioniert. «Wir sind zu einer ganz bestimmten Zeit nach Berlin gekommen und haben mit unserem Zentrum angefangen. Es musste aktive Plätze für die Jüdischkeit geben. Unser Haus kommt von den Menschen, vom Keller bis zum Dach, das ist eine ganz besondere Qualität!»

Wir stehen im künftigen koscheren Restaurant, dem Familien-Café des Zentrums. Zu sehen ist davon noch nichts. Im Küchentrakt steht bislang noch eine als Schreibtisch genutzte Tapezierplatte für Rabbiner Shmuel Segal, dem Programmdirektor des Hauses. Zu seinen Aufgabenbereichen zählen Veranstaltungsangebote für Senioren und Kinder, die Vorbereitung der Feiertage, aber auch regelmäßige Besuche in den Berliner Gefängnissen, in denen er derzeit 19 Gefangene betreut. Die Angebote für russischsprachige Zuwanderer sollen ausgebaut werden. Dennoch werde die Umgangssprache im Chabad-Bildungszentrum deutsch sein, die offizielle Sprache hingegen die «Sprache des Herzens», ergänzt Teichtel lachend. Man habe mit den Neueinwanderern die Erfahrung gemacht, dass diese nicht «ausgesinglet», sondern integriert sein wollten, erklärt Segal.

Förderer gesucht
Viele Teilbereiche des Hauses, einzelne Räume sogar, haben Familien gesponsort und noch immer stehen die Menschen hinter dieser Idee. Erst vor wenigen Wochen sei eine alte Dame mit einem Hundertmark-Schein gekommen, den sie habe spenden wollen. Sie sei nicht jüdisch gewesen, eine Nachbarin aus der Ravensberger Strasse, die ganz einfach etwas habe tun wollen, erzählt Teichtel. «Diese hundert Mark sind mir ebenso viel Wert, wie tausende Euro, weil sie von Herzen kommen.» Das ganze Haus sei von Herzen und mit viel Herz gebaut worden und werde es noch immer. «Wir haben kein Budget! Wenn wir Geld bekommen, wird sofort weitergebaut!»

Von der veranschlagten Bausumme in Höhe von vier Millionen Euro fehlen derzeit noch 1,9 Millionen. Dafür werde man zum Beispiel eine Mikwe einbauen. «Mikwen sind in Deutschland und Europa nicht populär. Die Frauen haben hier immer das Gefühl, alles sei ein bisschen altmodisch. Unsere Mikwe wird total „re-designt", sie wird aussehen wie ein Fünf-Sterne-Spa, Maniküre, Pediküre wird es geben und die Frauen werden gerne in unsere Mikwe kommen!» Bislang ebenfalls noch nicht finanziert sind die «Lounge» im Kellergeschoss, das geplante Multi-Media-Zentrum, der Computerraum, die Bibliothek und der Seminarsaal.

Schon jetzt arbeiten 27 fest angestellte Mitarbeiter im Bildungszentrum. Etwa 50 ehrenamtliche Helfer kommen dazu, etwa für die Armenküche am Freitag oder Besuche in Krankenhäusern. In diesem sozialen Engagement ist das neue Zentrum indes in guter Nachbarschaft. Nebenan hat die Evangelische Daniel-Gemeinde ihr Kirchenzentrum, erste Gespräche miteinander haben bereits stattgefunden, einen «Runden Tisch» werde es geben, vielleicht auch gemeinsame Gemeindefesttage.

Modernste Architektur
Der Umbau des «Szloma-Albam-Hauses» ist von Sergej Tchoban entworfen worden. In Berlin hat der 44jährige Star-Architekt für die Rekonstruktion des denkmalgeschützen Berolina-Hauses am Alexanderplatz, vor allem aber für den Neubau des Dom Aquaree künstlerisch verantwortlich gezeichnet. International Aufsehen erregte Tchoban als maßgeblicher Entwerfer des nach seiner Fertigstellung 2007 höchsten Gebäudes in Europa, des «Federation Tower» in Moskau. Der 1992 nach Deutschland gekommene Absolvent der Leningrader Kunstakademie betreibt Büros in Hamburg, Dresden, Berlin und Moskau.

