Berliner Begegnungen

Stiller als in den letzten Jahren

 

Foto: Archiv

Mitgliederversammlungen in der Berliner Jüdischen Gemeinde. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass die diesjährige die ruhigste seit vielen Jahren war. An sich kein schlechtes Zeichen. Aber wer diese Gemeinde kennt, der fragt sich – warum?

«Ein Zeichen der Enttäuschung», erklärt eine Rednerin öffentlich und laut, gleich zu Beginn, man fühle Ignoranz bei einigen Vorstandsmitgliedern und Repräsentanten. «Totenstille!», flüstert mir eine Dame aus der Gemeinde ins Ohr und meint, dass keine ihrer Bekannten mehr herkommen wolle, die «neue Regierung» ändere ja sowieso nix, im Gegenteil, sie habe sich noch weiter von den Leuten entfernt als die Vorgänger, sei noch arroganter und volksfremder geworden. Das mag ich nicht glauben: Dazu kenne ich die Vertreter der «Neuen» zu lange und auch zu gut.

«Im Prinzip sind kaum noch Probleme offen, die Leute müssen nicht mehr kommen, um ihren Ärger loszuwerden», so die andere Version, die mir Mirjam Marcus aus dem Vorstand erklärt. «Alles im Lot», meint dann öffentlich die Vorsitzende Lala Süsskind. Auch das will ich nicht so recht glauben, dazu höre ich zu viel an Ärger um die Versorgungsordnungen, alles rund um die Schule, die Gemeindeimmobilien, die Kashrut oder das Budget.

Irgendwo in der Mitte wird also die Wahrheit liegen. Mich ganz persönlich ärgert es, das so wenige gekommen sind und viele von denen, die den Weg gefunden haben, noch immer nicht wissen, wie man miteinander redet. Endlos heruntergebetete Autobiografien stehlen wertvolle Zeit und lassen das Interesse am wirklichen Problem des Vortragenden dann in der Tat schnell nachlassen, selbst bei mir und ich bin ein Schaf an Zuhörer, wenn’s sein soll. Berufsbedingt.

Dann komme sie irgendwann durch, die Probleme und zuweilen auch die Ideen. Der seit einem Jahr amtierende Vorstand muss einschätzen, dass die Gemeindefinanzen noch immer im Argen liegen. Alte Rechtsstreite konnten nicht beendet werden und belasten das Budget. Finanzdezernent Joachim Palenker versichert, dass man an der Minimierung der Sachkosten arbeite. Auch die Frage der Zusatzrenten ist noch ungeklärt. Aber: Zum ersten Mal Licht am Ende des Tunnels, bis zum Jahresende soll das Problem vom Tisch sein. An diesem Versprechen wird sich der Vorstand messen lassen müssen. Die zunehmende Unruhe unter den sephardischen Betern wird zum Problem, das der Gemeindeälteste Isaak Behar thematisiert. Noch immer ist keine Lösung für die Raumfrage ihrer Synagoge oder deren Ausstattung in Sicht. Gregory Krystal, der das Kultusdezernat erst vor wenigen Tagen übernommen hat, ist sich des Problems bewusst. Raissa Kruk ruft zur Wiederbelebung des «Demokratischen Forums» auf, einer vor gut zwei Jahren gegründeten Diskussionsplattform und reicht damit dem Vorstand mehr als beide Hände. Lala Süsskind versteht und nimmt das Angebot an. Einmal im Monat werde man zusammenkommen.

Alle sind eben daran vorbeigelaufen, am viel umstrittenen Servicepunkt. Hans-Joachim Will stellt eine positive Entwicklung als Anlaufstelle für alle Abteilungen der Gemeinde fest. Nur mit der IT-Abteilung hapere es. Ich hingegen möchte gerne ergänzen: Mit dem Kaffee hapert’s auch, sonst wäre ich bestimmt häufiger hier. So ist, zumindest für mich, ein wesentlicher Teil der Idee des Punktes, der öffentlichkeitswirksame, nach außen dringende, die Touristen und Berliner ins Haus holende, vollkommen verpufft. Spricht jemand mal ein ernstes Wort mit der Betreiberin, Tallana Gabriel, darüber? «Ach komm, mit der bist Du doch fast verheiratet!», bekomme ich zur Antwort und ärgere mich über so viel Oberflächlichkeit meines Gegenübers. Und über meine Freundin: sie hat geschlossen an diesem Tag!

