Die "Golden Girls" von Tel Aviv

Eine Begegnung mit den Jeckes in der "weißen Stadt"

 

«Damen im goldenen Alter»: Nur wenige der Enkel sprechen die Sprache der Jeckes.
Foto: L. Joseph Heid

Ben-Jehuda-Straße Ecke Frischmann- Straße im Zentrum von Tel Aviv, Café «Mersand». Irgendwie ist der Name passend – zweihundert Meter die Frischmann-Straße in westlicher Richtung herauf liegt das Mittelmeer mit seinem weißen, feinsandigen Strand; zweihundert Meter in die andere Richtung der Dizengoff, Tel Avivs Boulevard, die Flaniermeile mit ihren piekfeinen Geschäften. Das Café «Mersand» ist eine Institution – und niemand weiß so recht, warum. 1958 von Walter Mersand aus Berlin gegründet, war das Café bis zum 50. Jubiläum in Familienhand. Dann wechselte es den Besitzer. Der neue Betreiber, Boas Tregerman, musste versprechen, dass alles so bleibt, wie es immer war.

Das Café hat eigentlich kein Flair, ist jenseits jeden Kaffeehaus-Charmes, wie man ihn in Wien antreffen kann, zum Teil auch noch in Berlin. Auch das Mobiliar besticht nicht durch Luxus oder Exklusivität. Einfache kleine Hocker, eine Sitzbank ohne bequeme Polster. Ein bestimmter Einrichtungsstil ist nicht auszumachen. Oder sind es die mit Spinat oder Feta gefüllten Burekas, die Portion für 25 Schekel, umgerechnet also fünf Euro, die Blätterteigröllchen, homemade, oder der köstliche, ebenso hausgemachte Apfelstrudel mit Baiser für umgerechnet drei Euro, dazu ein hervorragender Espresso oder «Double shot»- Cappuccino? «Mersand» ist das letzte Jecke-Café in Tel Aviv.

Das Café «Mersand» ist der Treffpunkt vieler Tel Aviver quer durch alle Schichten, quer durch die Generationen. Junge Soldatinnen sieht man hier eine Cola trinken, Studenten neben Dozenten einen Espresso genießen wie ältere Damen, die sich hier regelmäßig zum Kaffeeklatsch, oder wie sie es nennen, zum Stammtisch, treffen. Sie stammen aus Berlin, Leipzig, Essen, Wien und anderen Städten Deutschlands und Österreichs.

Seit 25 Jahren, drei bis viermal die Woche, außer am Schabbat, immer vormittags – denn zwischen 14 und 16 Uhr ist «Schlafstunde » – trifft sich im «Mersand» ein Kreis älterer Damen, die es inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit gebracht haben, nachdem Günther Jauch, der von ihnen gehört hatte, im letzten September mit ihnen zusammengetroffen ist. Die «Ha‘aretz», Israels größte Tageszeitung, hat darüber berichtet, aber auch deutsche Zeitungen sind aufmerksam geworden. Der deutsche TVStar Jauch war bei seinem ersten Israelbesuch sehr berührt von den alten Damen, die sozusagen ein Stück europäische Kaffeehauskultur nach Israel exportiert haben und dort pflegen. Seitdem hält er regelmäßig brieflichen Kontakt. Seinen privaten Besuch kommentierte er mit den Worten: «Das ist ein wenig traurig, denn diese Damen hätten ihren Platz hier in Deutschland finden können». Dann wurde er doch noch ausführlicher und meinte: «Ich war völlig überrascht, in Israel so viele Menschen zu treffen, die mich aus dem Fernsehen kennen. Sie alle erzählten mir, in Deutsch, von ihrer Kindheit und wie sie die Nazizeit überlebt haben. Das Treffen mit den Damen im Café „Mersand“ hat mich so sehr beeindruckt, dass ich tiefe Scham über die Ereignisse in Deutschland in jener Zeit empfand. Sie sangen mir die Lieder ihrer Kindheit vor und ich begriff, dass sie einen wichtigen Teil unserer Kultur darstellen, der verschwunden ist».

«Heißeste Mädels» der Stadt

Die deutschsprachigen Juden in Israel, die man gemeinhin «Jeckes» nennt, sind via Fernsehen – der Satellitenschüssel sei Dank – voll und ganz auf das deutsche Programm eingestellt. Günther Jauchs Sendung «Wer wird Millionär» auf Kanal 36 erfreut sich hier großer Beliebtheit und man wundert sich hier nur oft, wie schwer sich die Kandidaten mit ausgesprochenen Bildungsfragen tun.

