Jüdisches Lexikon

  

"Woche der Brüderlichkeit"

«1949–2009. So viel Aufbruch war nie», das Motto der diesjährigen «Woche der Brüderlichkeit » vom 1. bis 8. März konnte schnell missverstanden werden. Noch nie seit Bestehen der interreligiösen Themenwoche von Juden, Protestanten und Katholiken in Deutschland stand die Teilnahme der jüdischen Seite unter so vielen Fragezeichen wie im Jahr 2009. Grund dafür war die päpstliche Rehabilitation des britischen Traditionalisten-Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson – der letzte theologische Affront der römischen Kurie. Die im interreligiösen Dialog aktiven katholischen Laien und das deutsche Episkopat hatten sich Anfang des Jahres deutlich von der Entscheidung des Papstes distanziert und so den wichtigsten jüdischen Gesprächspartnern, den Vertretern der beiden deutschen Rabbinerkonferenzen – der orthodoxen und liberalen Gemeinderabbiner – die Teilnahmezusage erleichtert. Traditionell finden auf der interreligiösen Themenwoche kulturelle Veranstaltungen statt, werden gemeinsame Gottesdienste abgehalten und die «Buber-Rosenzweig-Medaille» – eine Auszeichnung für besondere Verdienste bei der christlich-jüdischen Verständigung – verliehen. Empfänger der Medaille 2009 ist der katholische Theologieprofessor Erich Zenger.

Die Idee einer «Woche der Brüderlichkeit» wurde in der Bundesrepublik Anfang der 1950er Jahre geboren. Der damalige Geschäftsführer der «Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart», Peter Schmidt, hatte diese aus den USA mitgebracht. Dort wurde erstmals im Frühjahr 1934 eine «Brotherhood Week» abgehalten. Ziel der damaligen Veranstaltung war es, in Zeiten der 1930-er Weltwirtschaftskrise die Idee der Brüderlichkeit in der heterogenen US-Gesellschaft zu manifestieren und eine Gemeinsamkeit im Glauben an Gott zu schaffen. US-amerikanische Mitveranstalter waren bei den ersten «Wochen der Brüderlichkeit» in der Bundesrepublik besonders präsent.

Die Einführung der «Woche der Brüderlichkeit » im Jahr 1952 stieß zu Anbeginn aber auch auf Kritik. Einige der über 80 nach dem Krieg in Westdeutschland gegründeten «Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit» warnten damals vor einer Politisierung und «Instrumentalisierung der „Woche“ als Waffe im Kalten Krieg». So plädierte die Geschäftsführerin der Freiburger Gesellschaft, Gertrud Luckner, dafür, es mit Brüderlichkeitswochen und Demonstrationen «eine Weile gut sein zu lassen» und stattdessen die Brüderlichkeit lieber «im Alltag voranzubringen » (Erler/Koschel: Der Dialog zwischen Juden und Christen. Frankfurt/M. 1999). Vertreter der Juden in Deutschland standen der «Woche» bei ihrer Etablierung grundsätzlich positiv gegenüber, sahen aber schon damals die Gefahr, dass die Religionen zwar eine Überbrückung versuchten, dabei jedoch nicht selten «das Denken der Menschen in eine andere transzendentale Welt» flüchtet, die «den Lebenden nicht zugänglich ist» (Erler/ Koschel).

 

Mina Altman

«Jüdische Zeitung», März 2009