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Vereinnahmung statt Dialog

Die Frontlinie im Kampf um die jüdische Seele liegt in Berlin-Lichterfelde

Ihre Geschichte beginnt wie viele andere. Larissa ist Jüdin und lebt in Berlin. Eine erfolgreiche Ärztin mit kleiner Tochter. Vor kurzem brach ihre Welt zusammen, als ihr Mann sie verließ. «Es ging mir schlecht», sagt Larissa (Name und persönliche Daten von der Redaktion geändert). «Eine jüdische Freundin, die mit einem Christen verheiratet ist, hat sich meine Sorgen angehört und gesagt: „Komm mit mir in meine Synagoge. Es ist wirklich nett dort. Und bring dein Kind mit".»

Also ist Larissa hingegangen. «Die Rebbezen, sie war so eine wunderschöne junge Frau und konnte so gut singen. Und auch der Rabbi war nett und alles war auf Russisch», sagt Larissa, deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion hierher emigriert sind. «Die Menschen erzählten mir einer nach dem anderen ihre Geschichten, und alle interessierten sich für mich. Alle waren sie Emigranten, es waren Juden und Nichtjuden. Aber auch die Nichtjuden waren alle durch Heirat mit einem Juden verbunden. Aber sie erwähnten nie, dass das Ganze eigentlich nichts Jüdisches ist. Alles war gleich - die Lieder, die Gebete. Alles war gleich - nur, dass Jesus der Messias ist.»

Wie bei Larissa beginnt es für viele Mitglieder messianischer Gemeinden. Diese predigen, dass Juden an Jesus glauben und dennoch jüdisch bleiben könnten. Dies allerdings steht jedoch in vollkommenem Widerspruch zu jüdischen Gesetzen und Traditionen und wird von allen großen Strömungen des Judentums gleichermaßen abgelehnt. Auch die beiden Amtskirchen in Deutschland stellen sich offiziell gegen die Missionierung, die speziell auf Juden abzielt.

Trotz dieser Ablehnung von allen Seiten frohlocken Berlins messianische Juden zurzeit. Nicht, weil sie zahlenmäßig besonders gewachsen sind, sondern weil sie jüngst ein neues Messianisches Zentrum eingeweiht haben, um die Arbeit ihres Gebetshauses, Beit Sar Shalom, auszuweiten.

Anlässlich der Einweihungszeremonie drängten sich mehr als 1.000 enthusiastische Christen und Mitglieder der messianischen Gemeinde, manche davon mit Tallit und Kippa, in der Kirche am Südstern in Berlin Kreuzberg, einem Versammlungsort für charismatische Christen, um die offizielle Eröffnung des neuen Messianischen Zentrums in Berlin Lichterfelde zu feiern. Das neue Zentrum wird Unterricht für Kinder anbieten, ein Bildungszentrum für Menschen aller Altersstufen und, natürlich, einen Altarraum mit Torarollen. Man erhoffe sich so, die Juden in Berlin dazu zu bringen, ihre Kinder in die Musik- und Kunstklassen zu schicken, sagt Wladimir Pikman, der 37-jährige spirituelle Anführer von Beit Sar Shalom. Erst vor kurzem hat er seine Ausbildung am Dallas Theological Seminary in Texas abgeschlossen. Auf diese Weise, sagt er, könne die Gemeinschaft eine Brücke zur Jüdischen Gemeinde bilden. Pikman steht im Altarbereich der Kirche vor einer israelischen Flagge und einem großen Kreuz. Eine Tora wird feierlich zur versammelten Menge herunter getragen, deren Mitglieder sie mit Küssen empfangen. Sie singen dabei die Worte nach, die auf einem großen Bildschirm übertragen werden - hebräische Lieder, gespickt mit dem Namen Jesu. Sammelkörbe werden dabei umhergereicht, damit die Gäste helfen können, die Hypothek für das neue Zentrum abzuzahlen.

