Eine Sprache

Ein literarisches Reise-Tagebuch aus Tel Aviv

 

«Via Dolorosa» von Felix Scheinberger Illustration: belletristik-berlin.de

"Alltag" – unter diesem Titel findet seit Oktober 2008 ein deutsch-israelischer Austausch zwischen jungen deutschen Autoren und israelischen Illustratoren und Studenten der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem statt. Unter der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks werden Alltagsimpressionen in beiden Ländern künstlerisch reflektiert und interpretiert. Eine Auswahl der Ergebnisse veröffentlicht das Berliner Verlagshaus J. Frank in einer Sonderausgabe seiner Zeitschrift «Belletristik ». Anfang Februar trafen sich die drei Initiatoren des Projekts, Felix Scheinberger, Illustrator und Gastprofessor an der Bezalel Academy, Dominik Ziller und Johannes CS Frank, der Herausgeber der Zeitschrift, in Jerusalem, um die gemeinsame Arbeit in Form zu bringen und zu präsentieren. Wir veröffentlichen zwei Auszüge aus dem Reisetagebuch von Johannes CS Frank.

Erster Tag

Die Fahrt mit dem Nesher Taxi vom Flughafen Ben Gurion nach Jerusalem. Der Fahrer: gut gelaunt, lange musste er nicht auf die acht Passagiere warten, die, noch im Halbschlaf, um 5.30 Uhr nach Jerusalem gefahren werden möchten. Das Radio schreit arabische Popsongs, zwei Mitfahrer beraten sich in breitem Amerikanisch über einen geeigneten Treffpunkt vor dem morgigen Schabbat. Wir fahren schnell, zu schnell, es herrscht das Gesetz des Stärkeren auf der Straße, und der ist in diesem Fall unser Taxi. Wir verdrängen Personenund Lastkraftwagen mit der gleichen Selbstverständlichkeit. Es ist eine erste Sightseeing-Tour de Force: Hamekasher, Makor Baruch, Zichron Yosef, Mea’ Sche’arim, zuletzt das Damaskus- Tor, an der Grenze zur arabischen Altstadt. Der Gang zu unserer Unterkunft geschieht mit Schlagseite, die Sinne müssen sich an die Schwerkraft erst wieder gewöhnen. Achte auf die Gerüche, wurde mir in Berlin noch gesagt. Das einzige, was ich jetzt noch beachten kann, sind die Klänge. Sprachen, die meiner nicht ähneln, die Orientierung fällt schwer. Um 9 Uhr wieder ins Taxi, Verabredung mit Felix Scheinberger und Dominik Ziller im Students’ Village der Hebrew University, um die Lesung am Abend vorzubereiten. «Busse kannste vergessen», hatte Scheinberger uns zuvor mit auf den Weg gegeben, und dass wir gar nicht erst feilschen, sondern den Taxifahrern immer «Meter» sagen sollten – um ihnen gleich in ausreichendem Maße zu bedeuten, dass wir keine Touristen seien. Es reicht nicht. Wir fahren eine gute halbe Stunde für eine Strecke, die in zehn Minuten zurückzulegen gewesen wäre. Das Students’ Village ist ein Campusgelände wie jedes andere: groß und hässlich. Nur die Sicherheitskontrollen am Eingang sind neu, an die gewöhnt man sich in Jerusalem aber überraschend schnell. Nicht jedoch daran, dass es beinahe noch Kinder sind, die einen dort kontrollieren: Schulabgänger mit automatischen Schusswaffen.

Am Abend die Vernissage zur Ausstellung der entstandenen Illustrationen und eine Lesung der Texte im Goethe-Institut. Nach Monaten der Zusammenarbeit über den eigens eingerichteten Blog und einigen Video-Konferenzen nun das erste Treffen mit den Illustratoren. Das Goethe- Institut ist schon bei unserer Ankunft gefüllt, ich werde von einem Menschen zum nächsten geschoben: Miryam, der ich nicht die Hand geben darf, gehört einer strengen orthodoxen Strömung des Judemtums an und hat eine Sondererlaubnis ihres Rabbiners für das Studium der Kunst bekommen. Den Text von Ulrike Almut Sandig hat sie illustriert. Zur Vernissage bringt sie ihre ganze Familie mit, stolz bewegt sie sich von einem ihrer Bilder zum nächsten. Oren, dessen Eltern vor 30 Jahren von Amerika nach Israel emigrierten, und dessen Amerikanisch an das der Mitfahrer im Nesher Taxi erinnert, hilft seiner hochschwangeren Frau Judy, sich zu setzen – «Babytristik» werde er es nennen, wenn es während der Lesung komme. Lena, eine der begabtesten Illustratorinnen, lacht viel und möchte bei allem helfen – Rotem und sie waren am Tag zuvor noch bis 23 Uhr geblieben, um mit Scheinberger und Ziller die Ausstellung zu hängen.

