Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Hier muss mal Tacheles geredet werden"Der Verleger Abraham Melzer hat seine kritische Zeitschrift |
![]() |
Der Publizist Abraham Melzer. Foto: privat |
Der 64-jährige Melzer ist ein Altbekannter in der jüdischen Verlagswelt Deutschlands. Schon ab 1958 arbeitete der in Samarkand (damals Sowjetunion) Geborene im Verlag seines Vaters Joseph. Dieser verlegte bis Ende der 1960er Jahre vor allem Judaica deutsch-jüdischer Autoren wie Hermann Cohen, Leo Baeck, Martin Buber, Hans-Joachim Schoeps und Margarete Susmann. Im Jahr 1970 übernahm Melzer den Verlag des Vaters und gestaltete das Programm völlig neu. Neben Comics wie Prinz Eisenherz, Walt Disney, Popeye, Crazy Cat, Fritz the Cat und Calvo verlegte er auch linke Literatur der späten 1960er, frühen 1970er Jahre, politische Bücher und Pornographie. Mit der Letzteren habe er das anspruchsvolle Programm der Sachbücher fi nanziert, so Melzer gegenüber der «Jüdischen Zeitung». Der Verlag musste 1982 Konkurs anmelden. Danach produzierte Melzer über zwanzig Jahre lang Bücher für andere Verlagshäuser. Seit 2001 betreibt er wieder seinen eigenen Verlag, in dem er Judaica, politische Sachbücher zu Israel-Palästina, Belletristik und Fotobände herausgibt. Zu den Autoren seiner kritischen und gegenwärtige _ emen behandelnden Bücher – allen voran der Nahostkonfl ikt – gehören der Cap-Anamur- Gründer Rupert Neudeck und der israelische Journalist Gideon Levy. Als Übersetzer hat Melzer unter anderem eine Heinrich- Heine-Biographie des israelischen Publizisten Yigal Lossin aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen und verlegt.
Melzers gab die politische Zeitschrift «Semit » bereits zwischen 1988 und 1992 heraus. Schon damals machte die dezidierte Opposition zur israelischen Regierungspolitik den Charakter des Blattes aus. Die «Jüdische Zeitung» befragte Abraham Melzer zur Neuerscheinung seiner Zeitschrift.
Herr Melzer, was hat Sie dazu bewogen, die «Semit» wiederzubeleben?
Eine kritische jüdische Stimme hat gefehlt. Was man von jüdischer Seite, einschließlich Ihrer Zeitung, zu lesen bekam, war und ist immer ein Reden um den heißen Brei herum bzw. den heißen Brei gar nicht erwähnen. Zwar wurden sehr viele jüdische _ emen berührt und zuweilen auch kritisch berichtet, aber die Heilige Kuh Zionismus wurde nicht angetastet. Deshalb beschlossen einige Freunde und ich, hier die «Semit» wieder aufl eben zu lassen, um der israelischen Friedensbewegung und den diversen Gruppen in Deutschland und Österreich eine Stimme zu verleihen. Die Öff entlichkeit hat ein Recht zu erfahren, dass nicht alle Juden so denken wie Charlotte Knobloch und nicht alle Juden die falsche Politik Israels unterstützen.
Die Zeitschrift ist ein Ein-Mann-Projekt. Wie wollen Sie wirtschaftlich auf dem hart umkämpften Markt der Printmedien Fuß fassen?
«Semit» ist kein streng wirtschaftliches Unternehmen, auch wenn wir natürlich danach streben, mit Gewinn zu arbeiten bzw. die Kosten einzuwirtschaften. Ich erhalte kein Gehalt. Für die ersten sechs Ausgaben, also für ein ganzes Jahr, ist Geld durch Spenden von mehreren Interessenten zusammengekommen. Wir erhalten die Beiträge in der Regel kostenlos und haben gar keine Verwaltungskosten. Ich mache fast alles alleine und hoff e, dass sich mit der Zeit Partner fi nden, die mithelfen wollen. Es haben sich schon einige gemeldet. Ich hoff e, im ersten Jahr auf 500 Abonnenten zu kommen. Wir haben Abonnenten, die fünf oder zehn Exemplare bestellen, um sie unter Freunden, Bekannten und vielleicht auch Feinden zu verteilen.
Wer sollen Ihre zukünftigen Leser sein?
