Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Gargoyle" von Andrew Davidson
«Gargoyle», aus dem kanadischen Englisch von Eike Schönfeld, erschienen im Berlin-Verlag, 573 Seiten, 22 Euro. Es gibt erstaunlicherweise kaum einen unter vielen möglichen prägnanten Kernsätzen über den Inhalt von Andrew Davidsons unter großem Medienecho gleichzeitig in nicht weniger als 26 Ländern erscheinenden Debütroman «Gargoyle», der nicht wenigstens ansatzweise nach Kitsch klingt. Aber gerade in der gelungenen Auflösung dieses scheinbaren Missverhältnisses besteht die große Kunst des ebenso mutigen wie sprachmächtigen jungen Autors: dass man als Leser seines hochoriginellen, absolut unterhaltsamen Buches zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, Triviales zu lesen. Im Gegenteil – Davidsons doppelbödige Geschichte über ewige Liebe, Wahnsinn und den Sinn des Lebens ist so clever konzipiert und wird so sinnlich dargeboten, dass man am Ende beeindruckt konstatieren muss, dass hier das Leben tatsächlich in allen seinen Facetten abgebildet wird. Das bedeutet besonders am Anfang des Buches, dass man auf sehr schmerzhafte und durchaus unappetitliche Art und Weise in tiefste menschliche Abgründe blickt, denn der namenlos bleibende Protagonist des Buches, ein ehemaliger Pornodarsteller, erleidet gleich zu Beginn der Handlung im Drogenrausch einen fatalen Autounfall, bei dem er durch Verbrennung nicht nur nahezu 80 Prozent seiner Hautfläche einbüsst, sondern auch seinen Penis. Während des monatelangen, komplizierten Heilungsprozesses ist sein einziges Ziel der Selbstmord. Eines Tages steht jedoch eine mysteriöse Frau vor seinem Krankenbett, eine ambulante Patientin der Psychiatrie-Abteilung, wie sich herausstellt, die ihm ausgesprochen merkwürdige, jedoch erstaunlich detailreiche Geschichten aus den verschiedensten Zeitaltern erzählt und behauptet, dass die beiden vor sechshundert Jahren im mittelalterlichen Deutschland ein Liebespaar gewesen seien. Obwohl ihm all das vollkommen unwahrscheinlich und unglaubwürdig erscheint, bleibt Marianne Engel im Prozess der Rekonvaleszenz seine einzige Bezugsperson, und so zieht er nach seiner Entlassung aus der Klinik bei ihr ein. Die erfolgreiche Bildhauerin gibt vor, ihre mittelalterlich anmutenden Skulpturen in göttlichen Visionen diktiert zu bekommen, welche in ihrer Intensität für beide zunehmend beängstigender werden. Andrew Davidson gelingt es dank seiner expressiven Sprachkraft und seiner von feinem Humor durchsetzten schöpferischen Fantasie scheinbar mühelos, seinen schwierigen Stoff zu einem homogenen, unterhaltsamen Ganzen zu bändigen. «Gargoyle», die Reise eines Menschen zurück ins Leben, ist nicht nur eine Hymne auf die integrierende Kraft der Liebe, sondern auch ein anspielungsreiches Buch über die Macht der Literatur.
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