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Und der Saal raste

«Jud Süß» – zur Wirkungsmacht einer ikonischen Figur

Am 29.9.1940 fand die stürmisch gefeierte Uraufführung von «Jud Süß» im Berliner Ufa-Palast statt. Das ausgesuchte Premierenpublikum beklatschte frenetisch die Hauptdarsteller des im Auftrag des NS-Propagandaministeriums produzierten Films. Der stürmische Beifall galt gleichwohl nicht nur den darstellerischen Leistungen - es war der Filmstoff selbst, der das Publikum in seinen Bann gezogen hatte.

Der Film war Goebbels' Werk, und das Ergebnis berauschte ihn, dass er in sein Tagebuch eintrug: «Premiere von „Jud Süß". Ein ganz großes Publikum mit fast dem gesamten Reichskabinett. Der Film hat einen stürmischen Erfolg. Man hört nur Worte der Begeisterung. Der Saal rast. So hatte ich es mir gewünscht». Zur gleichen Zeit musste der aus Deutschland verjagte Schriftsteller Lion Feuchtwanger im kalifornischen Exil miterleben, wie sein Romanstoff - bis zur Unkenntlichkeit verzerrt - unter der Spielleitung von Veit Harlan derartige Begeisterungsstürme auslöste.

Geist der Zeit
Eine im Geist der Zeit verfasste Filmkritik im «Völkischen Beobachter» zum Anlass nehmend wandte sich Feuchtwanger in einem «Offenen Brief an sieben Schauspieler», die in diesem Film mitgewirkt hatten. Es war dies die noch in Nazi-Deutschland zurückgebliebene Schauspieler-Creme, nachdem ein Großteil der jüdischen Kollegen bereits aus dem Land vertrieben worden war. Feuchtwanger prophezeite ihnen, dass sie eines Tages keine Ausrede hätten, an diesem Film mitgewirkt zu haben, denn alle seien sich darüber im Klaren gewesen, dass von Anfang an hinter diesem Film nicht die Spur eines künstlerischen Willens gestanden habe, sondern nur eine Tendenz, deren Dummheit und Gemeinheit allen bewusst war. Man könne nicht sieben Jahre hindurch gesinnungsloses, schlechtes Theater machen, ohne dass man an Talent einbüße. Sonderbarerweise verlumpe gleichzeitig mit der Seele auch die Kunst: «Sonderbarerweise kann ein guter Schauspieler nicht gegen seine Überzeugung spielen, ohne ein weniger guter Schauspieler zu werden».

Die Person des Joseph Süß Oppenheimer (1698/99-1738), der bereits zu seiner Zeit mit dem stigmatisierten Namen «Jud Süß» belegt worden und im Bewusstsein der Menschen stets lebendig geblieben war, hat in Wilhelm Hauff und Selma Stern zwei Biographen von Rang gefunden, Volksliterat der eine, Historikerin die andere. Doch populär gemacht hat den «Jud Süß» erst Lion Feuchtwanger, zunächst durch sein gleichnamiges Schauspiel (1918) und dann durch den Roman (1925), der auch international in 56 Sprachen übersetzt ein großer Bucherfolg wurde und viel Auflagen erlebte und Feuchtwangers Weltruhm als Schriftsteller begründen sollte. Von dieser ikonischen Figur handelt ein nun erschienener Sammelband, dessen Beiträger die antisemitisch aufgeladene Wirkungsmacht in den Blick nehmen. Veit Harlans NS-Film und der audiovisuell inszenierte Antisemitismus, der in der bundesrepublikanischen Vergangenheitspolitik auch noch nach 1945 geschichtsmächtig war, stehen im Zentrum der Edition. Dabei konzentrierte sich die öffentliche Debatte auf die Frage, inwieweit Harlans Film die mittelbare und unmittelbare Beteiligung der großdeutschen Bevölkerung am Judenmord befördert oder gar ermöglicht habe. Der Band leistet einen wichtigen Beitrag zur Antisemitismusforschung, die die Bedeutung der Figur «Jud Süß» als Spiegel für die kontinuierlichen und diskontinuierlichen Momente antisemitischen Denkens und Fühlens bisher nicht hinreichend erkannt hat.

