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Ein Hollywood- Film über jüdische Partisanen löst in Polen neuerliche Debatten um das 2. Weltkrieg- Masasker von Naliboki aus
Der Film «Defiance», zu deutsch «Widerstand», beschreibt das Schicksal jüdischer Partisanen in den Grauen des Zweiten Weltkriegs und verspricht, ein cineastisches Erfolg zu werden: ein erfahrener Epos-Spezialist führt Regie, der aktuelle «James Bond», Daniel Craig, spielt die Hauptrolle, erzählt wird die wenig bekannte Geschichte von jüdischem Heldentum und Partisanenleben. Einige Filmkritiker sprechen schon vom «Oscar ». Dezember dieses Jahres kommt «Defiance » weltweit in die Kinos. Die 50-Millionen- Euro-Produktion des US-Regisseurs Edward Zwick («Der letzte Samurai», «Legenden der Leidenschaft», «Blutdiamanten») handelt von der fantastischen Geschichte der Brüder Bielski und des Legenden umwobenen jüdischen Partisanenlagers «Jerusalem» in den Wäldern Weißrusslands, vom Kampf, gemeinsam mit russischen Partisanen, gegen Faschisten und deren Kollaborateure. «Defiance » ist ein wichtiges Mosaiksteinchen bei der fiktionalen Umsetzung außergewöhnlicher Überlebensschicksale des Holocaust.
Doch Kritiker stehen schon bereit und werfen dem Film Geschichtsklitterung vor. Bereits seit Monaten thematisieren Historiker und diejenigen, die sich als solche bezeichnen, den Inhalt des Filmes. Hauptkritik: In «Defiance» wird die Rolle der jüdischen Kombattanten bei der Ermordung polnischer Zivilisten durch sowjetische Partisanen während des Krieges vollkommen ausgeblendet. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Beteiligung der Bielski-Brüder am Massaker von Naliboki vom 8. Mai 1943. Nationalistische Stimmen in Polen sprechen nun von einem heraufziehenden Skandal, «schlimmer als Jedwabne und Kielce zusammen».
Die dramatische Geschichte der Bielskis und des jüdischen Partisanenlagers harrte schon lang einer filmischen Bearbeitung. Die Gebrüder Bielski, Tuvja, Aasel, Zus und Aaron, entkamen den Ghettos und Vernichtungslagern nach dem Überfall der Deutschen im Juni 1941 auf das im Zuge des Hitler- Stalin-Paktes von der Sowjetunion annektierte Ostpolen. Tuvja Bielski, ein ehemaliger Korporal in der polnischen Armee, sammelte Angehörige, Bekannte, Nachbarn. Sie flohen vor den Sonderkommandos und deren Helfern in den
Naliboki- Wald, errichteten eine Siedlung, nannten sie bedeutungsvoll «Jerusalem», bildeten Männer und Frauen zum Kämpfen aus. Die anfänglich kleine Zahl wuchs auf über 1.000 Juden. Das Waldlager wies eine komplette Infrastruktur auf. Aasel kämpfte später an der Front für die Rote Armee und fällt. Tuvja, Zus und Aaron überlebten den Krieg, wanderten erst nach Israel, dann in die USA aus. Helden. Dass in «Defiance» nur die drei ältesten Bielski-Brüder, Tuvja, Asael und Zus, eine zentrale Rollen einnehmen, der vierte und jüngste Bruder, Aaron, dagegen auf der Leinwand kaum stattfindet, liefert erste Möglichkeiten für Kratzer am Mythos der Bielskis. Ist der Grund für das Fehlen in «Defiance» Aarons derzeitiges, unrühmliches (Lebens-)Ende? Der heute 80-Jährige, unter dem Namen Aron Bell als Einziger der vier Bielskis noch am Leben, sitzt wegen Diebstahl, Entführung und Dokumentenfälschung in Florida in Untersuchungshaft. Bell und seine Ehefrau hatten eine greise Nachbarin, ebenso US-Immigrantin aus Polen, um ihr Vermögen geprellt und in ein Altersheim nach Polen abgeschoben. Ihm drohen 90 Jahre Gefängnis.
Doch die Ungereimtheiten im Film reichen weiter. In «Defiance» werden die Bielskis in zahlreichen Kämpfen mit Deutschen und deren Verbündeten gezeigt. Dass es einen aktiven Partisanenkampf gegen die Deutschen gab, wie im Film dargestellt, bezweifeln nicht nur die beiden polnischen Journalisten Marcin Kowalski und Piotr Gluchowicz in ihrem Beitrag «Der verschwundene Aron Bell» in der linksliberalen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza ». In der Recherche vom 16. Juni befragten sie polnische Historiker und fanden Sachverhalte heraus, die im Film verschwiegen oder falsch dargestellt werden. Ergebnis: Durch die Umstände des Krieges gezwungen, stahlen und erpressten auch die Bielski-Partisanen Abgaben von der lokalen Landbevölkerung. Auch Beteiligungen jüdischer Partisanen an Überfällen auf Dörfer bis hin zu Mordfällen sind durch Forschungen eines polnischen historischen Instituts belegt, ein heroischer Partisanenkampf der Juden von «Jerusalem» gegen die Deutschen hingegen nicht. Es sei laut Bielski immer darum gegangen, die Juden zu verstecken, zu retten, nicht jedoch darum, zu kämpfen. Nimmt «Defiance» also bewusst eine Geschichtsfälschung vor?