So klein die Gemeinschaft auch ist, Beit Sar Schalom stellt eine weitere Front im weltweiten Kampf um die Seelen der Juden dar. Unterstützt von den «Chosen Peoples Ministries» in den USA ist sie einer der vielen weltweiten Vorposten, deren Ziel es ist, das zu verbreiten, was sie als Wahrheit über den Messias betrachten. Dies zielt auch darauf ab, der Erfüllung der Prophezeiung den Weg zu bereiten, durch etwas, was Mitch Glaser, der Vorsitzende von «Chosen People's Ministries» den «Brit Chadasha» nennt, den Neuen Bund oder das Neue Testament. Die Zeichen - von der Rückkehr der Juden nach Israel bis hin zur Bedrohung durch Krieg und Zerstörung - wiesen auf das Kommen des Messias hin, sagt Glaser, der als Jude in Brooklyn geboren wurde. «Habt keine Angst, vertraut auf Gott. Ich habe diese Gemeinde über etwas mehr als zehn Jahre wachsen sehen», sagt er und drückt sein Erstaunen über die «spirituelle Pilgerreise» von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion aus. «Es ist wirklich wundervoll zu sehen, dass in den Köpfen dieser russisch-jüdischen Deutschen keine Trennung zwischen ihrem Jüdischsein und ihrem Glauben an Jesus besteht».

Geborgenheit
Das genau sei das Problem, sagen führende Vertreter der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion haben wenig bis gar keine Kenntnis über ihre jüdischen Wurzeln. Viele kamen in der Hoffnung auf ein - wirtschaftlich - besseres Leben nach Deutschland. Und tatsächlich vervierfachte sich die jüdische Bevölkerung Deutschlands seit dem Mauerfall auf mehr als 120.000 Personen. Die überforderten jüdischen Gemeinden können nicht immer die Bedürfnisse der Neuankömmlinge befriedigen. Diese wiederum stehen unter Stress, einige sind einsam, einige tun sich schwer mit der Integration.

Lina (Name geändert) beispielsweise kam vor 25 Jahren nach Deutschland. Vor sieben Jahren erzählte ihr eine Freundin von der messianischen Synagoge. «Geh hin, sagte sie mir. Alle sprechen russisch. Seither komme ich jeden Samstag zu den Gottesdiensten. Ich habe fast niemanden in meiner Familie», sagt sie in einer Pause während des Schabbat-Gottesdienstes. «Mein Mann und mein Sohn sind beide tot. Hier habe ich Zuflucht vor meiner Einsamkeit gefunden. In Russland hatten wir keine Religion. Sie war verboten. Eine Bibel habe ich zum ersten Mal hier gesehen», sagt sie. «Ein jüdischer Freund sagte mir, ich solle nicht hierher kommen, aber für mich ist dieser Glaube der wahre Glaube.»

Georgi (Name geändert) fand die Gemeinde durch eine Anzeige in einer russischen Zeitung. Zu dieser Zeit war er niedergeschlagen, da seine Frau ihn verlassen hatte und sein Vater gestorben war. «Vorher hat es mich nicht interessiert. Aber dann sah ich diese Annonce. Und jetzt komme ich zwei oder dreimal in der Woche her.» Auch er hatte wenig Erfahrung mit der Religion. «Es war nicht so schwer für mich, Jesus - oder Jeschua - anzunehmen», sagt er. «Vorher war ich Atheist. Jetzt bin ich Gemeindemitglied, und ich bin glücklicher».

«Klar, ich war schwach, aber ich war nie so schwach», sagt Larissa, die nur ein Mal hingegangen ist. «Meine Eltern haben mir immer gesagt: „Du bist Jüdin, Du bist Jüdin". Ganz tief in meinem Inneren bin ich jüdisch. Und es ist egal, was mir irgendwer erzählt.»