Weiter geht es in der durchaus positiven Grundbilanz des ersten Quartals der Amtszeit. Rita Bardich, neue Integrationsdezernentin, bestätigte eine gute Bilanz der Arbeit der russischsprachigen Clubs in der Gemeinde: «Sie tun viel für die Integration, auch für die religiöse », resümierte sie. Lala Süsskind offerierte in diesem Zusammenhang, es sei eine Lösung in Sicht, für die nächsten Jahre einen liberalen Rabbiner an der Synagoge Pestalozzistrasse unter Vertrag nehmen zu können. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist Rabbiner Tuvia Ben-Chorin verpflichtet worden). Nun müsse auch noch das Problem der Besetzung der Rabbinerstelle in der Rykestrasse geklärt werden, erinnert eine Rednerin aus dem Publikum. Das Verhältnis zu den Rabbinern und vor allem ihren Aufgaben und ihrer Stellung im Konstrukt einer Einheitsgemeinde scheint einigen Gemeinde- wie Vorstandsmitgliedern noch immer nicht ganz klar zu sein: So begründete Benno Bleiberg seinen Rücktritt als Kultusdezernent unter anderem damit, dass «alle Dezernenten sich in die Kashrutfrage eingemischt » hätten. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat der Vorstand hier eine neue und eindeutige Regelung gefunden). Aus dem Publikum ein entrüsteter Fragesteller: «Wie kann eine Rabbinerin über jüdische Tradition sprechen?», und weiter in offener Antipathie gegen Rabbinerin Gesa S. Ederberg: «Sie spricht im Namen der ganzen Jüdischen Gemeinde zu Berlin, damit meint sie auch mich und die ganz Ultraorthodoxen.»

Levi Salomon, Antisemitismusbeauftragter der Gemeinde, zieht eine positive Bilanz dieses neuen Aufgabenbereiches. «Aber es muss künftig zweigleisig laufen», wünscht er sich. Der Vorstand habe die institutionellen Voraussetzungen geschaffen und rede mit den Offiziellen. Nun erwarte er auch das Engagement der Gemeindemitglieder und appellierte, sich einzubringen. Raissa Kruk hingegen bemängelte, dass man zwar mit eben jenen Offziellen rede, aber nicht an der richtigen Stelle: man müsse viel mehr mit der Schulverwaltung kooperieren.

Im Kulturbereich berichtete Dezernent Aharon Risto Tähtinen von einem geplanten Treffen mit jüdischen Künstlern aus Russland, Israel, den USA und Deutschland, sprach vom Neubeginn an der Volkshochschule. Was die Präsenz in den Medien betrifft, so wird sich in dieser Beziehung wohl bald etwas tun: Der Internetauftritt der Gemeinde ist fast tagesaktuell geworden und Tuvia Schlesinger nahm endlich den vakanten Platz der jüdischen Gemeinschaft im Rundfunkrat des RBB ein.

Arkadi Schneidermann entrüstete sich zum Schluss, dass 81 Mitglieder seit den Wahlen die Gemeinde verlassen hätten. Abgesehen davon, dass ich mich frage, woher er das weiß, halte ich diese Zahl im Jahresdurchschnitt für durchaus normal. Zudem konstatierte er, der Vorstand habe es geschafft, dass die hauptstädtische Presse «zur Jüdischen Gemeinde zu Berlin schweigt». Nun ja, auch dieser Artikel beweist das Gegenteil.

Womit wir bei der nächsten wichtigen Berliner Begegnung der letzten Wochen wären. Der Vorstand hatte Journalisten zum Spitzengespräch geladen, wollte über die Ergebnisse des ersten Amtsjahres berichten. Doch die Konfliktentwicklung im Gazastreifen überschattete diese Gesprächsidee und die Gemeindepolitiker verständigten sich mit den Medienvertretern zur Tagespolitik im Nahen Osten.

Übereinstimmend stellte man fest, dass Juden weltweit, auch hier in Berlin, ungerechtfertigterweise für Entscheidungen der israelischen Regierung zur Verantwortung gezogen werden. «Ich habe oft das Gefühl, dass man nur darauf wartet, ob und wie wir reagieren», erklärt Süsskind, «irgendwann bin ich dann nicht mehr nett». Es sei mehr als bedenklich, wie viele Juden- und Israel-Hasser sich seit dem Jahreswechsel offen äußern würden, auch der «stille Antisemitismus», in der Bahn, im Alltag, habe zugenommen. «Und plötzlich soll ich kein Deutscher mehr sein, sondern werde „nur“ noch als Jude gesehen», resümiert Jochen Palenker. Israel-Kritik hingegen sei legitim, sie sorge für «Hygiene im Umgang miteinander», stellt Ilan Ben-Schalom fest. Aharon Risto Tähtinen macht auf einen Umstand aufmerksam, der sonst kaum Beachtung findet: Durch Satelliten- und Kabeltechnik sind einige Hundert arabische Fernsehsender hierzulande zu empfangen. «Was dabei durch den Äther kommt, können wir uns gar nicht ausmalen!». Auch die mittlere und ältere Generation der Muslime werde dadurch beeinflusst, ganz abgesehen von der Jugend und den nicht mehr zu kontrollierenden Manipulationen durch das Internet. Rufe wie «Tod den Juden» haben eine verheerende Wirkung, vor allem auf unsere Einwanderer, die auch nach Deutschland gekommen sind, weil sie sich in ihren Herkunftsländern als Juden nicht mehr sicher fühlen konnten. Viele von ihnen sind noch immer traumatisiert. Doch gerade aus diesem Kreis kommt auch zunehmend die Forderung an das Gemeindeparlament, entschiedener gegen Israelfeindlichkeit anzutreten.

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», März 2009