Signale für eine Erneuerung

  

In Heidelberg hat jüdische Vielfalt Tradition

Ich komme ursprünglich aus Paris, wo etwa 300.000 Juden leben und es mehrere Dutzend Synagogen gibt, die das gesamte Spektrum jüdischer Strömungen – von liberal über Masorti bis orthodox – abdecken. Als ich vor ein paar Monaten nach Heidelberg gezogen bin, war das natürlich eine große Umstellung für mich. Und doch war die Rhein-Neckar-Region einmal ein wichtiges Zentrum des europäischen Judentums. Schon im 10. Jahrhundert gab es hier jüdische Gemeinden. Bedeutende Gelehrte wie Raschi haben an den Jeschiwot von Worms und Speyer studiert. In späteren Jahrhunderten war die Geschichte der Juden in Südwestdeutschland dann zunächst von Unterdrückung und Verfolgung geprägt, bis schließlich 1809 Baden als erster deutscher Staat die jüdische Religionsgemeinschaft anerkannte, so dass sich hier erneut ein blühendes jüdisches Leben entwickeln konnte. Besonders der liberale Geist der Universität Heidelberg zog zahlreiche jüdische Studenten und Gelehrte an. Es ist sicher kein Zufall, dass sich unter solchen Bedingungen vielfältige Spielarten des Judentums in Heidelberg entwickeln konnten – von der Reformgemeinde um Karl Rehfuß bis zum «Verein gesetzestreuer Juden in Heidelberg»

In unserem unabhängigen Minjan versuchen wir, an diese Traditionen anzuknüpfen, auch wenn es selbstredend noch sehr viel zu tun gibt, bevor wir unseren Vorbildern gerecht werden. Diese sind nicht nur in der jüdischen Geschichte unserer Region zu suchen, sondern vor allem auch in den zahlreichen jüdischen Gemeinden weltweit, die heute die aufklärerischen Werte dieser Geschichte verkörpern. Als Beispiele seien etwa Kehilat Hadar in New York, Kehilat Gesher in Paris, Ikar in Los Angeles oder Kehilat Mayanot in Jerusalem genannt.

Das Engagement innerhalb der jüdischen Institutionen interessiert uns bei unserer Arbeit weniger als der Wunsch, einen konkreten und praktischen Beitrag zum Aufbau jüdischen Lebens vor Ort zu leisten. Signale für eine Erneuerung jüdischen Lebens in Heidelberg sind heute schon vielfach wahrnehmbar: beispielsweise hat man hier zu Schabbat die Wahl zwischen dem traditionellen Ritus in der Synagoge der Kultusgemeinde in der Häusserstraße und einem egalitären Gottesdienst in der amerikanischen Synagoge in Rohrbach. In Kürze wird auch noch ein von uns organisierter lernender Minjan hinzukommen. Wer mehr über die jüdische Tradition lernen will, kann sich aussuchen, ob er eines der Bildungsangebote der traditionellen Gemeinde wahrnimmt, bei Beit Gesher einen unserer Workshops besucht, oder vielleicht an einem der Kurse von Rabbiner Shaul Friberg an der Hochschule für Jüdische Studien teilnimmt. Diese Vielfalt empfinden wir als Bereicherung, und deshalb sind die emanzipatorischen und pluralistischen Ideale aus der jüdischen Geschichte Badens für uns auch weiterhin aktuell. Diversität war schließlich immer ein wichtiger Bestandteil der jüdischen Tradition: nicht erst seit der Entstehung der modernen Richtungen im Judentum oder der Auseinandersetzung zwischen den Chassidim und den Mitnagdim, sondern mindestens seit Hillel und Schammai.

 

Judith Golias

«Jüdische Zeitung», März 2009