Foto: A. Schafirov

Schade, dass er Jude war

Um eine Dimension ärmer gemacht: Heinrich Heine in der DDR

Jeder Jude, so er nicht im jüdischen Land, also Israel, lebt, sich also in der Diaspora befindet, ist streng genommen im Galuth oder Exil, in der Fremde also. Bei Heinrich Heine ist Jüdisches Ursache wie Folge seines Andersseins; man hatte es ihn allzeit spüren lassen, sein besonderes Sein ist daraus entstanden - ebenso freilich aus dem Widerspruch zwischen Jüdischsein und dem Sein in Deutschland, des Dichters Sein in deutscher Sprache. Dieses Sein hat sein Leben beeinflusst wie sein Werk geprägt. Dies Werk indes auch sein Sein, ist ein Sein in einem grundsätzlich judenfeindlichen Reich oder Staatenbund, einem Land, welches trotz zeitweiliger, judenfreundlicherer Gesetze seit der Aufklärung und den Siegen napoleonischer Armeen die Judenfeindschaft nie völlig aufgegeben hat. Selbst in Frankreich, welches zumindest seit der zweiten Erklärung der Menschenrechte von 1791 Juden Gleichberechtigung gewährt hatte, blieb er trotz Naturalisation Ausländer, so ungleich freundlicher man ihn dort behandelte und sein dortiges Exil, formal das zweite, als Provisorium letztlich doch ein lebbarer Zustand geworden war.

Dennoch: «der nie abzuwaschende Jude» war ihm geblieben, den schleppte er mit sich herum, lebenslang. Er war davon ausgegangen, hatte damit zu leben, versuchte ihn zu verdrängen, sich anzugleichen, auszugleichen als Kosmopolit, als Europäer, was nie voll gelang, lebte ihn im Alter wieder voll bewusst. Das Jüdische, das Jüdisch-Sein war Sein über das Leben, nur in verschiedenen Graden, bewusster und unbewusster, direkter und indirekter, offener und geheimer. Weg war es nie, er blieb immer Jude.

Darüber gab es immer Auseinandersetzung, ja Streit. Von der nationalistisch-faschistischen Anpöbelung zur Fast-Arisierung, zwischen gut gemeinten Versuchen, Jüdisches maßvoll zu integrieren, reicht die Palette. Doch gibt es auch einige Versuche, den Juden darzustellen: Aus früherer Zeit wären die Versuche von Max Brod in Palästina beziehungsweise Israel und Ludwig Marcuse zu nennen. Einen Schritt weiter war ab 1982 Walter Grab, ebenfalls Israel, gegangen, der in seinem 1992 erschienen Buch «Heinrich Heine als politischer Dichter» ausführlicher das jüdische Thema aufgenommen hatte. 1994 hatte sich eine Ausstellung in Augsburg dem Thema gestellt. 1984 versuchte ich es selbst in meiner Bildbiografie. 1997 führten Klaus Briegleb («Bei den Wassern Babels») und ich («Gelebter Widerspruch») das Thema entschieden, wenn auch methodisch verschieden, zu behandeln. Jüdisches in Heine von der Herkunft, der Erziehung, von zahlreichen Literaturstudien her, in gesellschaftlicher Tätigkeit, wie etwa im «Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden» von 1821 bis 1823 in Berlin; es stellte sich her durch Freunde von Moses Moser und Rahel Varnhagen über die französischen Verleger und Bankiers (Rothschild, Fould) bis zu Lassalle und Marx, in der Auseinandersetzung mit Ludwig Börne, in den Beziehungen zu Fanny Lewald und Alfred Meißner und Alexander Weill; Jüdisches war über geistige und kulturelle Auseinandersetzung da, über jüdische Geschichte, Jüdisches ist im Werk als Thema, Stoff und in so vielen Anspielungen im Text, in Figuren und Metaphern, ja in seiner Haltung sui generis. Es hat sich fortgesetzt in der Rezeptionsgeschichte: Welcher Hass und welche Liebe. Doch auch welches Verschweigen!

Ein besonderes Phänomen in der Art dieses Verschweigens hatte sich in der DDR vollzogen. Ein in seiner Art so befremdendes wie rätselhaftes. Die Bundesrepublik war da einfacher gestrickt. Dort verschwieg man Heine im Großen und Ganzen in seiner Gesamtheit, eine wirkliche Heine-Rezeption begann eigentlich erst in den siebziger Jahren, die zum Ergebnis der Düsseldorfer Ausgabe, dem Heine-Institut, der Heine-Gesellschaft mit Heine-Jahrbuch, schließlich zur Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf sowie Leseausgaben und einer gewissen Resonanz im Publikum führten.