«Ha-Gwarot mi-Germania be-Gil ha-sahaw », die «Damen aus Deutschland im goldenen Alter», so ließe sich das Markenzeichen übersetzen, das man ihnen inzwischen angeheftet hat. Aber auch die Bezeichnung «heißeste Mädels» der Stadt machte schon die Runde. Etwa zehn Damen umfasst das Kränzchen, alle über 85, alle auffallend gepflegt – Make-up, Lippenstift, onduliertes Haar, Perlenohrringe. Eigentlich müssten sie «vom Leben» müde sein, denn das Schicksal hat sie manches Mal hart geprüft. Das Geheimnis ihres guten Aussehens sei die viele Arbeit in ihrem Leben: «Und kein Lifting!», fügen sie scherzhaft hinzu. Kultivierte ältere Damen, manche lassen sich am Arm ihrer philippinischen oder nepalesischen Haushälterin ins Kaffeehaus bringen und dort nach einigen Stunden wieder abholen.

«Wir kennen uns seit 83 Jahren», sagt Chaja Florentin, sie ist die Wortführerin des Kaffeeklatsches, und zeigt dabei auf ihre neben ihr sitzende Freundin. «Wir sind in den 20-er Jahren in der Gipsstraße im Berliner Scheunenviertel groß geworden, haben uns in den Emigrationsjahren für einige wenige Jahre aus den Augen verloren und wohnen seit Jahrzehnten in Tel Aviv als Nachbarn wieder in der gleichen Straße». Chaja Florentin ist mit einem aus Griechenland stammenden Mann verheiratet, ihr Schwiegervater war ein großer Wohltäter, nach dem ein Stadtteil, Florentin, in Tel Aviv benannt ist. Sie ist die einzige noch verheiratete Frau des Damenstammtischs, alle anderen sind verwitwet. Florentin steht vor ihrem 88. Geburtstag, wohnt in der Mendeli-Straße 8, ihre älteste, gleichaltrige Freundin Mimi Frons wohnt wenige Häuser weiter, Hausnummer 16.

Elsa Jonas stammt aus Wien, lebt seit 70 Jahren im Land, hat sich stets in deutsch-österreichisch- jüdischer Gesellschaft bewegt, und spricht allenfalls ein holpriges Hebräisch. Als sie einmal angesprochen wurde, ob sie sich nicht schäme, nach sieben Jahrzehnten immer noch kein Iwrith zu sprechen, antwortete sie kleinlaut: «Ja, ich schäme mich. Aber es ist leichter, sich zu schämen, als Hebräisch zu lernen». Ihretwegen wird am Kaffeetisch «gezwungenermaßen» Deutsch gesprochen. Doch dieses «Ärgernis» scheint niemanden so recht zu stören. Von wegen, die Jeckes, wie man die deutschstämmigen Juden in Israel halb abschätzig, halb liebevoll nennt, sind ausgestorben! Man unterhält sich geistreich – auf Deutsch. Und bespricht die letzte Millionärs-Sendung von Günther Jauch. Es scheint eine Sehnsucht nach Sprache, lange nicht mehr gesprochener Sprache, zu geben, eine Art kultureller Code, der bestimmte Empfindungen an Vergangenes hervorruft.

Auf Sand gebaut

Im Café «Mersand» sitzt ein Bildungsbürgertum, dessen Wurzeln im berlinisch-jüdischen Geist liegen und in Wien, ein Bildungsbürgertum, wie es sich so in Berlin und Wien wohl nicht mehr findet, eine irreversible Kulturtragödie. Der neue Eigentümer des «Mersand» hat seinem jeckischen Publikum Rechnung getragen – manchmal tönt Marlene Dietrich aus dem Lautsprecher und seit kurzem bedient eine junge Frau aus Tübingen im Café, die gerade an der Hebräischen Universität Jerusalem ihr Politikstudium beendet hat und eine «anständige» Stelle sucht.

Tel Aviv feiert im April 2009 ihren 100. Geburtstag. Die «weiße Stadt» – dieser zutreffende Name stammt von dem Dichter Nathan Altermann – sticht architektonisch in vielerlei Hinsicht hervor: Die Dominanz der vielen (weißen) Häuser im Bauhaus-Stil verleiht Tel Aviv sein spezifisches Aussehen. Die Stadt birgt die weltweit größte Ansammlung an Häusern der Bauhaus-Architektur. Seit 2003 ist Tel Aviv UNESCO-Kulturdenkmal. Aber auch in der Lebensweise unterscheidet sich Tel Aviv von anderen israelischen Städten, in denen, wie vor allem in Jerusalem, mehr gebetet wird. Im pulsierenden Tel Aviv wird gelebt.