Das neue Berliner Zentrum richtet sich nicht nur an Berliner Juden. «Man muss nicht orthodox sein, um zu uns kommen zu können», erklärt Teichtel. «Nach der Philosophie von Chabad sind wir für jeden Menschen offen. Unser Haus verfolgt zwei Ziele: Es richtet sich an die jüdischen Menschen, um ihr Wissen über Religion, Kultur, Geschichte und Philosophie zu erweitern, vor allem über die Jüdischkeit. Wir fühlen uns aber auch den Menschen verpflichtet, die nicht jüdischen Glaubens sind, sie kommen genauso um über Kultur und Geschichte der Juden etwas zu erfahren. Kürzlich hatten wir aus der Universität Hamburg eine Gruppe hier, die über jüdisches Leben eine Art ganz persönliches Wissen erlangen wollte.»

«Berlin Welcome Center»
Besonders für die nichtjüdischen Gäste wird das Haus schon von außen sehr einladend sein. Den Eingangsbereich des imposanten villenartigen Gebäudes ziert alsbald eine schmale Glasfassade über zwei Etagen, noch ist sie nur zu erahnen, ein großes Loch an ihrem Platz ist mit Spanplatten verschlossen. Direkt dahinter sind die Tischler am Empfangstresen des künftigen «Berlin Welcome Center» beschäftigt, Blickfang und erster Kontaktpunkt mit dem Zentrum. «Jeder Berliner, aber auch jeder Tourist, hat die Möglichkeit, alle Informationen über Berlin zu bekommen. Aber nicht nur das: Er kann ins Internet gehen, kann seine eMails checken, Besichtigungstouren durch das jüdische Berlin werden hier starten.»

Direkt neben dem Tresen wir ein großer Judaica-Laden seinen Platz haben. Erste Vitrinen stehen schon und vermitteln einen Eindruck über die künftige Atmosphäre. «Soweit wir wissen, gibt es in Berlin, oder vielleicht sogar in ganz Deutschland, noch keinen Judaica-Shop», vermutet Teichtel. «Zumindest keinen, in dem es einfach alles geben wird: Gegenstände für den Shabbat-Tisch, jüdische Spiele und CDs, egal ob einen silbernen Kerzenhalter oder etwas ganz einfaches. Natürlich gibt es viele Läden in denen man jüdische Literatur oder ähnliches kaufen kann. Aber ein einziges Geschäft, in dem es von A bis Z alles gibt, das werden wir unseren Besuchern hier im Erdgeschoss bieten können.»

In einem Teil des Hauses werden sich alsbald die Bildungsangebote konzentriert wieder finden, das wird das eigentliche «Szloma-Albam-Haus» werden, für alle anderen Aktivitäten steht mit dem «Rohr Chabad Center» ein weiterer Gebäudeteil zur Verfügung.

Die Synagoge
Mit dem Gleichnis des Rabbiners zwischen BEWAG und Religion, das beide den Menschen Licht bringen würden, war zugleich die Grundidee für den Umbau geboren. In der räumlichen Mitte des Hauses liegt nun auch die religiöse: Dort, wo sich früher die Trafostation in einem mehrstöckigen Raum befand, ist heute die Synagoge eingebaut.

Besonders stolz führt mich Teichtel hierher, einen Raum mit moderner, warmer Holztäfelung und einem beruhigenden Lichtkonzept. Auf zwei Ebenen bietet die Synagoge 250 Betern Platz. «Es lebt! Die Gottesdienste sind schon jetzt mit über hundert Menschen voll», so Teichtel stolz. «Wir werden hier beide Ziele einer Synagoge verwirklichen können: Eine sehr warme, traditionelle Atmosphäre zu schaffen und zugleich eine sehr moderne, transparente, ein „offenes Gefühl". Dafür steht auch die Kuppel, die uns diese Offenheit symbolisiert.»

Für das Herzstück des Zentrums hat sich Architekt Tchoban etwas Ungewöhnliches einfallen lassen. Spätestens seit seinen Fahrstühlen im Dom Aquaree weiß man von seiner Passion für frei Schwebendes. Er hat die Empore so konstruiert, dass sie nur an einer Seitenwand mit dem Gebäude verbunden ist, ein Effekt, der sich erst beim genaueren Hinsehen erleben lässt. Direkt daneben wird einmal der Raum für den Kindergottesdienst sein. Bislang lässt sich auch hier die Zukunft nur erahnen, außer ein paar Eimern Spachtelmasse ist noch nichts zu sehen.

