"Wir sind für "normale" Juden"

Der Berliner Rabbiner Chaim Rozwaski über seine neue Synagoge "Lev Tov", die Idee von "Bildung und Sushi" und die Frage, ob jüdisches Leben staatlicher Förderung bedarf


Chaim Rozwaski Foto: Arkady Shafirov

Der Konflikt zwischen Rabbiner Chaim Rozwaski und der neuen Führung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war nicht nur ein Thema für die deutsche Presse, sondern auch ein Fall für juristische Auseinandersetzungen. Rozwaski, 1962 am orthodox ausgerichteten Hebrew Theological College in Skokie ordiniert, soll in seinem Arbeitsvertrag als Rabbiner der Berliner Synagoge Pestalozzistraße, die eigentlich dem liberalen Ritus folgt, unwahre Angaben zu seiner Person gemacht haben, so der Vorwurf der Gemeinde. Aufgrund einer falschen Altersangabe – 1935 in dem einstigen polnischen Schtetl Zdienciol nahe Nowogrodek (heute Weißrussland) geboren, hatte er sich wie viele Schoa-Überlebende zum Ende des Zweiten Weltkriegs hin in seinen Ausweispapieren älter gemacht, sein Geburtsjahr später aber nicht wieder rückdatiert. Daher erachtete die Gemeinde das Vertrauensverhältnis als «zerrüttet». Ähnliche Unstimmigkeiten sollen auch seinem Wechsel von der Ronald S. Lauder Foundation zur Jüdischen Gemeinde zu Berlin im September 2001 vorausgegangen sein. Im Mai 2008 wurde Rozwaskis Arbeitsvertrag als Gemeinderabbiner aufgehoben. Eine Entscheidung im seitdem laufenden Rechtsstreit soll in diesem März fallen. Im Gespräch mit der «Jüdische Zeitung» lehnte es der Rabbiner kategorisch ab, Fragen im Zusammenhang mit der Arbeit bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zu kommentieren. Nach dem Rechtsstreit, so Rozwaski, könne man gern darüber ein Buch schreiben.

Die Beschreibungen des geschassten Rabbiners deuten darauf hin, dass die Konflikte innerhalb der Jüdischen Gemeinde zu Berlin tiefer liegen. Laut Rozwaski wollen ihn viele Gläubige weiterhin als Rabbiner ihrer Synagoge. So wurden Sympathiebekundungen für Rozwaski organisiert: von Demonstrationen auf den Stufen des Gemeindezentrums bis hin zu Anprangerungen der Gemeinde- Führung in der Berliner Presse. Und: Die Anhänger des «rebellischen Rabbiners» haben im letzten Jahr in Berlin-Charlottenburg einfach eine neue Synagoge gegründet. Der eingetragene Verein «Berlin Yeshiva Academy », als dessen Präsident Rabbiner Rozwaski fungiert, bemüht sich derzeit auch um die Errichtung eines Institut für monotheistische Religionen und Frieden.

Wie beurteilen Sie im Rückblick diese Entscheidung, eine neue Synagoge zu gründen?

 Das war tatsächlich ein Wunder. Im letzten Jahr, buchstäblich eine Woche vor Rosch- Haschana, kam ein damaliger Gabbai der Synagoge Pestalozzistraße zu mir und sagte, dass die Menschen eine neue Synagoge gründen wollen, in der ich Rabbiner sein soll. Sie hatten sogar schon ein Gebäude gefunden. Ich glaubte ehrlich gesagt nicht an diese Möglichkeit, weil bis zum Neujahrsfest sehr wenig Zeit blieb. Aber es ist uns gelungen, in dieser kurzen Zeit alle Probleme zu lösen, so dass wir das jüdische Neue Jahr in unserem neuen Haus feiern konnten. Wir haben uns entschieden, unsere Synagoge «Lev Tov» zu nennen, was «gütiges Herz» bedeutet. Und das ist höchst symbolisch gemeint: Unsere Türen sind für all die geöffnet, die zu uns mit einem gutem Herz kommen, um zusammen zu beten, um zusammen das Judentum, die Traditionen, die Geschichte und die Kultur unseres uralten Volkes zu studieren. Aber alle politischen Spielchen, die jetzt manche Funktionäre der Jüdischen Gemeinde treiben, müssen außerhalb unseres Hauses bleiben.

Für welche religiöse Strömung des Judentums steht Ihr Haus? Wollen Sie der Gemeinde Mitglieder abwerben?

