Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Parolen in Caracas: |
![]() |
| Hugo Chávez zu Besuch bei Mahmud Ahmadinedschad im Iran. Foto: dpa |
Die Völker Lateinamerikas sind zumeist recht wenig darüber besorgt, was mit den Menschen außerhalb ihrer Grenzen geschieht. Allerdings haben die Medien mit den Bildern vom Gaza-Konflikt zum Jahreswechsel und einer kursierenden Zahl von etwa 1.300 getöteten Palästinensern für einiges Entsetzen in der landläufigen öffentlichen Meinung gesorgt.
Seit der israelischen Offensive sind mehrfach weltweite Protestaktionen gegen das Vorgehen der israelischen Regierung zu beobachten. Auch in Lateinamerika fanden verhältnismäßig viele öffentliche Demonstrationen statt. Am «Dreikönigstag» Anfang Januar zogen 3.000 Demonstranten vor Israels Botschaft in Buenos Aires und präsentierten die israelische Staatsflagge mit aufgemalten Hakenkreuzen. Im brasilianischen Sao Paolo gingen 7.000 Menschen auf die Straße. Sie gehörten etwa achtzig verschiedenen politischen, gewerkschaftlichen, berufsständischen und religiösen Organisationen an, die gemeinschaftlich zu Spenden für die Palästinenser und Protesten gegen Israel aufgerufen hatten. Wenige Tage später wurden in Montevideo vor der von der Polizei abgeriegelten israelischen Botschaft in Uruguay amerikanische und israelische Flaggen angezündet und am Ende der Demonstration sogar Sprengkörper gegen den Zaun der israelischen Vertretung geworfen. Die Lage sei «zwar noch ungefährlich, aber nicht mehr so friedlich», ist in regionalen Medien nachzulesen. Auch die Regierungen in Lateinamerika zeigten sich durchweg empört über die Kampfhandlungen gegen die Hamas. Fast einhellig forderten sie eine sofortige Waffenruhe im Nahen Osten und die Aufhebung der Blockade im Gaza-Streifen, in der Absicht, wie verlautbart wurde, die Ankunft humanitärer Hilfsgüter und -kräfte zu gewährleisten.
In Folge der ersten Proteste kam es Mitte Januar zur bislang härtesten Kritik an Israels Kampf gegen die Hamas. Boliviens Präsident, Evo Morales, verkündete auf einer Diplomatenkonferenz, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern ab sofort abgebrochen seien. Die Fortsetzung des israelischen «Krieges gegen die Zivilbevölkerung von Gaza» habe die Regierung in La Paz zu diesem Schritt veranlasst. Der bolivianische Regierungschef erklärte: «Unser Land ist ein pazifistischer Staat, der als Beobachter des Völkermords und Verbrechens nicht stillschweigen wird». Eine Klage gegen Israel vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wolle er unterstützen.
Mitte Januar hatte die international bekannte libanesische Menschenrechtsanwältin May Al-Khansa dort Anzeige gegen Israels Ministerpräsidenten Ehud Olmert, dessen Außenministerin Zipi Livni, Verteidigungsminister Ehud Barak, dessen Stellvertreter Matan Vilnai sowie den Minister für innere Sicherheit, Avraham Dichter und den Generalstabschef der Armee, Gabi Aschkenazi, gestellt. Die Anwälte forderten den Erlass von Haftbefehlen und die Einleitung von Gerichtsverfahren. Sie hatte bereits Mitte Dezember des letzten Jahres mit dem US-amerikanischen Menschenrechtsanwalt Franklin Pierce Lamb Anzeige in Den Haag gegen den Staat Israel und verantwortliche Politiker wegen «ungeheuerlicher Verletzungen des Völkerrechts und des Statuts von Rom» infolge der jahrelangen «kriminellen und anhaltenden Blockade des Gazastreifens » eingereicht.
«Israel gefährdet den Frieden und die Stabilität in der ganzen Welt», so Morales, der zugleich forderte, dass dem israelischen Präsidenten Shimon Peres der Friedensnobelpreis aberkannt werden sollte. Israels Botschafter in La Paz erklärte, er bedaure die Äußerungen von Präsident Morales.
Eine Woche zuvor hatte bereits das verbündete Venezuela als einziges nichtarabisches Land die israelischen Diplomaten zu «unerwünschten Personen» erklärt und ausgewiesen. Schon 2006, als die israelische Armee Terroristen im Süden des Libanons angriff, musste der israelische Botschafter Venezuela verlassen. Die Begründung von Präsident Hugo Chávez lautete seinerzeit: «Zum wiederholten Mal erlebt Venezuela den schrecklichen Tod von unschuldigen Kindern und Frauen als Folge der israelischen Invasion im Gazastreifen und des gnadenlosen Bombardements, mit dem Israel aus der Luft und zu Lande das palästinensische Territorium belegt. » Israels Regierung war nicht überrascht und warf dem Präsidenten vor, Venezuela in einen Kooperationsstaat für Terroristen zu verwandeln.
