«Verwirrung ist gut…»
Im Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller und Regisseur Etgar Keret
Gleich zu Beginn gibt er eine Antwort, die so nur von ihm kommen kann. Frage: «Es wird behauptet, Sie seien das Enfant Terrible der israelischen Literaturszene, fühlen Sie sich auch so?» Etgar Keret: «Geht nicht. Denn die Israelis wissen gar nicht, was ein Enfant Terrible ist.» Israels aberwitziger Poet, in der ganzen Welt mit seinen in neun Sprachen übersetzten Kurzgeschichten zum Kult-Autor avanciert, sitzt vor mir in einem Tel Aviver Straßen-Cafe, Ecke Ben Yehuda/Frishman Street. Der Mann mit dem abgründigen Humor und dem aufmüpfigen Denken hört neugierig meine Fragen, überlegt, antwortet leidenschaftlich, stets bemüht, möglichst viel Inhalt in möglichst kurzer Zeit zu äußern. Dazwischen findet der 39-jährige Autor skurriler Erzählungen immer Zeit, dieser oder jenem zuzuwinken, ein kurzes Hallo - der Mann, dessen Geschichten in Schulen schon mal verboten wurden, ist bekannt in seiner Stadt, die Tel Aviver lieben ihn. Und er liebt Tel Aviv.
Müde sieht Etgar Keret aus, der Bart ist drei Tage alt: «Ich drehe schon die ganze Woche einen Film, immer unten am Strand, eine israelisch-französische ëo-êroduktion. Ich muss für die Franzosen aus dem Hebräischen ins Englische übersetzen, und das von sechs Uhr morgens an, dabei habe ich doch nur den Text geschrieben», sagt Keret mit komisch gespielter Verzweiflung. Es ist ein Episoden-Film mit dem Arbeitstitel «Jelly Fish» («Die Qualle»), der 2007 im deutsch-französischen Fernsehsender «arte» ausgestrahlt wird. Das Story-Board für die drei Einzelfilme, die alle miteinander verwoben sind, schrieb seine Ehefrau Shira Geffen, die Schwester des israelischen Protestsängers Aviv Geffen. Etgar Kerets Tage sind lang, seine Nächte kurz: «Unser Sohn ist jetzt zehn Monate alt, und er weint nachts oft - die Zähne.» Der junge Vater hat nur noch zwei Wünsche: Film abdrehen und schlafen!
Herr Keret, wenn ich Ihre Geschichten lese, scheint es, als sei ganz Israel ein Irrenhaus.
Nicht nur Israel - die ganze Welt ist ein Irrenhaus. Niemand ist normal. Wir haben alle unsere seltsamen und verrückten Lebenserfahrungen. Doch in Israel potenziert sich das, weil wir täglich viel extremeren Lebenssituationen als andere Nationen ausgesetzt sind. Hier explodiert der Alltag. Doch inzwischen kennen wir uns damit aus und richten uns damit ein. Denn wir wollen nicht, dass der Terror uns besiegt. Wir wollen den Terror besiegen.
Was macht diese Situation mit den Menschen?
Normalerweise wollen die Leute Dinge tun wie überall auf der Welt. Doch hier kannst du in einem Cafe sitzen wie wir beide jetzt, und du wirst plötzlich in die Luft gebombt. Einige arbeiten mit Kreativität gegen die Verzweiflung an. Anderen geht es schlecht, und sie werden lethargisch.
Steht der nächste Krieg mit der Hizbollah vor der Tür?
Ich denke nicht. Denn die Hizbollah hat keinen persönlichen Konflikt mit Israel. Die Konflikte werden über Iran und Syrien gesteuert. Beide werden die Hizbollah erst wieder puschen, wenn sie meinen, einen Anlass zu haben.
Avi Primor sagte unlängst, Syrien sei an einem Frieden mit Israel interessiert. Was wäre Ihrer Meinung nach der Preis für einen Frieden mit Syrien?
Es wird nie einen Frieden mit Syrien ohne Rückgabe der Golan-Höhen geben. Es ist aber die Frage, ob das sinnvoll ist, denn man kann mit einem Frieden auch unglücklich sein. Andererseits verstehen sich Israel, Jordanien und Ägypten sehr gut, weil Israel eroberte Gebiete zurückgegeben hat. Den Golan zurückzugeben, ist aber sehr schwierig. Andererseits kann man den Feind nicht stoppen, ohne ihm etwas dafür zu geben.
