Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Stillschweigendes ErtragenDas Leben der Juden im Iran ist von Anpassung gekennzeichnet
Juden im Iran, eine Geschichte, die nach wie vor interessant und bewegend bleibt. Seit der Herrschaft von König Kyros II. im sechsten Jahrhundert vor Christi leben Juden in den Gebieten des damaligen Persien. Man kann den Iran als weltweit zweitgrößte jüdische Heimat bezeichnen. Mit 25.000 – 28.000 Mitgliedern hat der Iran nach Israel die größte jüdische Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten. Doch wie leben diese Menschen in einem Land, dessen Präsident Hassparolen und Hetzkampagnen gegen sie richtet. Wie lebt es sich in einem Staat, in dem Präsident Mahmud Ahmadinedschad kein Freitagsgebet auslässt, um das «zionistische Krebsgeschwür», wie er Israel nennen lässt, in Frage zu stellen. «Die Zionisten gefallen sich in der Opferrolle, doch was sie eigentlich vorhaben ist: ganz Palästina zu besetzten.» Solche und ähnliche Hassreden stehen auf iranischen Webseiten und werden vom Präsidenten ins Volk getragen. Wie sieht der Alltag iranischer Juden aus, wie leben sie, was fühlen sie und wie stark werden sie durch diese offenbar benachteiligte Stellung in der Gesellschaft überhaupt noch wahrgenommen – oder wie sehr müssen sie sich «anpassen», um überleben zu können? Was muss einem Juden durch den Kopf gehen, der sich nicht traut, eine Kippa auf der Straße zu tragen. Was fühlt eine Jüdin, wenn sie in der Synagoge das im Iran obligatorische Kopftuch tragen muss? Die iranischen Juden gehörten zur Zeit der Monarchie in der Regel zu den wohlhabenden und vor allem gebildeten Schichten des Iran. Schah Reza Pahlavi pflegte sehr gute diplomatische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu den USA und ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Israel. Beide Länder sahen in den Arabern «den Feind». Diese Freundschaft kam den im Iran lebenden Juden sehr zu Gute. Es waren die Juden, die sehr hohe Positionen in der Wirtschaft und auch sonst erreichten. Die persischen Juden, aber auch diejenigen, die aus anderen Ländern ins Land kamen, waren geschäftlich äußerst erfolgreich und führten somit die oberste Riege in Bezug auf Wohlstand, gesellschaftlichen Status und Macht im Lande an. Sie besaßen teure Villen, luxuriöse Autos, pflegten Kontakte zur gehobenen Klasse und zur Schahfamilie. Sie genossen ein Jet-Set-Leben, das von Luxus geprägt war – und damit zweifellos auch Klischees bediente. Da die reiche Oberschicht des damaligen Iran sehr westlich geprägt war und zudem über unvorstellbaren Reichtum verfügte, war sie den tief religiösen Iranern grundsätzlich ein Dorn im Auge. Mehr noch waren dem islamischen Religionsführers Ayatollah Chomeini Juden, reiche Juden, verhasst. Nach der Revolution wurde die Zusammenarbeit des Schah-Regimes mit Israel den iranischen Juden ebenso vorgeworfen, wie das florierende Geschäftsleben, das sie während der Ära des Schahs aufgebaut hatten. Fabriken, Immobilien und Kapitalanlagen im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar wurden beschlagnahmt. Zehntausende iranische Juden verließen damals aus berechtigter Angst das Land. Viele der dort Gebliebenen sind heute der Meinung, dass sich das jüdische Alltagsleben mittlerweile wieder normalisiert hat. Eine sehr ohnmächtige und vor allem nicht ganz nachvollziehbare Aussage, wenn man die Verhältnisse betrachtet, unter denen die iranischen Juden heute im Land leben. Was für ein Gefühl muss es sein, wenn die eigene, die hebräische Sprache nicht öffentlich toleriert wird? Das spiegelt den schwierigen Alltag der vielen Juden im Land wider. Iranische Juden vor Ort betonen, dass sie, sofern sie sich politisch unauffällig verhielten, unbehelligt leben könnten. Eine Aussage, die darauf schließen lässt, dass sich die Menschen mit sehr wenig begnügen und schon gar keine Anforderungen an eine eigene Identität mehr stellen. Man nimmt das, was man kriegen kann und versucht stillschweigend den Rest so gut wie möglich hinzunehmen. Was bleibt einem auch anderes übrig! Zwischen dem Iran und Israel gibt es keine direkten