Allein die Freundschaft mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet und keine Gelegenheit auslässt, zur Vernichtung Israels aufzurufen, wird von den Offiziellen in Tel Aviv sehr skeptisch gesehen. Denn seitdem Chávez die Partnerschaft mit dem Regime in Teheran vertieft hat, wurde in mehreren lateinamerikanischen Medien berichtet, dass eine große Zahl von Mitgliedern der radikalislamistischen Hisbollah von der venezolanischen Regierung aufgenommen worden sein soll. Es heißt sogar, die Exil-Terroristen hätten venezolanische Pässe erhalten, um sich weltweit frei bewegen zu können. Der venezolanische Kanzler, Nicolás Maduro, widersprach indes diesen Medienberichten: «Wir haben nie Beziehungen mit dieser Terrororganisation gehabt. Hätten wir diese, würden wir es ganz sicher nicht leugnen.»
Ich telefoniere mit Dina Siegel, der Sprecherin des American Jewish Committee für die lateinamerikanischen jüdischen Gemeinden. Für sie sind der Aufenthalt und die Mission der Hisbollah-Leute in Lateinamerika eindeutig: «Sie sind auf der Suche nach Spenden und waschen Geld in den Grauzonen der Grenze zwischen Brasilien, Paraguay und Argentinien.»
Die Präsenz der extremistischen Gruppen hat für große Aufregung unter den 450.000 lateinamerikanischen Juden gesorgt. Die jüdischen Gemeinden des Kontinents haben die Attentate auf die israelische Botschaft in Argentinien 1992 und auf das Zentrum der argentinischen Juden AMIA nicht vergessen können, die insgesamt 107 Opfer hinterließen. Für diese Attacken wurde bereits die Hisbollah in Kooperation mit der damaligen iranischen Regierung verantwortlich gemacht. «“Sollte es möglich sein, dass sich solche Attentate wiederholen?“ Das ist die große Frage, die sich die meisten Juden in Südamerika stellen », erklärt mir Dina.
Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. In der venezolanischen Hauptstadt Caracas überwältigten fünfzehn bewaffnete Einbrecher Ende Januar die beiden Wachleute der Synagoge von Mariperez, zerstörten religiöse Gegenstände und Bücher und sprühten in den Innenräumen der Synagoge antisemitische Parolen an die Wände. Die Attentäter nahmen die Aufnahmen der Überwachungskameras mit. Die gesprühten Parolen hatten Inhalte wie «666», die Strich- Zeichnung eines Teufels sowie die Parolen «Juden raus jetzt» und «verfluchte Mörder Israels».
Die Situation für die 15.000 Juden in Caracas eskaliert immer mehr. Sie fühlen sich nicht mehr sicher und leben in ständiger Angst, was vielleicht als nächstes geschieht. Die Föderation der Jüdischen Gemeinschaften Venezuelas «CAIV» verurteilte die antisemitischen Ausschreitungen und macht die Regierung von Präsident Chávez dafür mitverantwortlich. In ihrer Erklärung vom 31. Januar 2009 heißt es wörtlich: «Die jüdische Gemeinschaft Venezuelas, die seit langer Zeit im Land verwurzelt ist, wendet sich an die Öffentlichkeit mit dem Ausdruck ihrer Entrüstung und ihres energischsten Protestes angesichts dieser Aggression. Sie ist Produkt des antijüdischen Klimas, das in Venezuela als Konsequenz des zum Hass anstachelnden Diskurses der Regierung entfesselt worden ist. Die ständige Verbreitung von eindeutig antijüdischen Texten in offiziellen Medien, sowohl gedruckten wie audiovisuellen und digitalen, hetzt diese Gefühle auf.»
Die Proteste der jüdischen Gemeinschaft machten sich besonders bemerkbar, nachdem die Polizei Anfang Februar elf der Einbrecher der Synagoge fasste. Präsident Chávez bat daraufhin die jüdischen Familien in Venezuela, nicht mehr seiner Regierung die Schuld an den Verbrechen zu geben. Er wolle nur die Sicherheit und den Frieden für alle Bürger in Venezuela. «Die jüdische Gemeinde möge einen kühlen Kopf bewahren und sich nicht von den Aussagen einiger jüdischer Führer beeinflussen lassen, die mich als antisemitisch einstufen.»
Dina Siegel und andere führende Sprechern der jüdischen Gemeinden in Lateinamerika sind sich sicher, dass nur der regionale und internationale Druck, der auf Chávez lastet, ihn einsehen lies, dass er die Juden Venezuelas nicht vernachlässigen sollte. «Es gehört zu seinen Pflichten als venezolanischen Präsident, die Rechte der integrierten jüdischen Bürger Venezuelas zu schützen.»
Nichtsdestotrotz ist die Situation für die Juden in Südamerika und teilweise auch in den Staaten Mittelamerikas eine sehr schwierige geworden, denn auch Ecuador, Bolivien und Nicaragua haben sich mit dem Iran verbündet. Dina sieht eine «neue Herausforderung für das Leben von uns Juden in Lateinamerika».