Und unter welchen Umständen kann es Frieden mit den Palästinensern geben?
Israel wird von den Palästinensern ständig angegriffen, also haben wir die Gebiete besetzt. Doch wir haben den Menschen in den besetzten Gebieten nicht die gleichen Rechte wie uns selbst gegeben, mehr noch, die Palästinenser haben oft gar keine Rechte! Und eben das kann überhaupt nicht gut gehen.
In vielen ihrer Erzählungen spielt die israelische Armee eine Rolle. Ist die Armee noch die beste und moralischste in der Welt?
Als Soldat wurde ich auf die Schreibstube strafversetzt. Das war mein Glück, denn dadurch bin ich zum Geschichtenschreiben gekommen. Hier muss jede und jeder zur Armee, die auch eine soziale Rolle hat. Allerdings bringt die Situation in den besetzten Gebieten die Soldaten immer mehr in Gewissenskonflikte. Die zweite Intifada hatte einen sehr schlechten Einfluss auf die Soldaten, die schließlich erst 18 Jahre alt sind. Sie sind voller Angst um ihr Leben, sie sind schlecht trainiert, und ihre Kommandeure haben nicht mehr die Moral wie ihre Vorgänger-Generation. Diese jungen Soldaten schossen sogar auf Demonstranten, also Juden schossen auf Juden. Das ist sehr schlimm, das hätte ich nie von dieser Armee erwartet.
Werden Israel und Palästina ein binationaler Staat oder wird es zwei separate Staaten geben?
Die Idee vom binationalen Staat ist eine Utopie, da auf beiden Seiten so viel Hass gesät wurde und gesät wird, dass es Generationen dauern wird, diesen Hass zu überwinden. Die Zwei-Staaten-Lösung ist zwar verlockend, aber sie wird erst Realität werden, wenn wir alle aufhören, uns so dumm und rückständig wie jetzt zu benehmen. Israel muss sich in seine Grenzen von 1967 zurückziehen, und die Palästinenser müssen darauf verzichten, in Gebiete innerhalb dieser Grenzen zurückkehren zu wollen.
Hat Ministerpräsident Ehud Olmert die Kraft für den Start eines neuen Friedensprozesses?
Nein, er wird auch nicht mehr lange Ministerpräsident bleiben. Er hat keine Chance, wiedergewählt zu werden, denn er wurde nur an Stelle von Sharon gewählt, aber die Menschen haben sehr rasch gemerkt, dass er Sharon nicht das Wasser reichen kann. Jetzt nach dem Libanon-Krieg und angesichts der Korruptionswelle in der Regierung fragen sich die Leute, was an Olmert gut ist, und sie finden keine Antwort. Leider aber haben wir keine Politiker mehr wie Rabin, Golda Meir oder Ben Gurion.
Eine Frau in einem Kibbuz im Norden Israels sagte mir, Tel Aviv sei nicht Israel. Hat sie Recht?
Nein! Im Gegenteil: Tel Aviv ist das Konzentrat von Israel und für mich das Beste in diesem Land überhaupt. Im Gegensatz zu einigen anderen Orten ist hier Kommunikation zwischen Juden und Arabern, zwischen Orthodoxen, Schwulen und Lesben möglich. In Jerusalem treffen sie sich nicht einmal, aber hier in Tel Aviv reden sie sogar miteinander. In Tel Aviv sind die Leute offener, couragierter, extrovertierter. Sie begegnen einander und sprechen miteinander. Tel Aviv ist der einzige Ort im Nahen Osten, in dem das Miteinander zwischen Menschen aller Kulturen, Religionen und Meinungen funktioniert, denn in Tel Aviv leben aufgeschlossene, neugierige Menschen aus aller Welt. Hier werden Wohnungen auch nur gemietet, denn das Leben ist schnell, man legt sich nicht fest. In Jerusalem werden Wohnungen gekauft. Hier kann jeder sagen, was er denkt. Tel Aviv gehört allen Menschen, und das weiß auch jeder. In Jerusalem denkt jeder, die Stadt gehöre nur ihm.
Hier in Israel wird derzeit darüber diskutiert, dass die orthodoxen Juden wieder alle Geschäfte, Supermärkte, Kinos, Cafes und Restaurants am Shabbat strikt schließen lassen wollen. Wird Israel zum streng religiösen Staat?