Ganz anders in der DDR. Sie hatte geistige Grundlagen, vor ihrer Existenz formuliert, angenommen: Wichtigste waren durch Franz Mehring und im Moskauer Exil 1935 durch Georg Lukács geschaffen worden, die sich wiederum auf Karl Marx und Friedrich Engels berufen konnten. Außerdem hatten eine Anzahl bedeutender deutscher linker Schriftsteller im Exil dies Erbe angenommen, etwa Anna Seghers und Ludwig Renn, die in Mexiko einen Heine-Club als Treffpunkt für Exilanten gegründet hatten. So konnte schon vor der Gründung der DDR im Herbst 1945 eine erste Edition von «Deutschland. Ein Wintermärchen» im Aufbauverlag Berlin herauskommen. Bis 1975 hatte das «Wintermärchen» eine Auflage von 1.400000 Exemplaren, wie Jost Hermand ermitteln konnte. Die Volksausgabe in der «Bibliothek deutscher Klassiker» schaffte es auf etwa eine halbe Million, und die Studienausgabe in zehn Bänden beim Aufbauverlag hatte knapp 100.000 Exemplare. Es gab aber auch Heine-Buchhandlungen, Heine-Schulen, viele Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, es gab den begehrten Heine-Preis, mit dem vorrangig Schriftsteller ausgezeichnet worden sind. Schriftsteller, die mehr oder weniger in Heines Traditionsfeld standen, Stephan Hermlin etwa, Werner Ilberg, Günter Kunert und andere.

Summa summarum: die DDR hat mit enormem Aufwand und ungewöhnlicher Breite Außerordentliches in der Heine-Rezeption geleistet, ihr Kulturbewusstsein und ihre Pflege demokratischer bis revolutionärer Tradition bewiesen - und nun das Manko auf dem Gebiet des Jüdischen bei Heine. Wie geschah das und aus welchen Gründen?

Lehrpläne und Editionen
Heine nahm in den allgemeinbildenden Schulen der DDR einen wichtigen Platz ein. Aber wie sah das konkret aus? Ich versuchte, an Lehrpläne heranzukommen. Nahezu überall in Bibliotheken: Fehlanzeige. Nur ein erziehungswissenschaftliches Institut gab vor, welche zu haben, durfte sie jedoch nicht herausgeben. Aha - wie gehabt! Ich wandte mich an Bekanntenkreise, unter denen sich ehemalige Lehrer befinden. Keiner hatte noch welche, wie es schien. Doch alle sagten frei aus dem Gedächtnis, dass dieses Thema keine Rolle gespielt habe. Eine ehemalige Schuldirektorin fand dann doch noch einige kleine Papiere, die das bestätigten. Die befreundete Dame meinte, dass es im Einzelfall möglich gewesen wäre, das Thema zu behandeln, wenn es der Lehrer selbst beherrscht habe. Also eine Ermessensfrage. Man kann davon ausgehen, dass das Thema Heine als Jude an den Schulen der DDR also nicht verbreitet war. In der Tat ging es den Herausgebern, Pädagogen und Bildungspolitikern in der DDR um den demokratisch-revolutionären, ja linken Poeten und Schriftsteller sozialer Fragestellungen, den Freund von Karl Marx

Die Editionsarbeit war jedoch weitestgehend vorbildlich. Ein besonderer Band zu Heines jüdischen Texten liegt zwar nicht vor, allerdings gab es bibliophile Ausgaben, etwa zum «Rabbi von Bacherach». Schwieriger wird es bei den wissenschaftlichen Schriften, die von der Verlagsarbeit unmittelbar in den literaturwissenschaftlichen und universitären und akademischen Bereich übergehen. Wenn man die Universitäten betrachtet, kommt kein besonders gutes Ergebnis heraus.

Hans Mayer
Zwar wurden nahezu überall Heine-Kollegs gehalten, ob von Joachim Müller und später Helmut Brandt in Jena, Hans-Georg Werner in Halle oder Jürgen Geerdts in Greifswald - zu diesem Thema wusste keiner etwas zu sagen. Harichs großer Essay «Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der klassischen deutschen Philosophie» hat fast klassischen Stellenwert, eher sogar in der Philosophie, doch wird Heines existentielle Situation als Jude nicht berührt. Wenn überhaupt, dann kam vom Ästhetiker Wolfgang Heise (selbst Jude) etwas, doch auch - im Rahmen seiner Thematik - nur marginal. Selbst der hoch verehrte Ernst Bloch hatte just zum Thema Heine wenig zu sagen. Die große Ausnahme war Hans Mayer, der selbst etwas von heinescher Geistigkeit, dessen Witz und Duktus hatte. «Heinrich Heine war ein europäisches Ereignis und ein deutscher Skandal.» So begann seine berühmte Vorlesung, die immerhin ein Ereignis war. Er kam auch dem Juden näher, aber in die Tiefe etwa eines Max Brod oder heute Klaus Briegleb nicht.