Flugverbindungen. Juden, die den Iran dorthin verlassen wollen, müssen über ein geheim gehaltenes Drittland ausreisen. Noch schlimmer ist es für iranische Juden, die im Ausland leben und immer noch den iranischen Pass besitzen. Besuche oder auch nur ein Urlaub in Israel kann verheerende Folgen für die Familienmitglieder mit sich bringen, die noch im Iran leben, da das islamische Regime diese Einreisen nicht duldet und in einer Art Sippenhaft bestraft. Ich kenne nicht wenige iranische Juden, die beispielsweise in Deutschland leben und die iranische Staatsbürgerschaft besitzen: Sie reisen selten zu ihren Verwandten nach Israel, da sie genau wissen, welche Folgen ihr Besuch haben würde und welchen Repressalien ihre Familienmitglieder «zu Hause» ausgesetzt sein würden. Vor allem die «Alija», wie die Einwanderung nach Israel bezeichnet wird, sollte geheim gehalten werden, um die Angehörigen und Freunde der Migranten im Iran nicht zu gefährden. Die International Fellowship of Christians and Jews sieht die jüdische Auswanderung stark gefährdet, nicht nur wegen der Vernichtungsdrohungen gegen die potentielle Heimat Israel, sondern auch wegen Ahmadineschads notorischer Leugnung des Holocaust. «Unser Gefühl sagt, dass es eine sehr ähnliche Situation ist, wie die der Juden in Deutschland in den 1930ger Jahren war», sagte Fellowship- Gründer Rabbiner Yehiel Eckstein der israelischen Tageszeitung «Haaretz». Zumindest kleine Zugeständnisse werden der jüdischen Minderheit als besondere Rechte eingeräumt, etwa einen Abgeordneten ins Parlament wählen zu können oder der Betrieb von jüdischen Einrichtungen. Vier jüdische Schulen und 20 Synagogen, die es allein in Teheran gibt, dazu das jüdische Krankenhaus und sogar drei koschere Restaurants. «Wir sind ein Teil der iranischen Nation», betont Harun Jaschajaje daher stolz, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Teheran. Zwar wird gesagt, dass die Vernichtungsbedrohungen Ahmadineschads gegen Israel ihr Leben nicht beeinflusse, andererseits weiß man, dass Juden, wie auch Nichtmuslime, «Bürger zweiter Klasse» im Iran sind. Sie dürfen zum Beispiel keine Berufssoldaten oder etwa Schuldirektoren werden. Genauso sind sie von Jobs in den Sicherheitsdiensten und der Rechtssprechung vollkommen ausgeschlossen. Da es ein Jüdisches Krankenhaus in Teheran gibt, ist davon auszugehen, dass die Ausübung medizinischer Berufe ihnen immerhin gestattet ist. Würde es dieses Krankenhaus nicht geben, wären solche Berufe wohl ebenfalls eine Tabuzone. «Viele erlernen den Beruf des Arztes oder des Händlers, um niemanden über ihre Religion informieren zu müssen», sagt mir lachend ein Jude im Krankenhaus. Zumindest den Humor hat er nicht verloren, so scheint es. Doch wenn man genauer hinhört, stellt man fest, dass dieser Satz nicht von natürlicher Fröhlichkeit begleitet wird, sondern einen stark sarkastischen Unterton aufweist. Ein weiteres Indiz für die ethnische Ungleichheit tritt in Bezug auf das Erbrecht ein. Tritt ein Jude zum Islam über, erbt er laut Gesetz den gesamten Besitz seiner jüdischen Familie – so zumindest die geltende iranische Rechtsauffassung. Bis zum Jahre 1979 lebten 100.000 Juden im Iran, heute sind es nur noch 25.000. Ein Rückgang um 75 Prozent, der erschreckend und doch verständlich ist. Im Schnitt sind laut Moris Motamed, Vertreter der Juden im iranischen Parlament, im vergangenen Vierteljahrhundert jedes Jahr 2.600 Juden ausgewandert, wohl wissend, wie sehr Chomeini die Juden verabscheute und welchen Gefahren sie in der Heimat ausgesetzt waren. Der Jüdische Friedhof im Süden Teherans zeigt jedoch, dass die Islamische Republik Iran noch immer eine ausgesprochen große jüdische Gemeinde hat. «Alle Juden im Iran träumen davon, irgendwann nach Israel zu ziehen. Aber das ist keine einfache Entscheidung, denn im Iran dürfen wir laut Gesetz weder unsere Geschäfte noch unsere Wohnungen oder unsere Wertsachen verkaufen - wir waren wohlhabend im Iran, wir würden arm in Israel ankommen», erklärt mir eine Jüdin im Gespräch. Dennoch wandern immer noch viele Juden aus, nicht nur nach Israel. Ausnahmen gibt es, wie die schöne Mitra zum