Manche der Anwesenden sagen, die Jüdischen Gemeinden sorgten sich einfach nicht genug um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Und darum sähen sich Juden nach Alternativen um. «Das Geheimnis liegt darin, attraktiver als die anderen zu sein», sagt daher Anat Bleiberg, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. «Das ist ein weltweites Problem, sogar in Israel. Wir wissen nicht, wie viele oder welche Leute darin involviert sind, aber wir hören immer wieder davon.»

Innerjüdische Mission
Vielleicht müsse die Gemeinde ihre Haltung ändern, gibt Anat Bleiberg zu bedenken, die in dieser Abteilung schon seit zwanzig Jahren arbeitet. «Wir können nicht erwarten, dass alle zu uns kommen, wenn sie Hilfe brauchen. Wir müssen auf sie zugehen und sie mehr als Kunden, weniger als Klienten betrachten. Schauen Sie auf Chabad», fügt sie hinzu. «Sie machen sich attraktiv und bekommen viele Mitglieder. Sie unterscheiden sich nicht im Geringsten von den jüdisch-christlichen Organisationen - zwar sind sie nach Außen hin anders, aber sie funktionieren im Prinzip auf dieselbe Weise und sie sind sehr attraktiv. Und die Leute gehen hin. Daher müssen wir uns selbst kritisch befragen »

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, pflichtet ihr bei: «Wenn die jüdischen Gemeinden nicht attraktiv genug sind, um die Leute in der Gemeinde zu halten, wird weder ein Gesetz noch irgendeine Strömung helfen», meinte er kürzlich in einem Interview. «Wir leben in einer freien Gesellschaft». Kramer fragte zudem: «Wenn die messianischen Gruppen einsamen Menschen helfen, warum tun das dann unsere Jüdischen Gemeinden nicht?»

Es könne gut sein, dass die Jüdische Gemeinde sich mehr ins Zeug legen müssen, dennoch würden die messianischen Gruppen «hier keinen Erfolg haben», betont Nathan Kalmanowicz, Zentralratsmitglied und Verantwortlicher in Sachen Religion. «Sie können zwar ein paar arme, einsame Seelen erwischen, die keine Freunde haben, keine Familie und kein Geld. Aber es wird keine breite Bewegung werden. Deutschland ist nicht der richtige Ort dafür.»

Ende der Judenmission?
Die Vorsitzenden von Deutschlands Amtskirchen hätten ihnen versichert, dass sie versuchten, sich der Mission unter Juden zu enthalten, fügt er hinzu. Gegenwärtig haben die Gemeinden andere Sorgen: die Integration von Einwanderern in das religiöse, soziale und kulturelle Leben. «Wir haben so viele Probleme mit den Zuwanderern. Uns fehlen die Mitarbeiter, um uns mit anderem auseinanderzusetzen. Es ist ein Jammer, aber es gibt dringendere Probleme.»

Die protestantische Missionierung unter Juden in Deutschland begann im Jahre 1822 mit der Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden, sagt Peter von der Osten-Sacken, Professor Emeritus für Neues Testament und christlich-jüdische Studien an der Humboldt Universität zu Berlin. Die Missionierung setzte sich fort, sogar während des Nationalsozialismus und der Teilung Deutschlands, sagt von der Osten-Sacken, der auch dem Institut für Kirche und Judentum vorsitzt. Erst ab den späten 60er Jahren hielten sich die Zweigstellen der Evangelischen Kirche in West und Ost in ihrer Judenmission zurück. 1999 tat sich die Evangelische Kirche in Deutschland mit dem Zentralrat der Juden zusammen und veröffentlichte eine Erklärung, wonach russischsprachige Juden von kirchlichen Stellen die Adressen der jeweiligen jüdischen Gemeinde erhalten.