Als den wichtigsten Heine-Forscher der DDR kann man wohl Hans Kaufmann bezeichnen. Er gab die - nach der «Heine Säkular Ausgabe» (HSA) - brauchbarste Ausgabe heraus. Insgesamt verkennt jedoch auch Kaufmann die Wurzeln von Heines Leistung in der Literatur sowie die Tiefe des Leides des Verfolgten. Er übersieht das Jüdische zwar nicht, es hat indes keinen großen Stellenwert für ihn. Auch sieht er im Jüdischen lediglich das Religiöse, nicht, dass wir ein Volk sind. Und so stellt er dann die Behauptung auf, dass «Heine in keiner Hinsicht ein jüdischer Dichter zu nennen ist». Das kann so nicht stehen bleiben. Immerhin geht Kaufmann auf das Thema ein. In vielen Texten und Büchern aus der DDR ist es fast gar nicht zu finden oder eben marginal. Selbst ein Walther Victor als Jude steht dem Thema hilflos gegenüber - oder sah es nicht.

Um mich nun angesichts des beschriebenen Phänomens einem Antwortversuch zu nähern, seien einige persönliche Erfahrungen meiner Arbeit an der HSA und bei eigenen Publikationen angefügt. Da ich hier Ursachenforschung betreibe, werde ich bei Begriffen und Ordnungskategorien ankommen. Doch sicher werden sie deutlicher, wenn sie auch an Personen gebunden werden, an deren Positionen und Grenzen.

Die Weimarer Institute wurden von einem Generaldirektor namens Helmut Holtzhauer geleitet, er war bis in die siebziger Jahre faktisch einer der Herausgeber, ihm unterstand die eigentliche Arbeitsgruppe, in der er nicht tätig war, doch stets das letzte Wort hatte. Er war aus der kommunistischen Jugendbewegung gekommen, hatte im Widerstand gegen die NS-Herrschaft gestanden und zehn Jahre Einzelhaft in Zuchthäusern durchlitten. Politisch ein ehrenwerter, doch eng begrenzter Mann. Er war literaturliebend, besonders zu Goethe und Heine. Deshalb kam er wohl auch an die Spitze dieses Institutes, an die eigentlich ein herausragender Wissenschaftler gehörte, den es nach seinem Abgang in Gestalt von Walter Dietze dann auch gab. Von Edition verstand er wenig, lernte aber hinzu. Vom Jüdischen verstand er gar nichts. Als ich mehrfach auf den jüdischen Heine aufmerksam machte, darauf drang, jüdische Nachschlagewerke anzuschaffen, reagierte er gereizt und ablehnend. Später hatte er sich wohl zu der Einsicht durchgerungen, zu jüdischen Bezügen einen Mindestkommentar zuzulassen. Ein weiterer schwerwiegender Fehler war die Auswahl der Mitarbeiter, sowohl allgemein als auch für die HSA. Zahlreiche dieser Leute standen in bedenklicher Nähe zum vergangenen Regime, hatten teilweise rassistische Haltungen und äußerten sie auch. Das hatte mir schon kurz vor meinem Einstieg in dieses Institut der leider viel zu früh gestorbene Louis Fürnberg voller Besorgnis gesagt.

Dessen Nachfolger als Vize war ein gewisser Karl Hossinger. Ursprünglich Vertreter für Textilien, aus dem so genannten Sudetenland, hatte er Krieg und Folgen überstanden, sich ein sozialistisches Bärtchen angeklebt und war in die Landesregierung von Thüringen unter Werner Eggerath gekommen. Mit der Säkularausgabe hatte er aber nichts zu tun, dafür mit Schiller. Auch das war schlimm. Nach einer Serie von Peinlichkeiten - auch rassistischer Art - wurde er auch dort entfernt und ging in den Westen. Eine ebenfalls problematische Person in Sachen Heine war Karl-Heinz Hahn, seinerzeit Direktor des Goethe-Schiller-Archivs, welches auch Heine-Handschriften besaß. Als der andere längere Zeit amtierende Redaktor wegen internationaler Zusammenarbeit nicht repräsentativ genug war, übernahm er die Leitung der Forschungsgruppe HSA. Von Handschriften verstand er etwas, konnte vieles entziffern, seine Anerkennung beruhte unter anderem auf einem Buch über Leseweise von Handschriften; von Heine sprach er wie ein Kreisredakteur eines Mittelblattes, seine Auslassungen über Gegenwartsliteratur waren ein Skandal, von Jüdischem hatte er keine Kenntnis. Der Schwerbehinderte war einst Jagdflieger in Görings Luftwaffe, abgestürzt, dann kriegsuntauglich, so dass er sein Studium in der NS-Zeit fortsetzen konnte, über 1945 hinaus, als er auch promovierte. Er war Ritterkreuzträger und - so wörtlich in kleineren Gesellschaftskreisen - stolz darauf, das Ritterkreuz vom Führer noch persönlich umgehängt bekommen zu haben, was im spätern Krieg nicht mehr üblich gewesen sei. Eine echte Heine-Beziehung ist in solchem Fall nicht herstellbar.

