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Leben nach dem Überleben«phantastisches» aus Wien: Jüdisches im Frühwerk von Arik Brauer, Friedensreich Hundertwasser und Ernst FuchsDas Werk von bildenden Künstlern, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, gerät in den Augen heutiger Betrachter leicht zur bloßen Illustration ihrer Verfolgungsgeschichte - das gilt beispielsweise für das Oeuvre des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum ebenso wie für den Zyklus «Leben. Oder Theater?» von Charlotte Salomon. Dem Jüdischen Museum Wien glückt in seiner von Tobias G. Natter kuratierten Ausstellung «phantastisches» der schwierige Spagat zwischen Kunst und Leben von Arik Brauer, Ernst Fuchs und Friedensreich Hundertwasser. Bis Mitte Januar 2007 wird erstmals das Frühwerk dieser drei österreichischen Ausnahmekünstler der Nachkriegszeit zusammen mit ihrem biographischen Hintergrund präsentiert. Alle drei wurden zwischen 1928 und 1930 in Wien geboren, alle drei erlebten die Zeit des Nationalsozialismus wegen ihrer jüdischen Herkunft unter widrigsten Bedingungen von Ächtung und Verfolgung. Die Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität und mit der Schoa kommt im Frühwerk der drei zum Ausdruck. Die Ausstellung «phantastisches» verbindet rund 60 herausragende Arbeiten mit persönlichen Dokumenten zum Überleben von Arik Brauer und Friedensreich Hundertwasser im NS-Wien sowie zur Emigration des Vaters von Ernst Fuchs nach Shanghai. Erich, später Arik, Brauer wird am 4. Januar 1929 als Sohn des Simche Moses Brauer und seiner Gattin Hermine, geb. Sekirnjak geboren. Der Vater muss als Jude aus Wien fliehen und kommt in einem KZ in Lettland um. «Ich bin als Phantast geboren. Ich war nie ein Surrealist, obwohl Salvador Dali einer meiner Vorbilder war. [...] Ich habe in der Tischlerei der Kultusgemeinde gearbeitet, wo ich für Nazibonzen Schlafzimmer und ähnliches mittischlerte.» Ab 1942 arbeitet Erich Brauer als «freiwilliger Anlernling in der Technischen Abteilung des Ältestenrates der Juden in Wien». Gegen Ende des Krieges taucht er unter und überlebt als «U-Boot». Ernst Fuchs wird am 13. Februar 1930 als einziges Kind von Leopoldine und Maximilian Fuchs in Wien geboren. Die Familie des Vaters ist jüdisch, die Mutter katholisch. Nach dem «Anschluss» Emigration des Großvaters in die USA. Der Vater flüchtet nach Shanghai und kehrt erst 1948 nach Wien zurück. Andere Familienmitglieder kommen im Holocaust ums Leben. «Es gab den Blockwart und das Ganze war ja toll organisiert; der Hitler hat eine Organisation ins Land gebracht, da waren alle stolz darauf und haben mitgemacht, und die, die heute sagen, Österreich ist überfallen worden, über die kann ich nur ganz arrogant lachen.» Ernst Fuchs konvertierte als Zwölfjähriger zum katholischen Glauben und erinnert sich noch heute daran, als Achtjähriger als «Judas von Tirol» durch die Gassen gestoßen worden zu sein. Friedensreich Hundertwasser wird am 15. Dezember 1928 als Friedrich Stowasser in Wien geboren. Der Vater stirbt im nächsten Jahr, die jüdische Mutter hat alle Hände voll zu tun, um für das Lebensnötigste zu sorgen. Seine Mutter lässt ihn «sicherheitshalber» christlich taufen. Wenige Monate nach dem «Anschluss» werden Else Stowasser und ihr Sohn gezwungen, in die Leopoldstadt umzuziehen, die zum Ghetto erklärt wird. Der 14-jährige tritt zum Schutz seiner Familie der Hitlerjugend bei. Durch seinen «arischen» Vater ist er als «Halbjude» zunächst vor Verfolgung sicher. 1943 nimmt sein naturalistisches Jugendwerk seinen Anfang. Im selben Jahr werden 69 jüdische Familienangehörige mütterlicherseits deportiert und getötet. «Während des Einmarsches der Hitler-Truppen blieben wir zu Hause. Als wir uns wieder auf die Straße wagten, hatten auch wir Hakenkreuze angesteckt, denn jeder, der dies nicht tat, war suspekt und lief Gefahr, angepöbelt zu werden. [...] Die Perversion des Ganzen wurde mir erst viel später bewusst. Während meine Mutter mit dem Judenstern einkaufen ging, lief ich mit dem Hakenkreuz durch die Gegend», resümiert Hundertwasser in seiner Autobiographie. «Das ist eine Generation, die den Krieg noch mitgemacht hat, aber jung genug war, um nicht daran zu zerbrechen. Und hier ist etwas ganz Besonderes: Das sind drei Künstler, und alle drei haben in Wien überlebt», sagt Tobias Natter. «Das «Jüdische» in ihren Bildern kann dabei keineswegs auf ihre Auseinandersetzung mit der Schoa reduziert werden», schreibt Felicitas Heimann-Jelinek in ihrem Katalogbeitrag zur Ausstellung. «Dennoch sind die auf den Holocaust bezogenen Bilder aller drei von universeller Aussagekraft. Sie wurden in einer Zeit geschaffen, als noch wenig hinterfragt wurde, wo die Grenzen des Darstellbaren liegen und sein musste, um sich an das Thema künstlerisch annähern zu dürfen oder nicht, ob es fiktive Darstellungen wer das Recht zur Darstellung habe, ob man unmittelbares Opfer geben solle, ob die realistische Darstellung eine adäquatere sei als die abstrakte, ob und welchen Einfluss Holocaust-Darstellungen auf Opfer- und Tätergesellschaften in ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte, in ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Identität haben». Arik Brauer und Ernst Fuchs sind zwei Zentralfiguren der «Wiener Schule des Phantastischen Realismus», die sich aus der allgemeinen Rezeption des Surrealismus entwickelte Hundertwasser ging von Anfang an andere Wege, seine Vorstellungen von Malerei wurden von ihm konsequent weiter entwickelt und perfektioniert. Seine Farben strahlen einem jetzt im Wiener Palais Eskeles in vertrauter Weise entgegen, doch man sieht die Werke von Brauer, Fuchs und ihm nach einem Besuch dieser Ausstellung mit ganz neuen Augen an. Und man wünscht sich ein Gastspiel auch in Deutschland. Warum nicht in Berlin? Information: «phantastisches» ist bis zum 14. Januar 2007 von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr im Jüdischen Museum Wien (1010 Wien, Dorotheergasse 11), zu sehen. Der reich illustrierte Katalog, hrsg. von Tobias G. Natter, ist im Münchner Prestel Verlag (ISBN 3-7913-3725-4) erschienen und kostet 49,50 Euro
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