Als ich vor 20 Jahren die «Semit» herausgab, hatten wir über 1.000 Abonnenten. Und an die 2.000 Exemplare verkauften wir über Bahnhofskioske und Buchhandlungen. Wir werden heute nicht mehr über den Zeitschriftenhandel vertreiben, aber über ca. 100 ausgesuchte Buchhandlungen, die auch Kunden für Bücher von Uri Avnery, Ilan Pappe, Felicia Langer, Amira Hass, Rupert Neudeck und andere haben. Manche dieser Autoren haben Aufl agen bis zu 20.000 Exemplare erreicht. Das bedeutet, dass es in Deutschland schon eine für den Nahost-Konfl ikt interessierte Leserschaft gibt. Juden werden am Ende vielleicht die Hälfte der Leser sein.
Im ersten «Semit»-Heft 2009 veröffentlichen Sie Beiträge zum Gaza-Krieg. Zu Wort kommen ausschließlich scharfe Kritiker von Israels Regierungspolitik: Rolf Verleger, Uri Avnery, Gideon Levy. Ist ein so kleiner Kreis von Meinungen nicht eintönig, ja langweilig?
Hier haben Sie natürlich vollkommen Recht. Nun war aber der Gaza-Krieg ein außerordentlich wichtiges und emotional starkes Ereignis und mitunter auch das Startzeichen für die neue «Semit». Aber für die nächsten Hefte wollen wir auch andere _ emen bringen, die sich allerdings alle um Israel und seine Politik und um jüdisches Leben in Deutschland drehen würden. Ich halte gerade die Frage der jüdischen Identität in Deutschland, angesichts der Politik des Zentralrats, für äußerst wichtig und sträfl ich vernachlässigt. Heute noch sind Fragen unbeantwortet, die wir schon vor 20 und 40 Jahren gestellt haben. Ich habe schon 1964 bis 1966 zusammen mit Henryk Broder eine jüdische Zeitschrift («kontakte») herausgegeben, die sich mit dem Zentralrat angelegt hat und bei vielen jüdischen Gemeindevorstehern etc. unbeliebt war.
Sehen Sie durch die große Konzentration israelkritischer Texte die Gefahr
des Missbrauchs durch fremdenfeindlich und antisemitisch Denkende in Deutschland?
Nein, die Gefahr sehe ich nicht und sie interessiert mich auch nicht. Wir haben zu sagen, was wir zu sagen haben und mir ist es völlig egal, was «antisemitisch Denkende» dazu sagen oder damit machen wollen. Was können sie schon machen? Israel, zum Beispiel, nimmt doch auch keine Rücksicht darauf, was Antizionisten sagen oder denken werden. Nein, das ist absurd und unsinnig. Da kann ich nur auf das berühmte Gedicht von Jakob Wassermann hinweisen: «Es ist vergeblich…Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt wie Aas die Würmer, tausend neue, zu Tage…Es ist vergeblich… » Wenn einer antisemitisch ist, dann können wir auch täglich das Deutschlandlied mit dem alten Text singen und es würde nichts nützen. Und wenn einer es nicht ist, dann können Sie ihm den «Stürmer» vorlegen, er wird es mit Verachtung ignorieren. Wir sollten aber auch nicht aus jedem, der Israel kritisch beobachtet, gleich einen Antisemiten machen. Und überhaupt: Ich richte doch mein Leben nicht nach irgendwelchen Antisemiten, die ich nicht kenne und die ich nicht kennenlernen will. Ich habe schon früh gelernt, damit zu leben, Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Da muss man durch. Leute, die genau das Gegenteil schreiben, bekommen auch manchmal Beifall von der falschen Seite, selbst Henryk Broder. Damit muss man halt leben, wenn man kritischen Journalismus macht. Sie werden aber niemals erleben, dass wir uns mit solchem Pöbel verbrüdern werden.
Sie haben im Heft mit Blick auf Israel den Aufruf des Rechtsanwalts
Armin Fiand «Keine Solidarität mit Kriegsverbrechern» veröffentlicht. Der Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, werfen Sie vor, als «geistige Heimat» Israel zu nennen. Für wie viele Juden in Deutschland sprechen Sie mit dieser Kritik?