Der Skandal
Einige Zeit später kam jedoch der eigentliche Skandal, ein Mann, der merkwürdigerweise sogar einen Namen in der Heine-Forschung hat: Fritz Mende. Der Fall ist grotesk, eine Story für das Theater des Absurden. Er kannte so gut wie gar nichts in der Literatur, beherrschte keine Methodik, wusste nicht, wie man eine Anmerkung abfasst (später bestanden seine Aufsätze aus Anmerkungen) oder einen Apparat aufbaut, arbeitete hastig und oberflächlich, vor allem, ohne jedes ästhetische Empfinden vor seinem sensiblen Gegenstand, dem Poeten und seinem Text, seiner Sprache. Aber anderes war viel schlimmer. Der Mann, eine Landser-Natur, war stolz auf seine Vergangenheit als Nazi-Soldat: Er sei als Soldat des Führers durch ganz Europa marschiert, sei vor allem in der Partisanenbekämpfung tätig gewesen, kenne also Europa und meinte, dies müsse sowieso neu geordnet werden. Er war Rassist durch und durch. Und seinen Gegenstand, Heinrich Heine, nannte er einen «frechen Judenjungen», der seine Familie missachtet habe, vor allem seinen guten Onkel geärgert und ausgebeutet habe. «Man hätte ihn übers Knie legen müssen und ihm den Arsch kräftig aushauen.» (Wörtlich notiert 1963). Gemeint sind der Bankier Salomon Heine und ein innerjüdischer, innerfamiliärer Konflikt, der freilich den Konflikt Künstler-Bürger hinter sich hat. Mende war ein Antisemit reinsten Wassers und im Grunde ein Nazi. Er nahm sich meine damals fast fertige «Heine-Chronik» vor, gab eine Einleitung hinzu, fertigte die Register an, tilgte nahezu alle jüdischen Textteile und Fakten und gab sie - mit Billigung der Leitung - unter seinem Namen heraus. Ich konnte eine Kopie retten, die heute in Düsseldorf liegt, und beweist, dass es fast derselbe Text ist - von diesen «Änderungen» abgesehen. Dass dieser Mann nun einem linken jüdischen Remigranten, der sich auf der andern Seite der Geschichte, die auch die Seite Heines war, vorgesetzt ward, gehört zu den schweren Unverständlichkeiten der Weimarer Personal und Bündnis-Politik. Ich war nur wenige Jahre jünger als er, und wir hätten uns als Kriegsgegner gegenüber stehen können, da ich mit meinen Eltern ab 1943 bei den Partisanenverbänden, später in der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee war, und in diesen Zeiten, da ich keine Schule hatte, an Goethes «Faust» und Heines «Romanzero» Lesen, Schreiben und einiges mehr gelernt hatte. Nun waren die Fronten vertauscht, und ich ward von einem solchen «geleitet». Wie soll da ein jüdischer Heine erkennbar werden?

Welche Gründe mögen dafür herhalten, einen großen Dichter der Weltliteratur derart um sein eigenstes zu bringen? Einige ließ ich anklingen, so über die Personalia der Heerschar von Interpreten. Über Personen manifestieren sich Gründe, Thesen und Theorien.

Die simpelsten sind auf Seiten der rechten Antisemiten zu finden. Sie betonen das Judentum des Gegners als eine Art verderbliche Sünde, als «rassische Unterlegenheit», um den Gegner zu diffamieren. Heine erscheint da zwar meist als Künstler, doch immer unmoralisch. Schade, dass er Jude war, musste ich einmal hören. Oder entsetzt: Was, der war Jude? Man konnte merken, wie der ästhetisch-poetische, gar menschliche Wert sank. Solches zog sich in der Tat bis in die DDR hinein.

