Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein klein bisschen "Tacheles"Paul Spiegels jüdische Lieblingswitze gibt's jetzt in Buchform
Ohne Witz kann man nicht auf die Menschheit wirken. Diesen Satz schrieb sich schon der deutsch-jüdische Schriftsteller Ludwig Börne 1830 in sein Tagebuch. Paul Spiegel, 2006 verstorbener Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Journalist und Unternehmer, wollte auch immer mit Humor wirken und erheiterte zu Lebzeiten gern sein Umfeld mit allerlei Witzen jüdischer Couleur. Was er zu Lebzeiten nicht geschafft, nämlich seine Lieblingswitze zu verlegen, haben nun seine Töchter Dina und Leonie für ihn und Spiegels Nachwelt übernommen. Insgesamt 85 Witze des im Feuilleton oft als «rheinische Frohnatur» beschriebenen Spiegels trugen sie zusammen. Der geneigte Leser von «Jetzt mal Tacheles» wird dazu im «Nachruf» aus dem Munde deutscher Prominenter aus Showbiz und Politik ermahnt, dass gelacht werden muss. Vielleicht stellen die am Buch ende zitierten Wolfgang Clement, Veronika Ferres, Johannes B. Kerner und Hans Meiser aber auch nur ein Gegengewicht zu den jüdischen Spaßverstehern Dani Levy («Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler») und Düsseldorfs Gemeinderabbiner Julien- Chaim Soussan dar, die sich im Vorwort über die Person Spiegels begeistern. Auf jeden Fall soll auf diese Weise schon mal der Beweis erbracht werden, dass alle zusammen, Juden wie Nichtjuden, über die Witze lachen dürfen. Alt-NeulandEin Witzbuch ist ja so eine Sache. Kein jüdisches Terrain scheint verminter als das des Humors. «Darf man über den Holocaust lachen? » Und wie sieht es mit Israel-Witzen aus? Wo hört Humor auf und wo fangen Stereotype an? Traditionell wurden diese schwierigen Fragen in deutschsprachigen Publikationen jüdischer Witze gekonnt umschifft, weil weggelassen. Die Rezeptur heißt ehedem: Witze aus der Vorkriegszeit – also keine Schoa, kein Nahostkonflikt – dafür viel Osteuropa und Jiddischkeit. Und wer es «härter» möchte, der darf auch mal über einen Scherz der «kultivierten», weil assimilierten, deutschen Juden über die schläfengelockten, «zurückgebliebenen » Brüder und Schwestern aus dem Osten lachen. Das sind immer wieder aufgelegte Klassiker vom Anfang des 20. Jahrhunderts und den 1920-er Jahren. Aus «Rosinkes mit Mandeln» von Immanuel Olsvanger oder «Jidische wizen» von Chaim Rawnizki, beide von 1920, wird seitdem kräftig abgeschrieben. Auch die Witze von Paul Spiegel sind nicht neu, wenn auch nicht allesamt alt. Die meisten der Sammlung hat man oft gehört. Einige wurden hübsch den «modernen Zeiten» angepasst. Polnische Vorkriegszloty verwandeln sich da in «DM» und die «DM» in «Euro». Auch schreiben schuldbewusste jüdische Söhne nun keine Briefe mehr an die weinenden Mütter in Lodz, sondern telefonieren mit der «Hauptstadt Berlin» und es ist kein einfacher «Hund» mehr, sondern die Moderasse des «Labrador Retriever», der da reden kann. Bei «Ein Jude geht zum Metzger und möchte einen Fisch kaufen» zuckt einem nur noch der Mundwinkel und man hofft vergeblich auf mehr. Paul Spiegel war eben Künstleragent, kein Künstler. Um es mit Fritz Kortner zu sagen: «Jude allein genügt nicht.» Jetzt mal «Tacheles»?In der von Peter Gaymann ideenreich illustrierten Witze-Auswahl trifft der Leser keine bitteren Witze, keinen beißenden schwarzen Humor. Lediglich ein oder zwei Beispiele thematisieren die Ausgrenzung von Juden. Witze als politische Waffe oder als Mittel zum Überleben kommen in dem Buch gar nicht vor. Das hätte wohl auch nicht Spiegels Überzeugung entsprochen. Nach 1945 war seine Vision die der «Normalität». Er wollte, dass auch Christen und andere Nichtjuden über Jüdischkeit lachen, um sie so besser verstehen zu können. Dem Leser wird deshalb in «Jetzt mal Tacheles » die ganze Bandbreite innerjüdischer Lebensweise geliefert: Kultur, Religion, Seele. Er kann über die (Un-)Vereinbarkeit strenger Religionsgesetze mit Lebensfreude schmunzeln, über die Übergriffigkeit der «jiddischen Mame», über hässliche Schwiegertöchter, die viel zu oft strapazierte «Chuzpe », über Riten oder koscheres Essen. Auch stereotype «jüdische Eigenschaften» und «typische» Juden – wie «Schlomo», «Sara», «Herr Kohn» oder «Herr Mandelbaum» – die sich über zu hohe Preise beschweren oder in «Mauscheleien» verwickelt sind, fehlen nicht. Hier sei die Frage erlaubt: Sollte jüdischer Witz nicht eher Klischees in Frage stellen, anstatt sie nur zu bestärken? Politische Korrektheit war in Spiegels Amt unumgänglich. Auschwitzwitze im Bundestag, Witze über «Gojim», bösartige, zynische, tiefschwarze oder anzügliche Anekdoten beim Evangelischen Kirchentag wären in der verklemmten und mit der Schuld ringenden nichtjüdischen Gesellschaft nicht sonderlich förderlich gewesen. Und so ist auch dieses Buch. Es kommt seicht daher und ist einfach nett, ja wirklich! Für den Laien jüdischen Humors ist «Jetzt mal Tacheles » Einstiegsliteratur mit Schmunzelpotential – für Kenner jüdischen Humors ein weiterer Staubfänger im Regal. Dina und Leonie Spiegel ( Hg.). «Jetzt mal Tacheles». Die jüdischen Lieblingswitze von Paul Spiegel. Mit Illustrationen von Peter Gaymann, Artemis & Winkler 2009, 14,90 Euro |