Ich weiß noch nicht, für wie viele Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz ich spreche. Das wollen wir ja erst herausfi nden. Aber ich weiß, dass es mehr Juden gibt, für die Israel eben nicht die geistige Heimat ist, als Frau Knobloch ahnt. Ich halte es eben für einen Skandal, die hier lebenden Juden, die inzwischen, wie man sagt, mehr als 100.000 sind, so zu vereinnahmen und in ihrer Identität zu verunsichern. Man kann doch nicht in aller Öff entlichkeit, wie es Michel Friedman bei der Sendung «hart aber fair» getan hat, aufspringen und mit lauter Stimme behaupten, man sei Deutscher, und gleichzeitig einem Verein angehören, der sich nennt: «Juden in Deutschland». Und schließlich durch Frau Knobloch behaupten, unsere geistige Heimat sei Israel. Was versteht Frau Knobloch unter «geistige Heimat»? Das soll sie erklären. Sie spricht vielmehr von einer «politischen Heimat », denn ich habe nichts Geistiges in ihrer Ansprache entdeckt, aber viele unsinnige und sinnlose politische Stammtischparolen. Damit verunsichert sie nicht nur uns Juden, sondern liefert eben diesen «antisemitisch Denkenden» von vorhin jede Menge Grundlagen für kritische und unangenehme Fragen. Hier muss mal Tacheles geredet werden und es wäre gut, wenn auch Ihre Zeitung diese Debatte aufnimmt.
Versteht sich die «Semit» als «antizionistische » Stimme?
Heißt «Solidarität mit Israel», dass man schweigen soll bei jeder Ungerechtigkeit und politischen Dummheit? Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um «Dummheiten», sondern um Kriegsverbrechen. Wenn Sie mit «antizionistisch» meinen, dass wir den Staat Israel ablehnen, dann ist meine Antwort: Nein.
Allerdings sind wir gegen den ethnozentrischen, religiösen, chauvinistischen und rassistischen Zionismus, wie er sich zum Beispiel bei einem Teil der Siedler in Israel manifestiert und natürlich in der Politik seiner diversen Regierungen. Der israelische Staat beansprucht häufi g für sich, die Gesamtheit aller Juden zu repräsentieren. Judentum ist aber keine Staatsbürgerschaft. Nicht alle Israelis sind Juden – und nicht alle Juden sind Israelis. Israel ist eine Tatsache und es besteht keine unmittelbare Gefahr für seine Existenz. Bei dem israelischpalästinensischen Konfl ikt geht es schon lange nicht mehr um das Existenzrecht Israels. Das wurde von den Palästinensern, wie von Jordanien und Ägypten bereits durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anerkannt. Und selbst die Arabische Liga hat klar und deutlich ausgesprochen, dass alle Mitglieder an einem endgültigen Schlussstrich unter dem Konfl ikt interessiert sind. Insofern ist der Zionismus eigentlich überfl üssig. Er hat seine Aufgabe erfüllt und einen Staat für die Juden geschaff en. Was soll und was will die Zionistische Organisation noch in Deutschland? Juden nach Israel schicken? Das besorgt die Jewish Agency ganz gut. Wozu also noch Zionismus? Israel existiert und eine Delegitimation wäre absurd, allerdings eine Legitimation à la Rafael Seligmann ist noch absurder, wenn er die Forderung nach den Grenzen von 1967, also eine völlige Räumung der Westbank, mit einer Forderung an Tschechien und Polen vergleicht, das Egerland oder Schlesien zu räumen. Oder Knobloch, die allen Ernstes fragt: «Wie würde Bayern reagieren, wenn es jeden Tag von Österreichern beschossen würde?» Das ist doch die falsche Frage. Richtig muss es heißen: Was würden die Österreicher machen, wenn die Bayern dreiviertel ihres Landes erobert und besetzt hielten?
Die Gründer des Zionismus wurden als Kontrastpunkt zum traditionellen Judentum gesehen. Es überrascht deshalb nicht, dass jenes, was sich dort aus einer politischen Bewegung heraus entwickelt hat, nur wenig mit dem traditionellen jüdischen Wertesystem übereinstimmt.
