Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Die Mauer ist weg"Der Historiker Michael Wolffsohn über sein Gartenstadtprojekt, den Umgang der jüdischen Gemeinschaft mit nichtjüdischen Ehepartnern, das «Eiserne Kreuz» und die aktuelle Papst-Ausstellung
Herr Wolffsohn, Sie sind Eigentümer der «Gartenstadt Atlantic», einem deutschjüdisch- türkischen sozial und integrationspolitischen Wohnprojekt mit 50 Häusern im Berliner Stadtteil Wedding. Was beabsichtigen Sie mit diesem kulturellen Konzept einer Gartenstadt? Den Brückenschlag zwischen Nationen, Religionen und Generationen, aber auch schichtenübergreifend. Das ist alternativlos, notwendig – und möglich. Kultur ist dabei unser Integrationsinstrument. Ihr Verlag sollte sich hieran ideell und materiell beteiligen. Meine «Knete» als deutscher Professor – und mehr habe ich nicht – reicht bei weitem nicht aus, um das nachhaltig fortzuführen. Am 12. März veranstalten Sie in Ihrer Gartenstadt mit der Bundeskanzlerin Merkel, jüdischen und türkischen Vertretern einen großen Empfang unter dem Motto «Muslime und Juden feiern gemeinsam: 60 Jahre Israel – 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland ». Inwieweit ist die Veranstaltung auch so etwas wie ein Erfolgsbeweis ihres Wohnmodells? Das ist der Erfolg schlechthin, zumal die Initiative hierzu von meinen muslimischen Freunden Mehmet Daimagüler und Özcan Mutlu (MdA, Bündnis 90/Die Grünen) kam. Eine schönere Belohnung kann ich mir nicht denken. Das Interesse an der Veranstaltung ist enorm. Das ist ein gutes Zeichen. Dieses Wohnmodell ist eben mehr: Es ist ein Gesellschaftsmodell. Sind die Mieter der Gartenstadt auch zum Empfang eingeladen? Wir betreiben weder einen «closed shop» noch eine Art «Apartheid». Deshalb haben wir natürlich auch viele Gäste eingeladen. Weil die Platzzahl beschränkt ist, kann nur kommen, wer eingeladen wurde und sich angemeldet hat. Wir haben leider nicht das Geld, um die O2-Arena zu mieten. Wenn Ihr Verlag hilft, schaffen wir das vielleicht beim nächsten vergleichbaren Event. Inwiefern hat der jüngste Krieg im Gaza- Streifen und die sehr harschen Äußerungen des türkischen Premiers Erdogan gegenüber Israel Spannungen und Konflikte zwischen den jüdischen und türkischen Mitbewohnern der «Gartenstadt Atlantic» hervorgerufen? Wir sind weder politische Partei noch politische Arena. Wir bieten den verschiedensten Menschen menschenwürdige, wunderschöne, bezahlbare Wohnungen mit optimalen Dienstleistungen den Mietern gegenüber. Wir halten uns an die wunderbare Devise des großen Preußenkönigs Friedrich II., den manchen «den Großen» nennen: Jeder solle nach seiner Facon selig werden. Integrieren, nicht polarisieren ist außerdem unsere Devise. Gefährdet der Nahost-Konflikt solch’ ein Projekt wie Ihres in Deutschland? Nein. Für und bei uns sind die Menschen Menschen und nicht Deutsche, Türken, Juden oder sonst wer oder was. Seit Juli 2008 sind Sie Kulturdezernent im Vorstand der orthodoxen Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München. Nach Ihrer Wahl in den IKG-Vorstand gab es Vorbehalte wegen Ihrer nichtjüdischen Ehefrau. Wie inklusiv soll eine jüdische Gemeinde in Deutschland heute sein? Wie exklusiv muss sie sein? Dass die IKG «orthodox» ist, halte ich für ein Gerücht. Die IKG arbeitet derzeit intensiv an einer konkreten Vereinbarung mit der Reformgemeinde. Das unterstütze ich, wo ich kann. Zu meiner Person: Vorbehalte gibt es gegenüber jedem bei allem. Das gehört zu einer freien Gesellschaft. Wie und mit wem ich ein anständiges bürgerliches und jüdisches Leben führe, geht allein meine Familie und mich an. Das stelle ich nicht zur öffentlichen Abstimmung und Diskussion. Jede Gemeinde ist eine Gemeinschaft. Sie muss immer wieder neu bestimmen, wie begrenzt oder offen sie sein will und kann. Patentrezepte gibt es nicht. Übrigens auch nicht im Judentum: Unser großer Mosche/ Moses hatte zwei Frauen. Beide waren keine Jüdinnen. Weder Zippora, die Midjaniterin, noch «die Kuschit», also «die Frau aus» – jawohl – «Äthiopien» bzw. «die Schwarze». Aha. Das entspräche wohl auch nicht den Halacha-Hardlinern, die vielleicht öfter mal unsere Heilige Schrift lesen sollten. Der legendäre König David, aus dessen Haus der Messias kommen soll, hatte eine nichtjüdische Großmutter: Ruth. Nachzulesen im «Buch Ruth». Ihr Vorstandskollege Nathan Kalmanowicz sagt, dass es ein dringendes Ziel sei, das neue Gemeindezentrum am Münchner St.