"Mir san doch in Bayern"

 

Leserbrief zum Leserbrief "Sozial und national in Bayern", JZ 09/2008

 

Als Kenner und Betroffener bayerischer Mentalität seit einem halben Jahrhundert möchte ich den Leserbrief von Robert Schlickewitz aus dem niederbayerischen Deggendorf so kommentieren und ergänzen: Beim Wahlslogan «Sozial geht nur national» in «Bayern, präziser Deggendorf» müsste sich, meint Robert Schlickewitz aus Deggendorf, «jeder anständige Mensch die Augen reiben» angesichts einer «für überwunden geglaubten Ideologie», welche mit solchen Schlagworten aber genau in Bayern damals in die Gänge kam – Gänge, die Schlickewitz chronologisch aufzählt: Der Thule-Bund (seine Gründungs-

Traditioneller Georgiritt zu Ostern am «Ettendorfer Kircherl» in Traunstein / Oberbayern. Foto: dp

mitglieder Nr.3-8 hießen Lanz von Liebenfels, Hitler, Heß, Göring, Himmler und Streicher) wurde 1918 in Bayern gegründet, auch DAP (1919), NSDAP (1920), SA (1921), die SS des Münchners Himmler (1925), und nachher die REP des Münchners Schönhuber (1983) und die DVU des Münchner Verlegers Frey (1987): das waren sämtlich bayerische Pflanzerl. Liegt’s am schwarzbraunen Boden oder an der guten Luft? Der Thulebündler Nr.4 zum Beispiel war von den Oberammergauer Freiluft- Passionsspielen begeistert, besonders vom Pontius Pilatus als «rassisch und intelligenzmäßig überlegenen Römer wie ein Fels inmitten des jüdischen Geschmeißes und Gewimmels», und angesichts der «ungeheuren Bedeutung dieser Festspiele für die Aufklärung» sei er selbst, bekannte der Braunauer, «ein absoluter Christ.» Gut, dass man in Oberammergau heute, nicht zuletzt durch Spielleiter Christian Stückl, bezüglich der Spielwirkung zumindest sensibilisiert ist. Auch dass die berühmte «Deggendorfer Gnad» – jene alljährliche Prozession zur Sühne einer Hostienschändung, welcher im Jahr 1338 angeblich mehrere Hostien und jedenfalls alle jüdischen Einwohner zum Opfer gefallen waren – schon 1992 durch bischöfliches Machtwort ein abruptes Ende fand, belegte eindrucksvoll kirchliche Großmut und fast schon überstürzte Beinah-Einsicht in historische Mitverantwortung. Aber 1995 dann das berühmte Mir-san-mir- Gesetz der christlich-staatstragenden Partei: Zwar sind Kruzifixe in Klassenzimmern verfassungswidrig, zwar inserieren diese anheimelnden Folterbilder in Kindern antisemitische Ressentiments (was schon Sören Kierkegaard, Dagobert Runes, Hans-Jochen Gamm und Daniel Goldhagen erfolglos deutlich machten), zwar handelt es sich beim geschnitzten Herrgott für Muslime (oft die Mehrheit der Hauptschulklassen) und für Juden «um einen eklatanten Verstoß gegen das Bildverbot des Dekalogs» (Shalom Ben- Chorin). Aber mir san doch in Bayern, und deshalb kriegt der oberste Kreuzer- laufhänger, Grundwert- und Zehnworttrampler Edmund Stoiber vom Landes- verband der Jüdischen Kultusgemeinden Bayerns 2007 noch glatt den Rabbiner-Spiro-Preis ins Austragsstüberl nachgeschmissen. Und der Münchner Bundeswehr-Historiker Michael Wolffsohn findet zeitnah nicht nur Eiserne Kreuze für die Truppe ganz okay, sondern verkündet auch, der Holocaust sei «in keiner Weise Konsequenz einer antijüdischen christlichen Theologie», denn «der Gedanke an eine Auslöschung der Juden sei erst mit dem Wegfall religiöser Bindungen in der Moderne entstanden. » Von einer «„christlich- theologischen Vorgeschichte“ des Judenmordens und des Holocaust» könne man keineswegs sprechen. Okay, die Erde ist ja eine Scheibe, aber was ist nun mehr zum Augen reiben: Das hoch gelehrte «Schoah kam ganz von ungefähr» aus jüdischem Mund, das dumpfbackige «Sozial geht nur national» einer marginalen Doitsch- Partei oder das «Anything goes» der jüdischen Hommage für Landvogt Stoiber?

 

Dr. Konrad Riggenmann,

Pfaffenhofen/ Bayern

«Jüdische Zeitung», November 2008