Die Hoffaktoren oder Hofjuden, die der Epoche des Absolutismus entstammen sind aus dem Gefolge der größeren und kleineren Fürsten des 17. und 18. Jahrhundert nicht wegzudenken. Sie besorgten durch geschickte Finanzpolitik den jeweiligen Herrschern die Kapitalien für die aufwändige Lebenshaltung und die benötigten Militärmittel. Die nützliche Ergebenheit dieser Hofjuden gegenüber den Regierungen hat den Juden auf die Dauer mehr Schaden als Vorteile gebracht und die traditionelle Abneigung der Bevölkerung eher geschürt als gemildert, da viel von dem Hass gegen den bedrückenden, alle Rechte mit Füßen tretenden Absolutismus mehr auf den Helfer des Fürsten als auf diesen selbst abgeleitet wurde. Die Figur des so hoch aufgestiegenen und so tief gefallenen Joseph Süß («Jud Süß») Oppenheimer, auf den sich der ganze Hass der vom Absolutismus entrechteten württembergischen Stände richtete, diente den Nationalsozialisten als idealtypisches Vorbild für einen wirkungsmächtigen antisemitischen Propagandafilm.

Der Hof- und Finanzjude Josef Süß Oppenheimer symbolisiert die Tragik der Emanzipation, in dem er zum Sündenbock für die Politik Herzogs Alexander von Württemberg, dessen Schatullen Oppenheimer verwaltete, gemacht wird. Der seltsam schillernde und komplizierte Charakter des Süß ist ebenso umstritten wie sein Leben und seine Taten. Er war eine eigenartige Mischung von kühler Berechnung und phantastischem Traum, von hartem Stolz und gütiger Menschlichkeit. Er war ein aufgeklärter Freigeist und ein gläubiger Jude, ein Zyniker und ein Märtyrer. Die innere Hemmung, die ihm sein Judentum brachte, wirkte sich in einem übersteigerten Machttrieb aus. Wegen «Übermuth» und «Wollust» musste dieser «freche Jud» am 4. Februar 1738 wie «Haman» in einem eisernen Käfig an den Galgen kommen. So wurde die öffentliche Hinrichtung in Bildfolgen auf einem zeitgenössischen Flugblatt kundgetan. Der Prozess war bereits in den 1730er Jahren ein Medienereignis. Feuchtwanger wollte mit der Figur des Süß Oppenheimers jedoch weder etwas für noch gegen das Judentum bezeugen.

Goebbels hatte in der Gestalt des «Jud Süß» das Sujet gefunden, was er nicht mehr erfinden brauchte. Die antisemitische Kultur des Nationalsozialismus verstand es geschickt, sogar die positivste Darstellung eines Juden für ihre Zwecke umzufunktionieren, um damit weitere Unterdrückung und Diskriminierung zu bestärken und zu rechtfertigen. Der mit der Verfilmung des «Jud Süß» beauftragte Veit Harlan konnte den jüdischsten aller Romane - belebt von der Kraft und der Mystik der Kabbala und geschrieben von einem weltweit geachteten jüdischen Romancier - ziemlich getreu für den Film adaptieren und gleichzeitig trotzdem Philosophie und Geschichte des Judentums ebenso gründlich zerstören, wie Zwangsarbeit, Hunger und die Gaskammern jüdische Existenz zerstörten.

Goebbels Dramaturgie
Das Goebbelssche Dramaturgie-Rezept wurde peinlich befolgt: Ferdinand Marian spielte die Titelrolle wie ein Held aus einem Mantel- und Degenstück und so wie das Publikum sich einen Höfling und galanten Intriganten vorstellt, nachdem er Gettoluft und Gebaren weitgehend abgelegt hat. Das war ein ganz ungewohnter, für die Zuschauer neuartiger Judentyp, interessant und attraktiv, ganz anders, wie er dem bis dahin von den Nazis propagierten Judenbild entsprach, nicht so dämonisch, vom Schicksal gezeichnet und für eine scheinbar gerechte Sache kämpfend. Dagegen wirkte der feist-lüsterne herzogliche Gegenspieler, verkörpert durch Heinrich George, geradezu abstoßend. Das mag erklären, wie Harlan berichtete, warum Marian Waschkörbe von Liebensbriefen erhielt. In entlarvender Naivität verstieg sich Werner Krauss zu der Aussage, die antisemitische Absicht sei deswegen nicht erreicht worden, denn Marian sei ein so «charmanter Jude» und der Bräutigam ein «so widerlicher Goi», dass die meisten Frauen nachher sagten: «Mit dem Jud Süß, warum nicht»? Die Braut wurde durch Kristina Söderbaum verkörpert, des Regisseurs Harlan Gattin, die zugleich mit dieser Rolle ihren Ruf als «Reichswasserleiche» fortgesetzte. Die Söderbaum mit ihrem naiv klingenden Stimmchen war die Idealbesetzung für das, was sich der Durchschnittszuschauer des Films unter dem infam raffinierten Delinquenten eines Rasseschande-Verbrechens vorgestellt haben mag.