- Jakob-Platz mit Leben zu füllen. Wie tragen Sie dazu bei? Ich bin erst seit Mitte Juli 2008 im Amt und habe, glaube ich, eine ganze Menge getan. Mehr sage ich nicht, denn Selbstlob verbreitet keine guten Düfte. Apropos Duft und Luft: Frische Luft brauchen die jüdischen Gemeinden. Das heißt: Wir sollten unsere Fenster zur nichtjüdischen Welt öffnen, ohne unser eigenes Haus zu vernachlässigen. Wie wollen Sie Brücken schlagen zu denjenigen russischsprachigen Zuwanderern, die als jüdische Kontingentflüchtlinge nach München gekommen sind, aber als nichthalachische Juden keine Heimat in der orthodoxen IKG-Gemeinde finden? Da die Gemeinde nicht wirklich «orthodox » ist, sehe ich keine echten Hindernisse. Die alteingesessenen Gemeindemitglieder verkennen – ich weiß nicht weshalb –, dass der Großteil dieser «Russen» hochkultiviert ist. Ich habe einen Mäzen gewinnen können, der uns Meisterkonzerte ermöglicht. Es spielten zum Beispiel David und Tatjana Gerings, Yaara Tal und Andreas Groethuysen. Es werden spielen: Konstantin Lifschitz, Oleg Maisenberg und andere große Musiker. Fast alle sind jüdische «Ossis». Das erfüllt unsere «Russen» zurecht mit Stolz. Das Zeichen gegenüber den Nicht- «Russen» ist klar: Schaut mal her, das ist das Milieu, aus dem die meisten dieser Meister stammen. Zu Hochmut und Distanz gegenüber den «Russen» habt ihr, wenn ihr sie habt, keinen Grund. Gerade mit unseren «Russen» kann und will ich bestens zusammenarbeiten, nicht zuletzt über unsere Sozialabteilung, für die zwei höchst engagierte Kollegen im Vorstand und eine vortreffliche «Russin» hauptamtlich arbeiten. Fazit: «Die Mauer muss weg.» Bei mir gab und gibt es sie nicht. In Berlin trifft man Sie gelegentlich in der Synagoge auf der Pestalozzistraße, einer Einrichtung der liberalen Juden. Was ist Ihr religiöses Zuhause in München? Meine Synagoge ist, weil kindheitsgeprägt, die Pestalozzistraße. In München «pendele» ich zwischen der neuen Hauptsynagoge und der, jawohl, orthodoxen Schil in der Georgenstraße. Ohne selbst orthodox zu sein, habe ich nicht nur der Reform, sondern auch der Orthodoxie gegenüber größten Respekt. «Toleranz» heißt «Sowohl als auch» und nicht «Entweder –oder». Hauptberuflich sind Sie Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Institutionen des deutschen Militärs waren in der Vergangenheit immer auch ein Hort von fremdenfeindlichem Denken. Stoßen Sie als Mitarbeiter der Bundeswehr heute noch auf judenfeindliche Äußerungen seitens der Kollegen oder Studenten? Sie sagen es selbst: «waren», also nicht «sind». Welche Rolle sehen Sie für sich bei der Betreuung jüdischer Bundeswehrsoldaten? Gar keine. Ich bin Zivilist und lehre als Zivilist. Das einzige Militär, das ich von innen kenne, ist das israelische. Dort habe ich von 1967 bis 1970 freiwillig gedient. Dass ich aber der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bundeswehr gegenüber loyal bin, ist eine Selbstverständlichkeit. Nur alte und neue Nazis verstehen das nicht. Deshalb ist es ihnen seit eh und je ein Dorn im Auge, dass ich den deutschen Offiziersnachwuchs, wie sie sagen, «vergifte». Wenn dem so ist, bereitet mir das Freude. Auch dem deutschen Offiziersnachwuchs übrigens. Einige tausend Bundeswehrsoldaten sind derzeit im Auslandseinsatz, vor allem in Afghanistan und im Libanon. Ist Ihnen bekannt, ob auch jüdische und muslimische deutsche Soldaten dort für Deutschland im Einsatz sind? Wenn