«Allen, die unsere neue Synagoge betreten, wird sie Inspiration sein und ein erhebendes Gefühl vermitteln. Unsere Gottesdienste sind traditionell, einladend und freudvoll. Auch diejenigen, die nur begrenzte Erfahrung haben, können sich beim gemeinsamen Gebet mit Anderen wohl fühlen. Ein Ort der Feier für eine Brisor, Bar- und Bat Mitzwa, ein Ort des Trostes für den Trauernden, der das Kaddisch spricht, ein Ort, an dem Kinder uralte Melodien lernen können - unsere Synagoge wird ein Verbindungsglied über Zeit und Raum hinweg zwischen uns und unseren Vorfahren und Nachfahren sein», ist sich Teichtel sicher.

Der Gemeinde verbunden
Seit über zehn Jahren sind seine Frau Leah und er nun in Berlin. Yehuda Teichtel ist der «dienstälteste» unter den Berliner Rabbinern. Die Einheitsgemeinde sei der Rahmen für seine Arbeit, innerhalb dessen er jüdisches Leben noch aktiver und lebendiger, offener und zugänglicher machen wolle. Die Gemeinde habe derzeit etwa 12.000 Mitglieder, «aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die nicht in der Gemeinde organisiert sind. Das ist ein Fakt und keine Theorie, man kann niemanden zwingen, man kann es nur empfehlen. Wir sind hier für jeden Menschen, jederzeit.» Chabad habe nicht den Anspruch, eine konkurrierende Gemeinde führen zu wollen. «Wir sind ein Bildungszentrum, ein Ort für das Herz, ein Ort für den Kopf, wo man lernen und wo man wachsen kann.»

Das Angebot nehmen schon heute auch viele Brandenburger wahr, ebenso gehe man nach draußen, unterstütze die entstehenden Zentren etwa in Schwerin oder Rostock mit «One Day Crash-Kursen» und Judaica.

Die Idee
Danach gefragt, welche Grundidee das neue Bildungszentrum verfolgen würden, schmunzelt der Rebbe. Es sei dasselbe wie im Hardrock-Café «Love all! Serve all!». Es gehe schließlich darum, die junge Generation zu überzeugen, ein aktives jüdisches Leben zu führen. «Der Inhalt ist richtig, das ist unsere Wahrheit, die wir schon seit über dreitausend Jahren haben. Aber die Vermittlung, das „packaging", muss an unsere Zeit angepasst sein, damit es für junge Leute attraktiv bleibt. Wenn die Menschen zu uns kommen, eine schöne Synagoge sehen und dazu einen aktiven Ort, wo man alles Mögliche machen kann, wo jeder eingeladen ist, welchen Hintergrund er auch immer haben mag - das finden die Menschen gut.»

Man sei mit dem neuen Zentrum nicht nur für die Orthodoxen da, Chabad Lubawitsch werde niemandem ein Label anheften. «Als ich nach Berlin gekommen bin hat man mich gefragt: „Bist Du ‚Joachimstaler Strasse' oder bist Du ‚Pestalozzistrasse'?" (nach der religiösen Ausrichtung der jeweiligen Synagoge - Anm. d. Red.) Ich habe geantwortet: „Ich bin nicht liberal, ich bin auch nicht orthodox!" Es gibt auch keine russischen Juden und keine deutschen. Es gibt Juden, die aus Russland kommen, Juden, die aus Amerika kommen, Juden, die aus Israel kommen. Nach unserer Auffassung ist ein Jud ein Jud und Punkt. Jeder andere Zugang ist falsch!»

Lutz Lorenz

Informationen:

Chabad Lubawitsch Berlin

Münstersche Strasse 6

10709 Berlin-Wilmersdorf

Telefon: (030) 212 808 30

Telefax: (030) 212 808 31

eMail: Bchabad@aol.com

Internet: www.chabadberlin.de

 

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«Jüdische Zeitung», Dezember 2006