«Was kann die jüdische Gemeinde tun? Was sollte sie tun? Es ist schwer, hier ein Patentrezept zu liefern», sagt von der Osten-Sacken. «Das Problem ist, dass hierzulande religiöse Freiheit herrscht. Menschen können sich zusammentun und sagen, was sie wollen. Dies ist eine Demokratie und wir müssen das Recht der Menschen respektieren, so zu beten, wie sie wollen. Wenn aber diese messianisch-jüdischen Gruppen kommen und sagen, „wir sind die rechtmäßigen Juden", dann müssen wir „Nein" sagen.»

Wladimir Pikman versteht nur «Ja». Er ist ein freundlicher Mann, mit einem gewinnenden Lächeln und der Gabe, Menschen ein gutes Gefühl zu geben. Er erinnert sich enthusiastisch daran, wie ein Freund ihn überzeugte, dass er an Jesus glauben und dennoch Jude bleiben könne. Es war anfangs nicht leicht für ihn, aber 1995 wurden schließlich er und seine jüdische Verlobte Inna in einer messianischen Gemeinde in Kiew getraut - einer Zweigstelle der «Chosen People's Ministries». Schließlich wurde er zum Gründungsmitglied von Beit Sar Shalom in Berlin, einem Vorposten der «Chosen People» entlang der Frontlinie im Kampf um Deutschlands auflebende jüdische Bevölkerung.

Jetzt, sagt er, sei Deutschland Teil eines «göttlichen Plans»: Die jüdische Bevölkerung in Deutschland wache schneller als zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte. Darunter befänden sich etwa 2.000 «jüdische Gläubige», etwa genau so viele wie in Israel. Pikman will, dass das neue Zentrum eine «messianische Botschaft wenn nicht für Europa, dann wenigstens für Deutschland» sei und «täglich rund um die Uhr» erreichbar. Das Bemühen um Mitglieder kann viele Formen annehmen: «Manchmal gehen wir auf die Straßen oder lassen Menschen mit anderen Menschen reden, wir gebrauchen die Medien, zum Beispiel russische Zeitungen und wir versuchen, Menschen auf unsere Mailinglisten zu bekommen. Der beste Weg in Deutschland aber ist der Weg über die Freundschaft - über Verwandte und Freunde. Juden in Deutschland sind in eine Art Netzwerk eingebunden. Es ist nicht nur eine Strategie. Es ist das, was wir gerne tun.»

Wiedergutmachung?
«Wir sind ein besonderer Punkt auf der Brücke zwischen Juden und denen, die aus anderen Nationen an Jesus glauben», sagt Pikman. «Wir werden eine unausweichliche Realität. Viele Menschen kommen in unsere Gemeinschaft, aber bleiben Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, und wir ermutigen dazu das zu bleiben. Wir trennen uns nicht.» Pikman selbst hat allerdings ein kleines Problem: Seine eigenen Eltern sind von seiner Organisation nicht überzeugt. Sie wünschen sich noch immer, er wäre Ökonom geworden. Und Wladimir Pikman sorgt sich sehr um ihr Heil. Wie Pikman wuchs auch Mitch Glaser in einer jüdischen Familie auf - in Brooklyn allerdings, nicht in der Ukraine. Als er 18 Jahre alt war, begann er, nach Antworten zu suchen. Damals erklärte er seine Freunde aber noch «für absolut schwachsinnig», wann immer sie versuchten, ihn für Jesus zu gewinnen. Müßig zu erwähnen, dass er seine Meinung geändert hat. Jetzt beobachtet er mit Stolz, wie ein anderer, als Jude geborener junger Mann, für Jeschua das Banner erhebt.

