"Es könnte eine neue Ära beginnen"

  

Barack Obama legt seine neue Nahostpolitik auf

Der junge neue Präsident startet durch – und stößt dabei auf Widerstand: Er legt Konjunkturhilfsprogramme auf, von denen nicht wenige Experten meinen, die schwindelerregenden Summen seien weder aufzutreiben noch zu deckeln. Die Freilassung von Gefangenen aus dem Gefängnis Guantánamo auf Kuba stößt auf Skepsis bei den Politikern Europas. Nun noch eine Nahostpolitik, die in Israel mit Vorsicht genossen wird, und das von rechts bis links. Beinahe alle Politiker hatten auf den republikanischen McCain gesetzt. Ein vorsichtiges Abwarten eint sie nun auch nach dem Wahlsieg Obamas. «Lasst uns keine Angst vor Präsident Obama haben», beruhigte Vize- Premierminister Chaim Ramon die Israelis im Hörfunk und reagierte damit auf die Ankündigung Obamas, den Dialog mit dem Iran zu wollen. Ramon ist sicher, dass Obama dies nur mit dem Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung für zwei Völker wolle. Dennoch hat Obama 48 Stunden nach seinem Amtsantritt mit George Mitchell nicht einen der ihm nahestehenden jüdischen Berater zum Nahost-Beauftragten ernannt, sondern den Sohn einer Libanesin. Als Politikanalyst hat der vor acht Jahren der Palästinensischen Autonomiebehörde zwar vorgeworfen, nichts gegen die Gewalt zu tun, ihr aber auch bescheinigt, Gewalt nicht zu wollen. Das hört man in Israel nicht gern. Obama spricht nicht nur vom Iran, sondern kündigt eine Friedensdiplomatie in der gesamten Region an, die sich «aktiv und offensiv für einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sowie zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn» einsetze, erklärte der Präsident bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Außenministerin Hillary Clinton. Obama bekannte sich eindeutig zum Existenzrecht Israels und bestätigte, die USA würden jederzeit für Israels Selbstverteidigungsrecht streiten.

 Wohin eine neue Nahostpolitik führen könne, beschreibt die israelische Publizistin Yael Paz-Melamed: Während Präsident Bush Israel habe machen lassen, «was wir wollten», könnte mit Obama eine Ära beginnen, die «versucht, die Dinge nach vorn zu treiben und womöglich den Konflikt zu beenden […] vielleicht mit der islamistischen Hamas zu sprechen, illegale Siedlungen zu räumen, oder womöglich sogar legale, und die besetzten Gebiete zurückzugeben». Für manch Israeli ganz neue Töne aus dem Weißen Haus. Für die Hamas hingegen «kein Wechsel der amerikanischen Politik», wie ihr Sprecher Osama Hamdan dem Fernsehsender Al Dschazira erklärte. Obama werde scheitern, wie sein Vorgänger. Ignoranter geht es kaum, denn schließlich nannte der neue Präsident eine «Zukunft ohne Hoffnung» für die Palästinenser inakzeptabel. Bleibt zu hoffen, dass die Zukunft Israels ihm mindestens genau so wichtig ist! Mindestens!

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», März 2009