Die Lesung. Ich versuche, so lange wie möglich in der englischen Sprache zu bleiben, dann muss der Wechsel aber doch erfolgen. Die erste Zeile von Jan Wagners Gedicht «Schlachter». Was haben wir uns nur dabei gedacht, die Lesung mit diesem Gedicht zu beginnen? Jemand zieht scharf die Luft ein. Es dauert einen Moment, bis ich merke, dass ich es bin. In Berlin hatten wir über das Lesen auf Deutsch in Israel diskutiert, lange und – wie sich schnell herausstellt: irrig. Das Publikum hört zu, ohne das aus Deutschland gewohnte Scharren mit den Füßen, sondern neugierig, aufmerksam, gespannt. Den Rhythmus verfolgen, hatte ich noch gesagt, und das tun sie auch: mit Nicken und begeistertem Applaus. Alle Vorbehalte nur von unserer Seite. Als ein Text von Thien Tran in Deutsch und Englisch gelesen wird, zu dem die passende Illustration schwierig zu finden war, wird viel gelacht.

Nach der Lesung frage ich Sury bei Zigaretten und libanesischem Arrak nach seinen Eindrücken. «Sehr europäisch», sagt er – und klopft mir anerkennend auf die Schulter – es ist ein Lob. Auf genauere Fragen zu Ron Winklers Gedicht «Zweites Urbanes Panneau» antwortet er zunächst mit der Frage: «Da geht es doch um Kommunikationsprobleme, oder?» «Ich denke schon», antworte ich. «Naja», sagt er und hebt sein Glas, «hier werden solche Probleme nicht mit Worten erledigt». Erst zwei Wochen zuvor war der Waffenstillstand verkündet worden, einige von Surys Freunden wurden als Reservisten eingezogen. Wo wir es tunlichst vermeiden, über Politik oder Religion zu reden – hier ist es nicht möglich. «Das war übrigens gut», sagt er, «dass wir auch Illustrationen zum Krieg machen sollten – unser Alltag ist eben anders ». Itai stellt sich dazu, Schnabelschuhe und eine Frisur wie Hendrix. «Ihr bleibt bis zu den Wahlen?», fragt er. «Ja», sage ich kurz, nur um zu erfahren, dass alle Angst vor einer rechten Regierung haben. Alle bis auf Oren. «Vielleicht fahren die das ganze Ding so an die Wand, dass es danach etwas wie Hoffnung geben kann», sagt er, bevor Judy, immer noch schwanger, ihn an die Hand nimmt, sie möchte nach Hause. Für uns ist der Abend noch lange nicht vorbei. Die Illustratoren ziehen uns zu einer Party. Eingeladen sind wir nicht. Es wird gelacht und getrunken und gegessen. Das ist nicht das Israel, das wir uns vorgestellt hatten. Anfangs stehen wir an der Tür, wissen nicht recht, wohin mit uns. Dann die Gastgeberin: «Lernt man bei Euch in Deutschland nicht, wie man tanzt?» Dass uns etwas nicht beigebracht wurde, hält uns selten davon ab, es zu tun, also rein in die Menge. Kurze Momente, in denen uns nicht klar ist, wo wir sind: in Berlin-Friedrichshain?

Letzter Tag

Am Morgen die Fahrt nach Yad Vaschem. Der Ausstellungsteil zur Bücherverbrennung. Jedes Buch trägt ein Leben, Abstraktionen wollen nicht gelingen. Jetzt schon schiebt sich ein Schutzschild vor. Beim Denkmal für die in der Shoa ermordeten Kinder lässt es sich nicht mehr aufrechterhalten. Das Wissen darum, dass Kinder sich hier, in diesem Raum, in dem drei Kerzen gespiegelt eine Millionenzahl an Lichtern zum Leuchten bringen, geborgen fühlen würden. Auf der Fahrt zurück kein Wort, es wird wohl auch nicht mehr kommen.

Am Abend Konzert mit Lesung. «Wir erwarten ein anderes Publikum als das, was Sie im Goethe-Institut hatten», sagt Markus St. Bugnyar, Rektor des Österreichischen Hospizes, «Älter, vermutlich». Nach dem Morgen ein Satz mit beklemmendem Klang. Das Duo Arp Frantz ist aus Berlin angereist, es wird der Dialog zwischen Kammermusik und Gegenwartsliteratur präsentiert. Bei den Proben am Nachmittag sitze ich über Texten, während Frantz die letzten Läufe des Beethoven spielt. Der Muezzin beginnt zu singen. Orient und Okzident begegnen sich in einer Kakophonie. Am Abend das Konzert: Wieder ist das Interesse riesig, es ist unser letzter Abend in Jerusalem und die Illustratoren sind gekommen, um uns zu verabschieden. Noch in der Pause möchten Menschen reden, sich über die Musikalität der deutschen Sprache unterhalten, fragen, worum es in den Texten geht, Bücher sehen und mitnehmen. Es gesellen sich drei Deutsche dazu, sie arbeiten hier an der französischen Schule. Ihre Sprache klingt fremd. Nach der Lesung ein letztes Essen im Artist’s house, ein letztes Zusammenkommen mit den Illustratoren. Inzwischen hat Oren einiges an Deutsch aufgeschnappt – bestellt Arrak mit «Schlagsahne». Wie das denn war, frage ich ein letztes Mal, mit deutschen Texten zu arbeiten. «Gut», sagt Rotem lachend, «In der Kunst sprechen wir doch alle die eine Sprache».

Johannes CS Frank

«Jüdische Zeitung», März 2009