Tel Aviv, zu Deutsch «Hügel des Frühlings », ist eine buchstäblich auf Sand gebaute Stadt: Am 11. April 1909 versammelte sich eine etwa 100-köpfige Gruppe von Juden in den Sanddünen nördlich von Jaffa, um an einer Losziehung teilzunehmen, mit der die einzelnen Parzellen der geplanten Stadt Tel Aviv vergeben wurden. Es war dies der erste Versuch zum Bau einer Stadt, die Juden für Juden errichten wollten.

Einer der damals Anwesenden erinnerte sich später, wie der Sekretär des Nachbarschaftskomitees stehen blieb und mit seinem Spazierstock anzeigte: «Hier wird ein öffentlicher Park sein, dort ein Theater und da drüben das Rathaus». Der Mann hatte vorher jeweils 60 weiße und graue Muscheln am Strand aufgelesen, den Namen einer jeden der beteiligten Familien in eine der weißen Muscheln geschrieben und die Nummer der Parzelle in eine der grauen. Ein Knabe und ein Mädchen zogen dann immer gleichzeitig eine weiße und eine graue Muschel.

Die ersten 60 Häuser wurden mit Hilfe eines Darlehens vom Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds in Köln gebaut. Dieser, heute noch bestehende, Nationalfond war eine philanthropische Organisation, die sich in der ganzen Diaspora betätigte, um die Besiedlung Palästinas durch jüdische Einwanderer zu fördern.

Einige der wichtigsten Architekten Israels studierten in Weimar, bis die Schule 1933 geschlossen wurde. «Less is more», das Leitmotiv des Inspiranten und Gründers der Bauhaus- Schule, Walter Gropius, in Weimar und Dessau wurde in Tel Aviv als pragmatischer Funktionalismus städtebaulich konsequent umgesetzt. Seev Rechter, Arieh Scharon und Dow Karmi gehören zur palästinensisch-israelischen Gründergeneration, die dem sogenannten International Style der Bauhaus-Epoche angehörten, haben noch an der legendären Schule in Weimar studiert und waren mit den Arbeiten von Mies van der Rohe, Walter Gropius, Le Corbusier und Eric Mendelsohn vertraut. Deren Söhne Jaakov Rechter, Eldar Sharon und Ram Karmi haben die Bauhaus-Tradition fortgesetzt. Diese Architekten waren sich in der Ablehnung der eklektizistischen Bauweise der palästinensischen Mandatszeit einig: Anstelle der Vielfalt an stilistischen Formen adaptierten sie ihr Konzept eines abstrakten Funktionalismus – klare Linien, kein Historismus, keine Dekoration ohne Zweck.

Typisch deutsch?

Der spezifische Tel Aviver Bauhaus-Stil, das ist Bauen fast ausschließlich mit Zement und Gips und das herausstechende Merkmal sind die «pilotis ». So nennt man die Säulen, die aus rein funktionalistischen Gründen gebaut sind, um etwa den Staub, den der Chamsin föhnartig aus Afrika herüberweht, von den Erdgeschosswohnungen fernzuhalten und einen erfrischenden Luftdurchzug zu gewähren.

Wenn man die Tel Aviver Kaffeehäuser besucht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das von den Jeckes hartnäckig gepflegte Deutsch als die Sprache Hitlers in Israel doch nicht ganz so tabu oder verpönt ist, wie es behauptet wird. Das Wort «Jecke», so wird vielfach gesagt, soll vom deutschen Wort «Jacke » herrühren. Es gibt aber auch eine andere – plausiblere – Erklärung für das Wort «Jecke», das einen ganz anderen Ursprung hat und vom hebräischen «Jehudi kasche Hawanah» abzuleiten ist – «ein Jude, der schwer versteht». Wie immer es auch sei, beide Erklärungen werfen ein bezeichnendes Licht auf die Eigenschaften, die andere Nationen gemeinhin allen Deutschen zuschreiben: Die Jeckes in Israel stehen für Wertvorstellungen, die, einer gewissen vorurteilsbeladenen Sichtweise entnommen, lauten können: ordentlich, pünktlich, penibel, kleinlich, sparsam, sauber, fleißig, gründlich usw.

