Erneuter "Karikaturenstreit"

  

Skandinaviens unpassender Umgang mit einer Kunstgattung

Mitte Januar illustrierte die liberale Kopenhagener Tageszeitung «Politiken» ihre «Debatten»-Seite zum Thema des Gazakrieges mit einer Zeichnung ihres Karikaturisten Per Marquard Otzen. Darauf sind zwei israelische Soldaten abgebildet, die mit ihren Waffen Palästinenser in Schach halten. Otzen lehnt sich dabei mehr als offensichtlich an ein Foto an, das um die Welt ging: Am 19. April 1943 treiben deutsche Soldaten eine Gruppe von Juden aus dem Ghetto. Nicht nur der kleine Junge mit den erhobenen Händen, sondern auch die verstörte und besorgte Mutter am linken Bildrand und die gesamte Bildaufteilung sind absolut identisch.

Mosaisk Troessamfund, die Vereinigung dänischer Juden, wirft dem Blatt nun in einem Offenen Brief «haltlosen und unverständlichen » Antisemitismus vor: «Meint „Politiken“ mit dieser Zeichnung tatsächlich, dass das Verhältnis zwischen Israel und der Hamas mit dem Verhältnis Hitler-Deutschlands zu den Juden Europas verglichen werden kann?» Selbst der Chefredakteur von Dänemarks drittgrößter Tageszeitung, Tøger Seidenfaden, hält die Kritik für nicht ganz unberechtigt und erklärte, er persönlich sei sich «nicht sicher, ob die Karikatur womöglich die Grenze des Zulässigen tatsächlich überschreite» und bezeichnete den Vergleich als «unpassend» und daher in der Wirkung «unproportional». Dennoch sei seiner Redaktion kein Vorwurf aus der Veröffentlichung der Karikatur zu machen. Die Leserbriefredaktionen aller dänischen Zeitungen hätten Meinungsäußerungen ihrer Leser erhalten in denen nicht selten gerade derartige Bezüge zwischen dem Vorgehen Israels gegenüber der Hamas und dem der Nazis gegenüber den Juden hergestellt worden seien. Man veröffentliche alle diese Meinungen, also sei auch Platz für eine solche Karikatur, schließlich arbeite der Zeichner nicht «auf Befehl». Selbst ein «nicht verhältnismäßiger und diskutabler historischer Vergleich» führe nicht automatisch zum Antisemitismus, erklärte Seidenfaden. «Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern in der öffentlichen Debatte meinen wir bei „Politiken“, dass die Meinungsfreiheit Grenzen hat. Deshalb hätten wir die Zeichnung nie gebracht, wenn sie antisemitisch oder rassistisch gewesen wäre.»

Beim Streit um die Mohammedkarikaturen des Konkurrenzblattes «Jyllands-Posten» hatten die Macher von «Politiken» seinerzeit einen Abdruck abgelehnt und als «bewusste und unverantwortliche Provokation» sogar scharf verurteilt. Dass nunmehr aber eine israelfeindliche Karikatur abgebildet worden ist, hingegen eine islamfeindliche vor gut drei Jahren nicht, bestätigt Kritiker der Veröffentlichung in ihrem Antisemitismusvorwurf.

Schon einmal hatte sich eine angesehene skandinavische Zeitung im Zusammenhang mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern ganz offensichtlich bei der Bildwahl «vergriffen»: In der norwegischen Tageszeitung «Dagbladet» war eines der Schlüsselbilder aus Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» missbraucht worden. Anstelle des auf jüdische KZ-Häftlinge schießenden Lagerkommandanten Amon Göth hatte die Zeitung in einer Karikatur den lächelnden israelischen Premierminister Ehud Olmert in der Uniform eines KZ-Kommandanten abgebildet. Schon seinerzeit hatte der von Israels damaliger Botschafterin in Oslo angerufene Nationale Rat für Presseethik nichts daran auszusetzen.

Bis heute ist auch in Dänemark bis auf den Offenen Brief der Mosaisk Troessamfund keinerlei Protest gegen die neuerliche antisemitische Karikatur bekannt.

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», März 2009