Rätsel Novemberprogrom

 

Ein Blick in die lokalgeschichtliche Dimension der "Kristallnacht"

 

Auch 70 Jahre nach dem gezielten Überfall auf jüdisches Leben und jüdisches Eigentum in Deutschland und Österreich gibt der Pogrom immer noch Rätsel auf. Wer in München oder Berlin welche Befehle gab, wer wen anrief oder welcher Gauleiter was befahl – alles das ist längst minutiös analysiert und geschildert. Es zeigt sich schnell, mit welch perfider Perfektion hier ein «Volkszorn» in Gang gebracht wurde, der erst im Laufe der Nacht aus dem Ruder lief, so dass die Funktionäre die «Judenaktion» am Abend des 10. November 1938 schlichtweg via Amtsmitteilung beenden mussten.

 

Doch die wirklichen Rätsel stecken im lokalen Nebel. Wieso haben Hausangestellte und Fahrer avisierter jüdischer Bürgerfamilien urplötzlich ihre vertrauten Arbeitgeber angegriffen und den Ort vertrauter Zusammenarbeit verwüstet? Wie kommen Nachbarn, die man jahrzehntelang im Flur gegrüßt hat, auf einmal dazu, einen Flügel aus dem Fenster zu werfen oder Säure in die Kleiderschränke der jüdischen Mitbewohner zu schütten? Wieso krempeln sich Oberärzte, Juristen und Bürgermeister höchstpersönlich die Ärmel hoch, um bei der «Vergeltungsaktion gegen die Juden» kräftig mit anzulangen? Was macht diese Meute daran so rasend, einmal im Leben eine Thorarolle zu schänden? Das sind die Fragen, die bis heute unbeantwortet daliegen, als wären sie schlicht hinzunehmende Tatsachen aus einer «dunklen Zeit», derer man alljährlich am 9. November gedenkt.

 

Der lokale Nebel, der diese ganz persönlichen Abartigkeiten umschwebt, lässt sich zumindest teilweise lichten. Immer noch tauchen neue Erkenntnisse und Quellen auf, die das verschwommene Bild dieser Nacht und des Folgetages etwas klarer zeichnen. So auch in Düsseldorf.

 

Die rheinische Verwaltungs- und Industriemetropole hatte bis 1938 bereits rund die Hälfte der ehemals 5.500 Juden herausgeekelt, bevor sich die Situation im Herbst des Jahres enorm zuspitzte. Auswanderungsdruck, Gewalt und blanker Hass lagen in der Luft.

 

Etwa 300 polnischstämmige Düsseldorfer Juden wurden in einer Nachtaktion Ende Oktober aus den Betten gerissen und an die polnische Grenze deportiert. Die «Polenaktion» war das erste Glied in der Ereigniskette, die zum Pogrom führte. Die Ermordung eines deutschen Botschaftsangehörigen in Paris durch einen jüdischen Jugendlichen und die Gedächtnisfeiern für die Münchener Nazi- Märtyrer vom 9. November 1923 putschten die Stimmung so an, dass sich die Partei zum Losschlagen rüstete. In Düsseldorf kam hinzu, dass Gauleiter Friedrich-Karl Florian durch Korruptionsvorwürfe so stark angeschlagen war, dass er sich durch besondere Unerbittlichkeit bei der anstehenden Aktion zu profilieren versuchte.

 

Aktionismus und Ausschreitungen sind mit anderen Städten vergleichbar, die Bilanz aber ist erschreckend: Neue Forschungen haben rund 500 gezielte Überfälle auf jüdische Menschen auf dem gesamten Düsseldorfer Stadtgebiet