Fragt man einen Jecke der zweiten Generation, (oder ist es gar die dritte?) ob es «jeckische» Eigenschaften gebe, die zum Allgemeingut der israelischen Gesellschaft geworden seien und was von der «jeckischen» Mentalität geblieben ist, so ist die Antwort ebenso spontan wie eindeutig: Die deutschen Juden seien die Träger eines öffentlichen Anstandes, sie sind höfliche Weltbürger. Sie verkörpern Begriffe, die mit Ehrlichkeit, Bescheidenheit, gegenseitigem Respekt zu benennen sind, Begriffe, die durchaus als notwendig im öffentlichen Bewusstsein vorhanden sind, auch wenn sie nicht mehr umfassend praktiziert werden. Insistiert man weiter, welche jeckische Eigenschaften die nachfolgende Generation nicht übernommen habe, so hört man als Antwort – das Intellektuelle, die geistige Weltläufigkeit, die kulturelle Vielseitigkeit und dass die Eltern, was die deutsche Aussprache betrifft, zu viel haben durchgehen lassen. Lolli Findler, im zionistischen Geist erzogen, antwortet auf die Frage nach dem Jeckischen an sich: «Die Integrität. Du konntest jedem Wort vertrauen: höflich, weniger aggressiv als die „eingeborenen“ Israelis. Bei den Jeckes ist ein Wort noch ein Wort. Aber: die Strenge in der Konsequenz war weniger angenehm. Jeckes sind nicht flexibel».

Europa im Gepäck

Im neuen «Mersand» lebt ein Mix aus Vergangenheit und Gegenwart der Jecke-Welt auf ganz eigene Art weiter. Dani Hagari ist hier Stammgast. Der 30-jährige Film- und Philosophiestudent flicht beim Sprechen zuweilen deutsche Wörter in seine Sätze. Die Großmutter väterlicherseits kam aus Wien. «Sie war eine gestandene Dame. Eine Bildung par excellence, wenngleich sehr streng», beschreibt er sie. Die Ellbogen auf dem Tisch lässt sie bei ihrem Enkel nicht durchgehen. «Meinen Vater hat sie sehr kalt erzogen. Ich glaube, das ist eine Jecke- Sache, sie zeigen keine Gefühle». Auch ihr Hebräisch ist eher schlecht als recht. Typischer könnten Jecke-Attribute nicht sein.

Auf «Deutschland» und die damit verbundenen «Gefühle» angesprochen, zögern die «Mersand»-Frauen spürbar und ringen sich ein «kein gutes» ab. Ihre Heimat hätten sie nie vermisst, betonen gleichwohl im nächsten Satz, dass sie jedes Jahr nach Deutschland zur Kur reisen, schwärmen von dem Empfang, der ihnen der jeweilige Bürgermeister ihrer ehemaligen Heimatstadt irgendwann einmal im Rahmen eines Einladungsbesuchs bereitet hat. In Österreich tut man sich mit solchen Einladungsprogrammen hingegen schwer. Chaja Florentin hat 56 Familienmitglieder im Holocaust verloren, ihr Mann 95. Vergangenheit, die nicht vergeht, das ist konstitutiv für jüdisch-israelische Identität.

Israel ist ihnen Heimat, ein schweres Land, aber woanders wohnen will keine der Frauen. Im Gespräch rutscht ihnen immer wieder die Formulierung «wir Europäer» heraus. «Man kann sich Europa doch nicht abwischen», ist ihre trotzige Rechtfertigung.

Eine andere, nicht selten anzutreffende Haltung zu Deutschland beschreibt Omer Vargo. Auch er ein «Mersand»-Gast. Er ist ein Jecke- Enkel. Sein 83-jähriger Großvater, der aus Wien stammt, hat nie Deutsch gesprochen. Hat nie deutsche Produkte gekauft. Trotzdem durch und durch Jecke. «Wenn ich zum Abendessen zu ihm gehe», sagt Omer, «rasiere ich mich extra, weil ich weiß, dass er sich sonst ärgert». Über die Jecke-Eigenarten redet Omer grinsend, aber nicht abwertend.

Im Bewusstsein auf ihre Leistungen für das Gemeinwesen sagen die Jeckes der ersten Generation in einer Mischung aus Eigenlob und Trauer zuweilen zueinander: «Schade, dass es uns bald nicht mehr gibt».

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», März 2009