Andere Gründe und Ursachen lagen an zumindest ungenauen DDR-Positionen, an politischen Optionen. So wurde der Begriff Zionismus in der DDR missverstanden, weder als Freiheits- noch als Nationalbewegung. Man hatte da irgendetwas an Imperialismus erinnerndes ausgemacht. Die Situation des kleinen Staates im Nahen Osten, als Heimat des jüdischen Volkes nach 1800 Jahren Diaspora, war nicht verstanden worden. Oder nur als Bastion des «US-Imperialismus» gegen Arabien. Man hatte schnell vergessen, dass es die sowjetische Delegation war, die unter ihrem Chefdelegierten Gromyko in der UNO den Vorschlag eingebracht hatte, einen Judenstaat zu gründen, der mit großer Mehrheit angenommen worden war. Die Deutschen in der DDR vergaßen, was da bis 1945 an uns Juden verbrochen worden war, sie vergaßen die Schoa. Unsere - durchaus widersprüchliche - Alternative Israel ward denunziert. Jüdischsein als Volk hatte nicht stattgefunden. Man kam mit den Begriffen Jude, Judentum, Jüdischkeit nicht zurecht und ließ es dann lieber ganz und gar.

Etwa seit 1869/70 verstand man in Deutschland Jüdischsein und Judentum ausschließlich als Religion. In der Folge der jüdischen Emanzipation, die zur Assimilation ward, hatten viele Juden ihr Volksein vergessen. So war die Politik des zu dieser Zeit entstandenen «Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens». Die Tendenz hatte übrigens bereits Heine ziemlich früh erkannt und kritisiert. So verstanden Juden dann vor allem auf deutscher Seite, die dadurch völlig wehrlos geworden waren vor dem, was sich seit etwa 1879/80 in Deutschland neu bildete, der organisierte Antisemitismus, der seine Hass- und Blutorgien ab 1933 voll austoben konnte. Das Ergebnis ist bekannt.

In allen deutschen Verfassungen und Grundgesetzen wird Juden Freiheit als Religionsfreiheit gewährt. Nicht als ethnisch-kultureller Minderheit. Nun war die DDR im Grunde ein atheistischer Staat, der Kirchen und Religionsgemeinschaften Rechte gewährte, auch um einen Kulturkampf zu vermeiden, doch geistig einen Kampf gegen alle Art von Religion geführt hatte. Darunter fiel auch das Judentum. Man konnte nicht voll losschießen, vor allem der Opfer wegen, des gemeinsamen antifaschistischen Kampfes wegen, der nicht vergessen war, sich aber in der Erinnerung der Generationen abgeschwächt hatte. Auch war die jüdische Gemeinschaft klein, nicht alle Juden waren organisiert, etliche gehörten selbst atheistischen Organisationen an, hatten atheistische Position - ich auch. Ein Religionsbegriff passte nicht auf Heine, also musste er weggelassen werden. Setzte sich ein Interpret mit dem sog. religiösen Wandel und Heines Gottesbegriff auseinander, ging er regelmäßig vom christlichen aus und geriet auf Glatteis, dazu brüchiges. Heines Begriff vom Judesein ist nicht ganz homogen, doch sehr umfassend als Volks-, Kultur- und Religionsbegriff, als ein sehr geistiger und als sehr politischer - als der des politisch-kulturell Verfolgten. Heine war nicht fromm, aber Jude. In jedem Volk gibt es fromme und nichtreligiöse Menschen. Und so gibt es fromme und säkulare Juden. Man kann aus einer Gemeinde austreten, eine Religion aufgeben, sich auch evangelisch taufen lassen, katholisch heiraten, eine Staatsbürgerschaft verlassen - doch nie aus seinem Volk und über lange Zeit - meist erst nach Generationen - nicht aus seiner Kultur. Heine ist in seiner Gänze nicht ohne diese Einsichten zu verstehen. Und man hat das in der DDR nicht verstanden. Daher fehlte der jüdische Heine beziehungsweise ward unterdrückt, eine Unterdrückung aus - allerdings einseitiger - Liebe. Man hat ihn um eine Dimension ärmer gemacht - schade angesichts einer sonst so schönen Annahme.

Jochanan Trilse-Finkelstein

Information:

Jochanan Trilse-Finkelstein, 1932 in Breslau geboren, hielt sich nach der Flucht aus Deutschland 1933 in Österreich, Ungarn, Jugoslawien und China auf. Er studierte Philosophie, Theater- und Literaturwissenschaft und war als Dramaturg, Lektor und Redakteur tätig. Seine Heine-Biographie «Gelebter Widerspruch» ist im Aufbau-Verlag erschienen.

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006