Die Historikerin Anna Galkiewicz vom Lodzer Institut für Nationale Erinnerung (IPN) forscht seit dem Jahr 2001 zum Naliboki- Massaker, bei dem sowjetische und jüdische Partisanen am 8. Mai 1943 im Dorf Naliboki 128 Menschen kaltblütig ermordet haben sollen. Dort lebten vor dem Krieg etwa 200 Juden, die mit dem Überfall der Deutschen ermordet oder verschleppt wurden. Der lokale «Selbstschutz» des nunmehr rein christlichen Dorfes war von den Deutschen mit Maschinengewehren ausgerüstet worden.
Waren die Polen also faschistische Kollaborateure? «Man kann schwer von freiem Willen reden», erklärt die Prokuratorin des IPN, Anna Gałkiewicz, die Situation. «In der Konsequenz drohte dem, der sich der Errichtung einer Bürgerwehr widersetzte, die Todesstrafe.» In den Jahren 1942/43 versagte Naliboki den sowjetischen Partisanen in der Region die Zwangsabgabe. Die sowjetische Seite brach den herrschenden Nichtangriffspakt zwischen Partisanen und Dorf und fiel, unter Teilnahme von jüdischen Partisanen, in Naliboki ein: «Unter den Angreifern waren jüdische Partisanen, geführt von Tuvja Bielski. Zeugen nennen ihnen bekannte Namen der Partisanen, die am Angriff teilnahmen, damit bedeutend, dass unter ihnen Personen jüdischer Nationalität seien. […] Der Angriff dauerte zwei, drei Stunden. Insgesamt wurden 128 Personen getötet, vor allem Männer, unter den Opfern waren auch drei Frauen, ein junger Mann und ein zehnjähriges Kind», zitiert Galkiewicz den IPN-Bericht für Gluchowicz und Kowalski. In den Meldungen der sowjetischen Partisanen wurde der Angriff als Ausschaltung einer deutschen Garnison dargestellt, in Wirklichkeit waren zur Zeit des Angriffs keine Deutschen in Naliboki. Zwei Monate später machte eine deutsche Strafexpedition den Ort dem Erdboden gleich, tötete dutzende und verschleppte die meisten der Einwohner des Dorfes.
Polnisch-nationalistische Publizisten nehmen jedoch «Defiance» und das Verschweigen der Morde an der polnischen Zivilbevölkerung zum gelegenen Anlass, das in Polen verbreitete Stereotyp des «jüdisch-kommunistischen Banditen» zu bedienen.
«Rechtsextreme werden sagen, dass der Antisemitismus gerechtfertigt ist, weil Juden Polen ermordeten», bringt Piotr Kadlcik, Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in Polen, gegenüber der Tageszeitung «Dziennik Zachodni» seine Ängste zum Ausdruck. «Leider werden wir erleben, wie aus dem Mord in Naliboki ein Völkermord gemacht wird, den jüdische Schinder an Polen zugelassen haben sollen», prognostiziert Kadlcik eine antijüdische Stimmungsmache.
«Ich fürchte, das ist erst der Beginn eines riesigen Streits im Land», sagt Tomasz Dostatni gegenüber der gleichen Zeitung. Der Dominikanerpriester, schon jahrelang für die polnisch-jüdischen Beziehungen tätig, sieht eine Debatte über die Nachkriegspogrome von Polen an Juden aufziehen, ähnlich der um die Bücher des Historikers Jan Tomasz Gross, «Nachbarn» und «Angst»: «Da werden Extremisten in Polen aus den Verbrechen eines Teils der Bielski-Partisanen allgemeine Ableitungen machen.» Gleichzeitig weist Dostatni darauf hin, dass es in der Geschichtsschreibung keine Tabus geben darf. Der Katholik gewinnt dem heraufziehenden Sturm der Debatte jedoch schon im Vorfeld positive Aspekte ab. Die heiße Diskussion, die im Winter über Polen fegen wird, wird auch dazu mobilisieren, die Geschichte besser kennenzulernen.
Robert Bielski, in den USA lebender Sohn von Tuvja, meinte bereits gegenüber der israelischen Tageszeitung «Ha’aretz», dass der Bericht und die Recherche der Journalisten Gluchowski und Kowalski zweifelhaft seien. Sein Vater sei nie in Naliboki gewesen. «Ich denke das ist nur Ausdruck des polnischen Antisemitismus, ein Abstreifen der eigenen Feindschaft und des Mordes an den Juden im Krieg», so Bielski. Das IPN selbst, so meinen verschiedene Kritiker, sei dominiert von Mitgliedern der polnischen rechtskonservativen Partei «Recht und Gerechtigkeit» und unterliege daher einer nationalistischen Agenda.
Die beiden Journalisten Piotr Gluchowski und Marcin Kowalski veröffentlichen im Dezember, fast zur gleichen Zeit der Filmpremiere von «Defiance», ihr Buch über die Bielski-Partisanen. Gluchowski selbst hatte der «Ha’aretz» auf Anfrage mitgeteilt, er sei überzeugt, dass Bielski-Partisanen nicht am Naliboki-Massaker teilgenommen haben, zweifele andererseits aber nicht an der Seriosität der Arbeit des IPN. Die Debatte hat erst begonnen.
Filmtrailer von «Defiance» unter: http://movies.yahoo.com/mo vie/ 1809981989/video/5982943
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