In gewisser Weise sei dies in Deutschland fast wichtiger als in New York oder Israel. Denn in Deutschland sei es «ein gewaltiges Zeugnis von Gottes Glaube und Gnade.» Gott gebe den Deutschen eine zweite Chance: «Er hat die Juden zurück nach Deutschland geführt und jetzt haben wir die Chance, Gott zu gefallen, indem wir das jüdische Volk lieben anstatt es zu zerstören.» Dann fügte er hinzu, «diesen Fehler sollten wir besser nicht noch einmal begehen». Glaser versteht, dass die Amtskirchen die Judenmission vermeiden: «Sie sagen „wir wollen das nicht tun, weil wir einen Anteil daran hatten, was den Juden zugefügt worden ist und wir das jüdische Volk erneut in Deutschland willkommen heißen wollen und wollen, dass sie sich hier wohl und sicher fühlen." Ich kann dazu nichts sagen.» Aber das Neue Testament befiehlt den Gläubigen eindeutig, zu den Juden und Heiden zu predigen, fügt er hinzu. Also «würde ich meine Freunde in den beiden großen Kirchen, Katholiken und Protestanten, durchaus dazu ermutigen, auf Jesus und auf Paulus zu hören und die Bibel zu verkünden.»

Für jene, die sagen, dass der Holocaust eine Strafe für die Nichtgläubigen war, hat er nur Verachtung! Schließlich habe es mindestens eine Viertelmillion messianischer Juden gegeben, die im Holocaust ums Leben gekommen seien. «Es gab mehr Juden, die vor dem Holocaust an Jesus glaubten als heute, und ich kann das beweisen», sagt Glaser, der über dieses Thema am amerikanischen Fuller Theological Seminary promoviert hat.

Auch in Deutschland gibt es messianische Juden nicht nur in Berlin. Wenn ständig jemand an einen herantrete und sage «ich liebe euch», werde die Sache problematisch, berichtet etwa der Superintendent der Evangelischen Kirche in Chemnitz, Andreas Conzendorf. Das sei eine Art «religiöses Stalking». Conzendorf selbst erfuhr vor kurzem Kritik aus seiner eigenen Gemeinde, als er sich weigerte, einer messianischen Gruppe Räume zur Verfügung zu stellen. «Ich habe gesagt, ich kann und will mich daran nicht beteiligen, weil es die jüdische Gemeinde verletzt und verärgert», sagt er. «Ich kann nicht vergessen, dass die Juden von Chemnitz alles und auf unbeschreibliche Weise verloren. Wir können ihnen ihr Leben nicht zurückgeben oder ihre Güter - alles wurde zerstört. Und Christen waren daran beteiligt und haben es auch mit angesehen. Wenn es also daran geht, das Christentum zu verbreiten, bin ich zurückhaltend. Ich würde nicht vor einer Synagoge stehen und Werbung machen». Später beschuldigte ihn jemand, «wie die Nazis im Dritten Reich» zu sein, weil die Kirche heute diese Missionare ablehne wie die Nazis die Juden ablehnten.

«Einer hatte das geäußert, aber er nahm es zurück», fährt Conzendorf fort. Aber dann erhielt er einen anonymen Brief, in dem stand, wenn es keine Juden mehr gäbe, dann gebe es auch keinen Antisemitismus mehr, und darum müsse jeder, der keinen Antisemitismus wolle, die Juden loswerden wollen. Er brachte ihn zur Polizei.

«Ich bin zu einer oder zwei dieser Seancen gegangen», erzählt Peter Ambros, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, der sich als Gemeindeleiter informieren wollte. «Mein persönlicher Eindruck ist, dass wenn Menschen davon beeindruckt sind, könne sie nicht mehr gerettet werden. Sie sind dann bereits für die jüdische Gemeinde verloren.» Vor einigen Jahren gelang es der Chemnitzer Jüdischen Gemeinde, eine messianische Gruppe daran zu hindern, in den Auffanglagern für Zuwanderer Werbung mit jüdischen Symbolen anzubringen. «Es war eine kleine Hilfe, aber es ist nicht möglich, sie zu verbannen», sagt Ambros und fügt hinzu, dass das jüdische Gemeindeblatt Artikel veröffentlicht, die erklären, was messianische Gruppen sind, «dass sie sich Juden nennen, aber dass kein Jude in dieser Welt sie als Jude betrachtet.»