Blick auf die brennende Synagoge auf der Kasernenstraße am 10. November 1938. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

nachweisen können. Mindestens 18 Menschen, die nun namentlich bekannt sind, starben an direkten oder indirekten Einwirkungen der Gewalt, begingen Selbstmord, starben an Spätfolgen oder Herzanfällen. Der Düsseldorfer Caféhausbesitzer Paul Marcus wurde kaltblütig erschossen, seine Frau lebensgefährlich verletzt. In einer Pension, in der man Feuer gelegt hatte, starb ein jüdischer Rentner an Rauchvergiftung. Schädel- und Knochenbrüche führten zur Überfüllung der Krankenhäuser. Josef Neuberger, späterer Justizminister in NRW, wurde misshandelt. Seine Ehefrau erinnerte sich: «Bei uns schellte es damals um 2 Uhr. Wir wussten nichts von der ganzen Aktion. Wir haben nicht aufgemacht, und da hämmerte man gegen die Tür, wir wohnten Parterre, und mein Mann ging doch zur Tür und machte auf. Da wurde er von 3 SS-Leuten überfallen.» Später fand Ilse Neuberger ihren Mann bewusstlos auf der Straße liegen. Sie zog ihn gemeinsam mit dem Hausmeister ins Haus und machte sich an die Erstversorgung. Ein nichtjüdischer Arzt besorgte sich Listen jüdischer Menschen und fuhr hinaus, um ihnen zu helfen. Er half auch den verschreckten Neubergers, die den Mediziner gar nicht kannten. Auch dies gab es in der Pogromnacht vom November 1938: weinende Milchmänner, die von Schande und Schuld sprachen, heimliche Hilfe aus dem Nachbarhaus, geschockte Pfarrer, Postboten, die sich klammheimlich schämten, Deutscher zu sein.

 

Die neoromanische Synagoge an der Kasernenstraße ging in Flammen auf, Geschäfte wurden geplündert und verwüstet, Wohnungen in Gänze unbewohnbar gemacht. Zeitzeugen wussten zu berichten, dass die gründliche Demolierung ihrer Wohnung Stunden gedauert hatte. Mancher SA-Mann kam dabei an die Grenzen seiner Kondition.

 

Der Pogrom hatte auch wirtschaftliche Aspekte: Die brutale Presshaft im KZ diente auch dazu, die «Arisierung» der Gewerbebetriebe Düsseldorfer Juden durch Erpressung voranzutreiben. Manch ein nichtjüdischer Geschäftsmann hat nach dem November ein billiges Schnäppchen gemacht. Von den massiven Plünderungen der Pogromnacht in Düsseldorf einmal ganz abgesehen, war dieses Datum auch ein letzter Startschuss für ungezügelte Räuberei und eine wahre Hochkonjunktur des wütenden Sozialneids auf «die Juden». Auf die Intimität des Wohnraums, in die hier gezielt eingedrungen wurde, hatten es auch in Düsseldorf die Randalierer und Schläger in besonderer Weise abgesehen. 1960 veröffentlichte der Schriftsteller Berto Perotti ein Bühnenspiel, in dem er seine Erfahrungen in der Pogromnacht in Düsseldorf in einem halbfiktiven Text verarbeitet hatte. Der Italiener hatte die «Sicht von außen» auf die Ereignisse gehabt, die sich in der ihm fremden Stadt dargeboten hatten. Später sagte er einmal: «Was ich am 9. und 10.11.1938 erlebt habe, werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen.»

 

Am Abend des 10. Novembers war das Chaos beendet. Als wäre nichts geschehen trugen die Kinder die Sankt-Martins-Laternen über die Bürgersteige, auf denen sich Glasscherben und verkohlte Bücher türmten. Wahrheitswidrig ließen Gauleitung und Propagandaabteilung später verkünden, der in Paris ermordete Legationssekretär Ernst vom Rath sei gebürtiger Düsseldorfer gewesen. Im Rückblick notierte der Düsseldorfer Maler Albert Herzfeld am 9. Dezember 1938 in sein Tagebuch: «Es wird eine Zeit kommen, wo man sich fragt, wie ein bis dahin gesittetes, anständiges Volk sich zu solchen Greueltaten veranlassen konnte.» Trotz aller Tiefenschärfe, die neuere Forschungen anzugehen vermögen: Der Pogrom bleibt ein Rätsel – auch nach 70 Jahren.

 

«Novemberpogrom

1938 in Düsseldorf», herausgegeben

von der Mahn-und Gedenkstätte

Düsseldorf. Klartext-Verlag,

433 Seiten, 22,95 Euro.

 

Bastian Fleermann

«Jüdische Zeitung», November 2008