Ungeheuerlich

 

Kommentar

 

Jigal Amir hat dunkle, intelligente Augen. Sie glitzern unheimlich, so als belustige ihn der Rummel um ihn herum irgendwie. Er sieht danach aus, als habe er noch viel zu erzählen. Und genau das ist der Punkt. Warum werden zwei geheime Telefoninterviews zweier privater Fernsehstationen mit Amir, dem Mörder Jitzchak Rabins vor dreizehn Jahren, nicht im israelischen Fernsehen ausgestrahlt? Wenn es nach Verteidigungsminister Ehud Barak geht, ist Amir, der Mörder, ein Ungeheuer, dem man gar kein Gehör schenken sollte. «Jigal Amir muss bis zum letzten Tag im Gefängnis verrotten. Und wir dürfen ihn auf keinen Fall und unter keinen Umständen am öffentlichen Diskurs in Israel beteiligen », so der Verteidigungsminister.

 

Hat da einer, nein, gar eine ganze Gesellschaft, Angst, sich im Gesicht des «Monsters» wiederzuerblicken? Das wäre extrem unangenehm und schwierig. Vielleicht sollte man Amir gerade deshalb am öffentlichen Diskurs beteiligen, weil er diesen nachhaltig geprägt hat – und von ihm geprägt worden war, was höchstwahrscheinlich zur Tat beitrug. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich Amir zu stellen – als einem tief in der israelischen Gesellschaft verwurzelten Menschen. Weggelaufen wird dieser Tage in Israel viel. Zum Beispiel vor der Verantwortung einer brutalen Militärpolitik, die wenige Kilometer vor der Haustüre stattfindet, so als würde das kollektive Unterbewusstsein der Gesellschaft sich nicht doch eines Tages daran erinnern. Das Gleiche gilt für Amir. Totgeschwiegen.

 

Die wohl härteste Aussage in den Interviews – sehen wir mal von der Streitfrage ab, ob man Amir überhaupt eine Plattform geben darf; die auch daraus resultieren mag, dass weitere, indirekt am Rabinmord Beteiligte, nicht ins öffentliche Licht gerückt werden wollen – ist die folgende: Es war gar nicht der Einfluss von nationalreligiösen, messianischen und fanatischen Rabbinern, der Amir dazu trieb, Rabin zu ermorden. Vielmehr motivierten säkulare Politiker und Militärs, die die Oslo-Friedensabkommen der frühen 1990er Jahre als Verrat an Israel bezeichneten, Amir zur Tat.

 

Da geht es um den Einfluss von Politikern wie Ariel Sharon, wie Ex- Armeegeneral Rafi Eitan – und letztlich auch Ehud Barak. Die Bedeutung dieser Aussage ist dem wachen israelischen Autor Motti Kirschenbaum sofort aufgefallen. In Israel, sagte Kirschenbaum, wolle man immer noch am Mythos vom geistesgestörten Wildwuchs festhalten. Es wäre ein völliges Umdenken erforderlich, sollte sich herausstellen, dass die Hauptmitverantwortlichen säkulare Politiker sind. Das behaupteten die Angehörigen Rabins schon seit Langem.

 

So sitzt Jigal Amir in seiner Zelle, die Gesichtshaut blässlich, und lächelt leicht. Ist es das Lächeln eines Geistesgestörten, oder von jemandem, der viel weiß? Vielleicht gar beides? Amir ist der Satan der israelischen Gesellschaft. Hätte es ihn nicht gegeben, dann wäre jetzt Frieden zwischen Israel und den Palästinensern, glauben viele Israelis. Man muss sie leider enttäuschen. Der Oslo-Prozess war von vornherein zum Scheitern verurteilt, da es niemals um eine Zweistaatenlösung ging und Rabin selbst, zu Lebzeiten, zu einem der größten Siedlungsbauer der israelischen Geschichte avancierte. Bis zu seinem gewaltsamen Tod im November 1995. Mittlerweile sorgen sich viele «linke» Israelis, nachdem die Besetzten Gebiete mit Siedlungen überpflastert sind, um Demografieprobleme. Diese Angst könnte ihnen auch ein neuer Rabin, er ruhe in Ehren, nicht nehmen.

 

Natürlich ist es leicht, Amir zu verabscheuen. Drei Schüsse, kaltblütig abgefeuert, in den Rücken eines Staatshelden, sind eine furchtbare Untat. Doch geht es um viel mehr als die mögliche Erhöhung eines fanatischen Killers durch die Ausstrahlung von Telefoninterviews. Es geht um grundlegende Freiheiten, auch die Pressefreiheit und den Einfluss von Spitzenpolitikern auf die Medien. Nicht nur die Aussagen von Verteidigungsminister Barak sind besorgniserregend. Ministerpräsident Ehud Olmert wandte sich sogar sich an Nurit Dabusch, die Vorsitzende der «Zweiten Autorität», bat eindringlich darum, die Ausstrahlung der Amir-Interviews zu verhindern. Die «Zweite Autorität» ist eine seit 1990 existierende Aufsichtsbehörde für private Sendeanstalten. Braucht es da noch einen Kommentar?

 

Philipp Holtmann

«Jüdische Zeitung», November 2008