Worin lag das Geheimnis des großen Erfolges von «Jud Süß», dem Goebbels das Prädikat «besonders jugendgeeignet» verliehen hatte, und den immerhin 20 Millionen Zuschauer, man glaubt es kaum, freiwillig oder abgeordnet in den Kinos lockte - der größte Publikumserfolg des «Dritten Reichs»? Es war Harlans Mischung aus Erotik und Rassenantisemitismus. «Wenn der Jude sein säuisches Wesen will treiben an unseren Frauen und Töchtern», heißt es im Film, «so ist's an Euch, mein Herzog, ihm das Handwerk zu legen!» Das weckte Neugier und Sensationslust: das stereotype antijüdische Bild vom «machtgierigen» und «fremden» Juden, die Figur «Jud Süß», die zwischen Faszination und Abwehr changierte. Dann die Sexualisierung der Figur als zentraler Topos - der Zusammenhang von Sexualität und Antijudaismus. Es gab es dieses diffuse Wissen über «Jud Süß» als «Verführer» der Frauen - dieser Topos erfährt bei Harlan seine Zuspitzung: Aus dem «Verführer» wird der «Vergewaltiger», aus dem verbotenen Spiel «Rassenschande». Es ist überliefert, dass antisemitische Voyeure im Publikum durch solche Szenen animiert wurden, gewaltbereit und lautstark während der Vorführung die Vertreibung der Juden zu forderten oder gar beim Verlassen des Kinos zu rufen: «Dieses verfluchte Judenpack müsste man aufhängen!» Die Zuschauer in den Kinosälen des großdeutschen Reichs sollten den «Jud Süß» auch hassen, weil sie von ihm fasziniert waren. Gleichwohl könnte man die Frage stellen, was es beim Antisemitismus im Deutschen Reich 1940/41 eigentlich noch zu radikalisieren gab, nachdem die deutschen Juden bereits jahrelang drangsaliert worden waren und sich ein Großteil der Bevölkerung am «Arisierungsgut» bereichert hatte. Aus der Tatsache, dass 1939/40 ein antisemitischer Film wie «Jud Süß» produziert wurde, lässt sich nicht nur eine gewisse Nachfrage des Publikums nach einem solchen Stoff ersehen. Es scheint auch ein Zeichen dafür zu sein, dass die Mentalität der deutschen Bevölkerung bereits durch und durch eine antisemitische war.

Sein oder Nichtsein
Kurz vor der Premiere hatte Goebbels in einer Rede vor den Filmschaffenden auf der Kriegstagung der Reichsfilmkammer ausgeführt: «Er (der Film) ist heute eine Waffe im totalen Kampf unseres Volkes, im totalen Existenzkampf einer ganzen Nation, den wir auszufechten haben und bei dem es um unser Sein oder Nichtsein geht«. Und dennoch hatte der Film, wie es Goebbels erwartet oder gar erhofft hatte, nicht die Wirkung, dass zu exzessiven Handlungen gegenüber der noch verbliebenen jüdischen Bevölkerung gekommen ist.

Feuchtwangers brieflicher moralischer Appell ließ die Schauspieler unbeeindruckt: Werner Krauss, der in gleich sieben Judenrollen aufgetreten war, und der bei den Dreharbeiten miterleben konnte, wie Prager Juden zusammengetrieben und als Statisten auftreten mussten, diesem Akteur wurde Absolution erteilt, er durfte 1950 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen den Lear spielen, bekam das Große Bundesverdienstkreuz und den Ifflandring verliehen. Einzig Veit Harlan - nach dem Krieg wegen seiner Regie des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt - und freigesprochen - ließ sich zu einer Antwort bewegen, die an Zynismus kaum zu überbieten ist: Den Vorwurf seiner angeblichen Feigheit Goebbels gegenüber versuchte er dadurch zu entkräften, dass er meinte, die Prager Juden, die in «Jud Süß» mitwirkten, hätten sich in dem gleichen Notstand wie er befunden, als sie sich freiwillig für die Komparserie des Films und für die gottesdienstlichen Handlungen in der Synagogenszene zur Verfügung stellten. Er sei weit davon entfernt, diese armen Menschen etwa schuldig machen zu wollen. Das schrieb er 1947. Harlan überlebte seinen «Jud Süß», die «armen» Juden waren inzwischen längst vergast. Feuchtwanger jedoch, dem der «Völkische Beobachter» bereits im Jahre 1931 bescheinigt hatte, dass er sich nach seiner schriftstellerischen Leistung einen «Emigrantenplatz verdient» habe, nahm diesen «Rat» wörtlich. Nachdem der hinkende Doktor ihn zum «Volksfeind Nummer eins» erklärt hatte, emigrierte Feuchtwanger über Frankreich in die USA, sein Vermögen wurde beschlagnahmt, er wurde ausgebürgert und ihm der Doktortitel aberkannt. Deutschen Boden hat er nie mehr betreten.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006