"Der letzte Bruder" von Natacha Appanah


Flüchtlingen aus Osteuropa im Hafen von Port Luis auf der Trauminsel Mauritius im Indischen Ozean an. In diesem tropischen Garten Eden, wo heute vornehmlich wohlhabende Franzosen ihren Luxusurlaub verbringen, endete für viele dem Naziterror glücklich Entronnene zumindest vorübergehend der Traum von einem Neuanfang in Eretz Israel, denn die britische Mandatsmacht in Palästina hatte ihnen in Haifa die Einreise verweigert und sie als illegale Einwanderer in ihren damaligen Kolonialbesitz Mauritius deportiert, wo sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Gefängnis interniert blieben. Die in Paris lebende, auf Mauritius geborene und aufgewachsene Journalistin und Schriftstellerin Natacha Appanah, geboren 1973, hat um diese historischen Ereignisse herum einen berückend schönen Roman über die Freundschaft zweier ungleicher Jungen geschrieben, der in Frankreich von Publikum und Literaturkritik gleichermaßen gefeiert wurde und derzeit in fünfzehn weitere Sprachen übersetzt wird. Raj, der mittlere Sohn eines gewalttätigen Plantagenarbeiters, wächst unter ärmlichen Umständen im Norden der Insel auf. Seine ersten Lebensjahre sind geprägt von harter Arbeit, den cholerischen Gewaltausbrüchen seines Vaters und dem zärtlichen Zusammenhalt mit seinen beiden geliebten Brüdern. Als diese während eines verheerenden Unwetters sterben, zieht die Familie ins Zentrum der Insel, wo Rajs Vater eine Anstellung als Gefängniswärter findet, und der neunjährige Junge sich in sich selbst und die Erkundung der üppigen Natur um das Haus der Familie zurückzieht. Als er eines Tages, von seinem Vater halb tot geprügelt, in Ermangelung anderer medizinischer Einrichtungen im Hospital des Gefängnisses aufgenommen wird, lernt er dort den zehnjährigen, an Malaria und Ruhr erkrankten David kennen, mit dem ihn bald eine intensive Freundschaft verbindet. Nachdem ein Zyklon die Insel verwüstet hat, machen sich die beiden Unzertrennlichen gemeinsam auf die Flucht. Sechzig Jahre später erinnert sich der alte Raj voll Dankbarkeit und Melancholie an diese Ereignisse, die ihn vor der Zeit erwachsen werden ließen und ihm die innere Kraft gaben, sich gegen den von der sozialen Stellung und der Persönlichkeit seines Vaters scheinbar vorgezeichneten Lebensweg aufzulehnen. Natacha Appanah ist ein in seiner poetischen Intensität wirklich berührender, herzzerreißender Roman über das Versprechen einer Freundschaft gelungen, die vielleicht gerade durch ihr grandioses Scheitern einen kompletten Lebensweg positiv zu beeinflussen vermag.


«Der letzte Bruder», aus dem Französischen von Karin Krieger,
erschienen bei Knaus, 192 Seiten, 17,95 Euro 

«Jüdische Zeitung», März 2009