Buchcover

«Die kommende Welt»

von Dara Horn

Mit ihrem zweiten soeben auf Deutsch erschienenen Roman «Die kommende Welt» ist der jungen amerikanischen Autorin und Literaturwissenschaftlerin Dara Horn einer der bezauberndsten Schmöker dieser Saison gelungen. Die Autorin wurde 1977 geboren und studierte in Harvard und Cambridge Hebräisch und Jiddisch. Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin unterrichtet sie Hebräisch und veröffentlicht regelmäßig in «Newsweek», «Time» und «Science». Schon in ihrem Debütroman «Ausgelöscht sei der Tag» (lieferbar bei dtv) gelang ihr auf sehr bewegende, Gefühl und Verstand gleichermaßen ansprechende Weise die Verknüpfung zweier Handlungsfäden aus der jüngeren jüdischen Geschichte und aus der Moderne. Diesem zugegebenermaßen einfachen, aber höchst wirkungsvollen Erzählmuster folgt die begabte Autorin auch in ihrem neuen Buch. Die beiden Handlungsfäden werden nun allerdings noch geschickter miteinander verwoben, fast beiläufig und auf einer eher mystischen Ebene. Bezugspunkt des Buches ist das bekannte Gemälde «Über Witebsk» von Marc Chagall. Eine frühe Studie zu diesem Bild darf sich 1920 der elfjährige Überlebende eines Pogroms, Boris Kulbak, von seinem später berühmten Lehrer in der Jüdischen Kinderkolonie Malachowka bei Moskau aussuchen. Achtzig Jahre später erkennt der verschrobene Quizfragenentwickler Benjamin Ziskind während einer Singleparty im Jüdischen Museum in New York genau dieses Bild als jenes wieder, das während seiner gesamten Kindheit über dem Klavier seiner verstorbenen Mutter hing. Kurzentschlossen reißt er das Bild von der Wand und spaziert damit unbemerkt hinaus. Ausgehend von diesen Eckpunkten entwickelt Dara Horn ein zutiefst überzeugendes, sympathisches Personal und entrollt ein bewegendes, manchmal tieftrauriges, aber immer von feinem menschlichem Humor getragenes Panorama der russisch-jüdischen Künstler- und Intellektuellenszene nach der Oktoberrevolution sowie im heutigen New York.

Florian Hunger

Information:

«Die kommende Welt», aus dem Amerikanischen von Christine Buchner und Miriam Mandelkow, erschienen im Berlin-Verlag, 383 Seiten, € 22,-


 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006