Erstens: «Lev Tov» ist eine klassische orthodoxe Synagoge und wir sind den Gesetzen der Halacha unterstellt. Zweitens: Wir positionieren uns nicht als eine Alternative zur Jüdischen Gemeinde und wir sind offen für alle Juden Berlins – unabhängig von einer Gemeindemitgliedschaft. Das Wichtigste ist, dass Menschen mit einem guten Herz und guten Absichten zu uns kommen.

Wieviele Menschen besuchen Ihre Synagoge derzeit und wer sind sie?

Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da wir nicht nur religiöse Dienste durchführen, sondern auch verschiedene Bildungsprogramme realisieren. Und es ist sicherlich nicht so, dass immer dieselben Menschen zum Beten und zum Lernen hier sind. Selbstverständlich besteht der Kern unserer Besucher aus Gästen von der Synagoge in der Pestalozzistraße. Aber mittlerweile kommen auch neue Gäste. Zum Beispiel kam neulich ein junges Paar zu uns, um einen Hochzeitstermin zu vereinbaren. Und das macht Freude: Für unsere Tätigkeit haben wir noch keinerlei Werbung gemacht, das heißt, die Mundpropaganda funktioniert. Das unterstreicht noch mal die Richtigkeit unserer Prinzipien, die zur Gründung der Synagoge festgelegt wurden: Wir müssen die Menschen mit unserem Herz anziehen und nicht durch irgendwelche «Methoden». Um Ihre Frage vollständig zu beantworten: Wir haben Leute, die nur Deutsch sprechen aber auch Leute, die nur Russisch sprechen. Da sie aber das Judentum und der Wunsch, jüdische Kultur zu verstehen, verbinden, finden sie leicht eine gemeinsame Sprache.

Außer religiösem Dienst bieten Sie auch ein umfangreiches Bildungsprogramm an.

Das stimmt. Der Unterricht zu mehreren Themen läuft bei uns praktisch fünf Tage in der Woche. Außerdem entwickeln wir verschiedene Programme. Beispielweise hat das Programm «Bildung und Sushi» großes Interesse gefunden. In dessen Rahmen werden Vorlesungen angeboten und Diskussionen zum Thema «Geschichte der Juden in Deutschland» geführt. Und in der Pause können alle Teilnehmer Sushi kosten. Zum jetzigen Zeitpunkt suchen wir Menschen, die ein Programm für die russischsprachigen Besucher entwickeln und durchführen können. In diesem Sinne begrüßen wir jede Initiative der Leser der «Jüdischen Zeitung». Zum meinem Bedauern haben wir noch keine Programme für Kinder organisieren können. Vor allem wegen Fragen der Sicherheit: Solange wir noch keinen Polizisten vor unseren Türen stehen haben, können wir die Verantwortung für die Sicherheit der Kinder nicht übernehmen.

Die «Jüdische Zeitung» hat ebenso wie unsere russischsprachige «Evreyskaya Gazeta» bereits mehrfach über lebhafte Diskussionen darüber berichtet, ob die jüdische Gemeinschaft Gelder vom Staat bekommen oder sich unabhängig, also über Mitgliedsbeiträge und Spenden, finanzieren sollte. Es gibt mehrere liberale Gemeinden, die ohne staatliche Förderung auskommen müssen. Kann die «Lev Tov»-Gemeinde selbstständig existieren?

Judentum, das ist, wenn Juden ihre Gemeinde unterstützen, womit sie können. Darauf basiert die jüdische Kultur seit Hunderten von Jahren. Man muss verstehen, dass sich die Menschen in das Leben und das Schicksal ihrer Gemeinde nur dann einbezogen fühlen, wenn sie die Verantwortung für diese übernehmen, eben auch materiell. Um Ihrer Frage zuvorzukommen, kann ich sagen, dass es unter den Besuchern von «Lev Tov» keine Oligarchen gibt. Alles was wir tun, wird von den Spenden der Besucher finanziert. An dieser Stelle möchte ich der aufgekommenen Meinung widersprechen, dass, wenn eine Synagoge selbständig ist, ihre Gäste demzufolge nur reiche Juden seien. In Wirklichkeit ist es natürlich nicht so. Wir sind für «normale» Juden da. Wir sind für jeden Menschen offen: Für diejenigen, die 10.000 Euro spenden können und für die, die nur ein Zehntel davon geben können, und für diejenigen, die keinen Cent spenden können, sich aber im Judentum entwickeln möchten. Natürlich sind wir an Sponsoren interessiert, aber das Wichtigste ist, dass die Menschen mit einem guten Herzen zu uns kommen.  

Das Gespräch führte
Vitali Kropman

«Jüdische Zeitung», März 2009