Unverschuldetes Leiden verwandelt sich oft in unverschuldete Macht. Letzteres erlaubt es israelischen und diasporajüdischen Einrichtungen noch immer, in eine Opferrolle zu schlüpfen, während der israelische Staat längst zu einer führenden Militärmacht geworden ist. Wir plädieren dafür, dass Israels Juden zum Ursprung zurückgehen, die Richtung ändern und umkehren, damit aus Zion nicht Uzis und anderes Militärzeug exportiert wird, sondern jüdischer Geist, wo bei ich dann Frau Knobloch entgegenkomme und sage, dann könnte unsere geistige Heimat vielleicht Israel sein. Ich persönlich bin ja in Israel aufgewachsen und ich liebe das Land. Ich liebe aber seine Politik und viele seiner Politiker nicht. Ich habe mich vom Zionismus genauso entfernt, wie es Avrum Burg getan hat, und dieser war immerhin Präsident der Jewish Agency, also der zionistischsten aller zionistischen Organisationen. Was Burg erlaubt ist, sollte auch mir zugebilligt werden, ohne dass man hinter mir und meinen Freunden ruft, wir seien Antisemiten oder jüdische Selbsthasser. Nicht, dass mich das heute noch verletzt. Ich weiß, wer ich bin und was ich bin und das gibt mir Sicherheit und Selbstvertrauen. Ich weiß, dass nicht viele Juden so denken wie ich, aber ich bin sicher, dass auch _ omas Mann sich mit solchen Fragen auseinandersetzen musste, als er von deutschen Nationalisten als Verräter und Selbsthasser diff amiert wurde und damals in der Minderheit war.
Werden sich die künftigen Ausgaben der «Semit» wieder um Israel und den Nahostkonflikt drehen oder auch andere Bereiche jüdischen Lebens thematisieren?
Die zukünftigen Ausgaben, ja schon die zweite Ausgabe, wird sich auch mit anderen jüdischen Themen beschäftigen. Aber der Nahost-Konfl ikt wird schon unser zentrales Thema bleiben. Das hängt damit zusammen, dass wir der Meinung sind, dass die Berichterstattung über den Nahostkonfl ikt in der deutschen Presse und ganz besonders in der jüdischen Presse, ziemlich einseitig ist. Stimmen wie die von Uri Avnery, Ilan Pappe, Felicia Langer, Gideon Levy und Amira Hass haben fast überhaupt keine Möglichkeit, in Deutschland gehört zu werden, wenn sie nicht ab und zu in linken Zeitungen gedruckt würden. Die bürgerliche Presse verschweigt diese Stimmen fast gänzlich. Es wird also meine Aufgabe sein, das Ziel immer im Auge zu behalten und dennoch eine gemischtere und interessantere Zeitschrift zu machen. Ich hoffe, es gelingt mir.
Als Verleger haben Sie 2005 Hajo Meyers Buch «Das Ende des Judentums» herausgegeben, worin dieser den «moralischen Verfall der heutigen israelischen Gesellschaft» beschreibt. In einem medienwirksamen Rechtsstreit erwirkte daraufhin Henryk Broder, Ihnen vorwerfen zu dürfen, eine «Kapazität für angewandte Judäophobie» zu sein und «den Adolf gemacht» zu haben. Ist der neue «Semit» auch eine persönliche
Abrechnung mit Broder?
Nein, bei dem Projekt handelt es sich nicht um eine persönliche Abrechnung mit Broder. So wichtig ist er nun mal auch nicht. Dass deutsche Richter entschieden haben, dass ich als Jude mir eine Beleidigung wie «den Adolf machen» gefallen lassen muss, ist zwar ein Skandal, aber was soll‘s? Hier hat sich der Zentralrat nicht hinter mich gestellt. Inzwischen sehe ich ein, dass es ein Fehler war, Broder zu verklagen und Sie können Gift darauf nehmen, dass ich es nicht noch einmal machen werde. Das Phänomen Broder ist eigentlich ein Skandal der deutschen Presse, die solch einen fanatischen Manipulator duldet. Allein schon seine Behauptung: «Die Israelis sind Täter, aber es macht Spaß Täter zu sein», ist eine tiefe Beleidigung aller Juden, dass ich mich in der Tat wundern muss, dass er in jüdischen Kreisen immer noch ernst genommen wird. Aber es ist auch ein Beweis dafür, wie blind, taub und stumm die jüdischen Honoratioren sind, wenn es um das goldene Kalb Israel geht. Inzwischen gibt es übrigens auch Gerichtsurteile, die erlauben, Broder als «Pornograph» zu bezeichnen. Wen interessiert das noch? Niemanden. Aber, wie gesagt, unser Projekt ist nicht gegen etwas, also auch nicht gegen Broder, sondern für etwas, für ein gerechteres und humaneres Israel, das seine Identität nicht mehr aus dem Opfersein schöpft, sondern aus der reichen, weisen und universellen jüdischen Lehre.