Beispiel, die ihren Ehemann in der Synagoge kennenlernte. Vor der «Revolution» von 1970 kam es sehr oft zur Heirat zwischen Iranern und Juden. Da sehr viele Juden im Land lebten, war es nichts Ungewöhnliches. Heute kommt für die meisten Juden im Iran nur eine Ehe mit einem Juden in Frage. «Zu einer Mischehe fehlt es den Menschen auf Grund der gesellschaftlichen Verhältnisse ganz einfach an Mut», so Mitra. Zwar sei Toleranz vorhanden, jedoch sei diese nicht das Ausschlaggebende. Viele junge iranische Juden beziehen eine positivere Haltung zu allem. Lockerer und leichter nehmen sie alles hin, so wie die Informatik-Studentin Mojdeh: «Wenn ich keinen Job beim islamischen Staat kriegen sollte, dann finde ich bestimmt etwas Besseres in der freien Wirtschaft.» Die Tochter eines jüdischen Bazarhändlers ist zuversichtlich und hält die vielen Demonstrationen und Hassparolen einfach nur für Rituale, die eben vollbracht werden müssten. Auch ihr jüngerer Bruder Josef ist optimistisch erzogen worden. Der Junge ist der einzige Jude in seiner Klasse und hat sich mit der Zeit eine Art Abwehrhaltung zugelegt: «Wie so viele von uns, habe auch ich eine Art Schutzhaltung gegenüber den Herrschenden.» «Vielen von uns hilft das Morgengebet durch den Tag zu kommen», weiß Arash Abaie, ein junger Architekt, der regelmäßig Vorlesungen in der Synagoge hält. Wer in das Gotteshaus geht, muss dies im Morgengrauen tun, bevor er zur Arbeit geht. Im Gegensatz zum islamischen Gebet, das des Öfteren am Tage abgehalten wird, müssen die iranischen Juden mit dieser Einschränkung leben. Suleyman Setiqpour ist Rabbiner und organisiert Hochzeiten und Beerdigungen. In den jüdischen Vierteln in Isfahan leben kaum noch Juden, zu viele sind ausgewandert. In den letzten Jahren sind allein in dieser Stadt sechs Synagogen eingestürzt, keiner kümmert sich mehr darum. Die muslimische Stadtverwaltung betrachtet die fortschreitende Selbstauflösung des jüdischen Lebens mit Interesse. An ehemaligen Stätten des Judentums entstehen nunmehr Grünanlagen, hört man von den Herren der Verwaltung. Viele junge Juden haben kein Interesse mehr am Gottesdienst, ein Indiz dafür, dass es zu mühselig ist die von Staats wegen «verhasste» Religion dennoch auszuüben? Wie stark der Israel-Hass des iranischen Machthabers die Menschen auch weltweit beeinflusst, wird anhand des Fußballspielers Ashkan Dejagah deutlich. Dejagah spielt für die bundesdeutsche U 21 der Nationalmannschaft. Er konnte vor zwei Jahren nicht zu einem wichtigen Spiel nach Israel reisen, aus Angst, dass seine Eltern, die nach wie vor die iranische Staatsbürgerschaft besitzen, Repressalien ausgesetzt würden, sobald sie wieder iranischen Boden betreten sollten. Mehr noch fürchtete er für die im Iran verbliebenen Familienmitglieder. Dejagah erklärte eindeutig, dass die Absage des Spiels in Israel nichts mit seiner politischen Meinung oder seinem Glauben zu tun habe, sondern er einfach nur seine Familie schützen wolle. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und sein Sportverein warfen dem 21-Jährigen hingegen einen «privaten Judenboykott » vor, dabei ist bekannt, dass der iranische Präsident den Sportlern des Landes bei Strafverfolgung verboten hat gegen israelische Athleten anzutreten. Das Verbot wurde von den jeweiligen Verbänden in den vergangenen 28 Jahren strikt und ohne Ausnahme umgesetzt. Dejagah hingegen stellen nun alle in eine Ecke, in die er nicht gehört, sowohl in Deutschland und erst recht hier im Iran. Die Machtverhältnisse im Land und die theokratische Gesetzgebung der Islamischen Republik Iran bedeuten unter anderem für die religiösen Minderheiten, und nicht nur die jüdische, eine Verschlechterung ihrer Lage und die Beeinträchtigung ihres Alltagslebens. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat mehrfach das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Jüdische Organisationen fördern nun verstärkt die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung nach Israel. «Wir wollen die meisten noch bis 2011 in Sicherheit bringen», sagte ein Vertreter der Jewish Agency, die die jüdische Einwanderung nach Israel organisiert |