Larissa wiederum sagt, sie brauche keine Belehrungen. Sicher sei sie niedergeschlagen gewesen, «draußen» aber sei sie nicht gewesen. «Wenn sie singen, ist es sehr nett», sagt sie, «aber ich war sehr zurückhaltend. Ich wollte nie Teil hiervon werden. Ich denke, mit Verboten löst man nie Probleme», fügt sie hinzu. «Man kann sich nicht verstecken, wenn man es in sich trägt: Wenn du ein Jude bist, bist Du ein Jude.»

Toby Axelrod (Übersetzung: Esther Kontarsky)

Geschichtliches:

«Messianisch-jüdische Synagoge»?

«Wie es sich christelt, so jüdelt es sich», heißt eine jüdische Redensart. Für rein kulturgeschichtliche Wechselbeziehungen, etwa zwischen dem christlichen Weihnachten und unserem jüdischen Lichterfest Chanukka, mag das gelten, doch wenn die evangelische Nachrichtenagentur «idea» unter der Überschrift «Juden in Deutschland mit dem Evangelium erreichen» von einem jüdisch-messianisches Zentrum berichtet, dann hat das nichts mehr mit jüdisch-christlicher Beziehungsgeschichte oder interreligiösem Dialog zu tun. Zunächst die Fakten: Die 1996 gegründete, rund 300 Gemeindeglieder zählende Gemeinde Beit Sar Shalom bezog am 28. Oktober ein für 600.000 Euro von der evangelischen Landeskirchlichen Gemeinschaft Eben Ezer gekauftes Gemeindehaus im Stadtteil Lichterfelde. Zuvor war sie in der Baptistengemeinde Bethel als Untermieter zu Gast. Bei «idea» war dann zu lesen: «Messianische Juden glauben, dass Jesus Christus der Messias ist. Gefeiert wurde die Eröffnung des Zentrums mit einem rund fünfstündigen Lobpreisgottesdienst, der aus Elementen der christlichen wie der jüdischen Tradition bestand. So wurden Torarollen durch den Saal getragen und zahlreiche Lieder auf Hebräisch gesungen. Da sich mehr Besucher angemeldet hatten, als im Zentrum Platz gehabt hätten, fand er in der «Kirche am Südstern» des pfingstkirchlichen Christlichen Zentrums Berlin statt.»

Für das christliche Netzwerk «Gemeinsam für Berlin» erklärte der landeskirchliche Pfarrer Swen Schönheit in einem Grußwort, Christen dienten zusammen mit den messianischen Juden den Bewohnern Berlins: «Diese Stadt mit ihren verschiedenen Kulturen, Sprachen und Gruppen braucht unser vielfältiges und doch koordiniertes Zeugnis.» Der Referent der Deutschen Evangelischen Allianz, Pastor Ulrich Materne, erklärte, für ihn sei die Einweihung des messianischen Zentrums ein bewegendes Erlebnis. Erschrocken sei er über den Rechtsextremismus in Ostdeutschland, bei dessen Bekämpfung Christen und messianische Juden gemeinsame Sache machen müssten. Weitere Grußworte überbrachten Pastor Martin Wahl von der «Kirche des Nazareners» und der Pastor der charismatisch-freikirchlichen «Gemeinde auf dem Weg», Wolfhard Margies. Eine Stellungnahme der EKD zu dieser Begeisterung für die Judenmission in Form einer jüdisch-messianischen Synagoge in Berlin steht noch aus. So lange aber der Staat Israel gerne die finanzielle Unterstützung von christlichen Zionisten wie der International Christian Embassy und damit auch von deutschen Freikirchen in Anspruch nimmt, mit der bislang gut 300.000 russischsprachige Zuwanderer gefördert wurden, so lange wird es schwierig sein, evangelikale und charismatische Christen in Deutschland in die Schranken zu weisen.

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006