ja, werden diese aufgrund Ihrer konfessionellen und/oder ethnischen Herkunft anders betreut? Kein Kommentar. Hat die Bundeswehr heute einen integrativen Charakter für die deutsche Gesellschaft? Eher wenig, wenngleich ich immer wieder wunderbar integrierte, deutsche Offiziere türkischer Herkunft erlebe, sogar einen chinesischen Herkunft. Der kennt die deutsche Geschichte weit besser als die meisten seiner «rein» deutschen Kameraden. Er ist auch viel fleißiger. Während der Diskussion im letzten Jahr sprachen Sie sich für die Wiedereinführung des «Eisernen Kreuzes» als Verdienstorden für Bundeswehrsoldaten aus. Ist das «Eiserne Kreuz» nicht ein gefährlicher Anachronismus? Schließlich wurden auch an Mitglieder der Reichswehr, die im Zweiten Weltkrieg Gräueltaten an jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerungen verübt haben, mit dem «Kreuz» ausgezeichnet. So habe ich das nicht gesagt. Ich hätte nichts dagegen. Die Tradition des «Eisernen Kreuzes» ist viel älter als Nazis und Wehrmacht. Auch einer meiner Großväter bekam eines, im Ersten Weltkrieg, wie viele deutsche Juden. Sie werden regelmäßig als Experte zum Umgang mit dem Vermächtnis des Nationalsozialismus und dem Antisemitismus angerufen. Wie stehen Sie zu den aktuell erscheinenden «Zeitungszeugen»-Ausgaben, in denen Originalnachdrucke der Zeitungen der 1930er Jahre heute am Kiosk zu erwerben sind? Die «Zeitungszeugen» sind, der Ausdruck sei erlaubt, Mist. Vor lauter Bäumen sieht man dort den Wald nicht. Viel Worte und Papier, wenig Inhalt. Die sogenannte Kommentierung ist kümmerlich. Kommerz wird als Aufklärung maskiert. Kommerz ist okay, aber wir sollten uns nicht für dumm verkaufen lassen und diesen Mist nicht kaufen. Rausgeworfenes Geld. «Antisemiten» sind hier wirklich nicht am Werk. Zumindest im Beirat. Nur dessen Mitglieder kenne ich. Kaum einen würde ich als meinen «Freund» bezeichnen, aber «Antisemit» ist keiner. Ihr akademischer Schüler, Professor Thomas Brechenmacher von der Universität Potsdam, bereitete die Ausstellung über Papst Pius XII. mit vor. Pius XII. war zur Zeit der Schoa im Amt und wird als «der Papst, der schwieg» kritisiert. Die Ausstellung, die demnächst in München zu sehen sein wird, gilt bei Kirchenkritikern als «Skandal» und Geschichtsklitterung. Warum ist dem Vatikan an dieser Art Ehrenrettung von Pius XII. so gelegen? Die Ausstellung ist weder «Skandal» noch «Geschichtsklitterung». Zur Haltung des Vatikans kann ich nichts sagen. Der Papst hat mich noch nie über sein Denken und Handeln informiert. Ich erwarte nicht, dass sich das ändert. Mein Schüler, Kollege, ehemaliger Mitarbeiter und Freund Thomas Brechenmacher ist international der beste Kenner des Themas «Der Vatikan und die Juden». Man lese sein gleichnamiges Buch. Er redet nicht nur über Pius XII., andere Päpste und den Vatikan, er hat dazu als einer der wenigen wirklich geforscht. Ich orientiere mich als Wissenschaftler am Wissen. Hierzu verfügt Brechenmacher über das beste. Was denken Sie über das christlich-jüdische Verhältnis heute? Beiderseits muss und kann es verbessert werden. Wie? Das habe ich in meinem Buch «Juden und Christen» dargestellt. Sie sind Träger des Bundesverdienstkreuzes und einiger anderer Medaillen und Preise. Im Jahr 1998 haben Sie den Preis des «Deutschen Druiden-Ordens» erhalten. Wie kam es zu dieser merkwürdigen Auszeichnung? Der seltsame Name «Druiden» täuscht: Das ist eine grundliberale Vereinigung. Sie ähnelt den Freimaurern. Die Nazis haben sie schnell verboten. Die Druiden gründeten sich neu und wurden wieder von den Nazis verboten. Wie ich den Preis bekam? Keine Ahnung. Aber die Laudatio war klar: Man schätzt und würdigt meine Bemühungen um jüdisch- deutsch-islamischen Brückenbau. Das Preisgeld habe ich Thomas Brechenmachers Forschungsvorhaben «Der Vatikan und die Juden» gespendet. Ein großartiges Buch war das Ergebnis.
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