(Seine Schwester ist ultraorthodox, sein Bruder kämpft für die Legalisierung von Marihuana): Beide, sowohl die religiösen als auch die säkularen Juden sollten flexibler sein. Vor allem sollten sie einander akzeptieren, denn Liberalität ist eine gute Idee, funktioniert aber nur, wenn man einander achtet.
Ich habe gestern in einem Park beobachtet, wie alte Menschen von jüngeren voller Respekt umsorgt werden. Hat Familie in Israel auf Grund der Lebenssituation einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern?
Die Institution Familie ist das wichtigste überhaupt. Das ist in unserer Geschichte, in der Shoah und in allen Kriegen mit allen Verlusten bedingt. Ich treffe meine Eltern beispielsweise einmal in der Woche, das ist für uns alle sehr wichtig.
Wo finden Sie die Ideen für Ihre Geschichten?
Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich kleine Dinge, wenn ich Sachen berühre, schleichen sie sich in meinen Kopf und machen sich selbstständig. Anlass für die Erzählung «Der Busfahrer, der Gott sein wollte» war beispielsweise eine Frau, die hinter einem anfahrenden Bus herlief, der aber seine Türen nicht mehr öffnete. In ihrer Panik faltete sie die Hände wie zu einem Gebet, und der Busfahrer machte die Tür auf.
Ist die Geschichte gleich fertig?
Nein, sie braucht viel Zeit, sich zu entwickeln, und erst, wenn ich sie ganz verstanden habe, schreibe ich sie auf.
Was wollen Sie den Menschen mit Ihren Geschichten mitteilen, was wollen Sie in ihnen bewirken?
Ich will die Dinge noch ein bisschen mehr verwirren als sie es ohnehin sind. Ich will, dass die Menschen die bestehenden Verhältnisse nicht einfach so akzeptieren, wie sie sich ihnen darstellen. Verwirrung ist gut, um die Dinge zu klären, und verleitet zum Fragen, und auf Fragen bekommt man oft überraschende, klärende Antworten.
Sie sind oft in Berlin, hatten 2004 eine Professur an der Freien Universität in Berlin. Wäre Berlin für Sie eine Alternative zu Tel Aviv? Schließlich sind Ihre Eltern Holocaust-Überlebende.
In Berlin zu sein, fühlt sich an wie Zuhause zu sein, fast jedenfalls, denn leben kann ich nur in Tel Aviv. Berlin und Tel Aviv suchen beide ihre Identität, während Israel und Deutschland mit dem Holocaust eine gemeinsame Geschichte haben. Auch die Identität der Menschen beider Staaten ist die gleiche, schließlich sind viele deutsche Juden vor der Shoah nach Israel geflüchtet. Viele Menschen hier sprechen deutsch, schreiben deutsch, essen deutsch, leben deutsch. Und viele junge Israelis sehen in Berlin noch vor New York eine Lebensalternative. Eine Gemeinsamkeit zwischen Berlin und Tel Aviv ist beispielsweise die große Offenheit gegenüber anderen Menschen und gegenüber Fremden.
Gibt es in Israel eine intellektuelle Szene?
Mag sein, dass es eine gibt. Ich wurde bisher nicht eingeladen. Ich bin Individualist und verbringe meine Zeit am liebsten mit der Familie und mit Freunden. Mein bester Freund ist beispielsweise Programmierer.
Sie schrieben bisher Kurzgeschichten, Comics und Kurzfilme. Wann kommt ihr erster großer Roman heraus?
Ich weiß nicht, wie man lange Geschichten schreibt. Meine Erzählungen sind wie Explosionen, und ich weiß nicht, wie man langsam und lange explodieren soll. Aber wenn «Jelly Fish» fertig gedreht ist, dann schreibe ich das Script für einen Film, der viele meiner Kurzgeschichten zusammenfügt. Wahrscheinlich wird das eine israelisch-australische Co-Produktion, die nächstes Jahr in Sidney gedreht werden soll.
Wo bekommen wir «Jelly Fish» zu sehen?
«Jelly Fish» ist der Arbeitstitel. Ich weiß nicht, wie er endgültig heißen wird. Aber wir haben ihn für den deutsch-französisischen Fernsehsender «arte» gedreht, also wird er im nächsten Jahr auch auf «arte» in Deutschland zu sehen sein.
Herr Keret, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Heike Linde-Lembke