Schuldfrage

Eine Berliner Publikation thematisiert Antisemitismus
junger Muslime in Deutschland

 

«Klare Kante zeigen». Grünen-Chef
Cem Özdemir appelliert, antisemitische Tendenzen ernst zu nehmen. Foto: dpa
Abends in einem Spätshop in Berlin-Wedding. Zwei türkischstämmige Jugendliche stehen vor der Verkäuferin. Sie hat dunkle Haut und eine Rastafrisur. Die Jungen möchten die Schöne beeindrucken und nach Möglichkeit gleich ein Date klarmachen. Die Chancen stehen nicht schlecht, die junge Frau hinter dem Tresen amüsiert sich. «Ey», sagt der Eine dann irgendwann, als die geplante Annäherung ins Stocken gerät, «mir bleibt nicht mehr viel Zeit». Im Sommer muss er zum Militär, zum türkischen, versteht sich. «Weißt Du, dann mach ich alle Juden platt». Dazu macht er eine Geste, die zeigt, wie er sich das so vorstellt. Die Verkäuferin zieht die Augenbrauen hoch, sucht mit ihren Blicken nach anderen Kunden im Laden. Niemand möchte an die Kasse, peinliche Stille entsteht. Der Begleiter des jungen Mannes möchte jetzt lieber gehen. Doch der junge Rekrut will die Sache nicht einfach so enden lassen, denkt nach: «Na ja, vielleicht nicht die Juden, aber Israel». Stolz schaut er zur Verkäuferin. Die ist immer noch nicht zufrieden, honoriert aber die Korrektur und lenkt das Gespräch dezent auf ein anderes Thema. Grünen-Parteichef Cem Özdemir lebt auch in Berlin. Der Politiker kennt sowohl die Befindlichkeiten der türkischstämmigen Mitmenschen als auch die der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ende Februar sandte Özdemir einen eindringlichen Appell hinaus ins Land, antisemitische Tendenzen bei Muslimen in Deutschland ernst zu nehmen. Staat und Erzieher müssten sich dem Problem stellen, Konflikte in Kauf nehmen. Auch an die Vertreter der muslimischen Verbände sandte Özdemir ein klares Signal. Die müssten «klare Kante zeigen und betonen: Wer sich gegen Juden stellt und wer sich gegen das Existenzrecht Israels stellt, der kann nicht Bündnis- oder Gesprächspartner sein», zitiert die «Frankfurter Rundschau» die Position des Grünen-Chefs. Özdemirs Warnung kam nicht zufällig. Einerseits griff sie die in den Medien kolportierten Bilder von deutschlandweit demonstrierenden, zornigen jungen Muslimen zur Zeit des Gaza-Kriegs auf, andererseits lancierte Özdemir damit die am 23. Februar in Berlin präsentierte Broschüre «Die Juden sind schuld: Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus». «Antisemitismus hat in der muslimischen Bevölkerung sehr unterschiedliche Ursachen », sagt die Mitautorin der Broschüre und Extremismus-Expertin Claudia Dantschke gegenüber der «Welt». Die Bandbreite reiche von nationalistischen, rechtsextremen türkischstämmigen bis hin zu arabischstämmigen Jugendlichen, deren Familien direkt vom Israel- Palästina-Konflikt betroffen seien. «Dann wieder gibt es den Mainstream, der Stereotype unreflektiert aufgreift, etwa vom „reichen Juden“ erzählt, der die Medien manipuliert», so Dantschke. Mit der Veröffentlichung der Broschüre möchte das Autorenteam nun die Erstellung einer genauen empirischen Untersuchung von Antisemitismus unter Migranten vorantreiben. Aktuelle Zahlen gibt es nicht. Integrationsund Antisemitismusexperten greifen deshalb auf eine Studie des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2007 zurück. Demzufolge tendierten muslimische Schüler überdurchschnittlich stark zu antisemitischen Vorurteilen. Von 500 befragten jungen, in Deutschland aufgewachsenen Muslimen stimmten damals 15,7 Prozent der Aussage zu, dass Menschen jüdischen Glaubens «überheblich und geldgierig » seien. Die Zahl war damit doppelt so hoch wie bei Jugendlichen anderer Einwanderergruppen und fast dreimal so hoch wie in der originär deutschen Altersgruppe. Wie sehen die Zahlen heute aus? Welche Rolle spielt dabei der Israel-Palästina-Konflikt? Gewaltausbrüche im Nahen Osten gießen immer wieder Öl ins Feuer antijüdischer Ressentiments von Seiten junger Muslime in Deutschland. Dass ein junger türkischstämmiger Berliner den Israel-Palästina-Konflikt zu «seinem Konflikt» und somit Teil der eigenen Identität macht, nennt Grünen-Politiker Özdemir «Überidentifikation». Andererseits trägt die empfundene – und erlebte – Marginalisierung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft erheblich dazu bei. Özdemir sieht im Interview mit der «Frankfurter Rundschau» auch «die unrühmliche Rolle» einiger «türkischer und arabischer Medien », die «eine sehr verzerrte und stereotype Sicht auf Israel und die Juden in die Wohnzimmer nach Deutschland» trügen. Und den Nahostkonflikt in den Spätshop von Berlin-Wedding. 

 Moritz Reininghaus und Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», März 2009