|  "Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde" von Michael Greenberg Anders als der bedauernswerte Protagonist in «Gargoyle», der aus dramaturgischen Gründen unablässig darüber im Zweifel bleiben muss, ob die vorgeblichen Visionen seiner Geliebten göttlichen oder vielleicht doch nur psychotischen Ursprungs sind, hat der amerikanische Schriftsteller Michael Greenberg in seinem erschütternden Bericht über die mehr als zehn Jahre zurückliegende, plötzlich aufgetretene schwerwiegende psychische Erkrankung seiner fünfzehnjährigen Tochter von Anfang an die furchtbare, von renommierten Fachleuten bestätigte Gewissheit, dass sich der Geist der Jugendlichen, wie sie es in einem klaren Augenblick noch selbst formulierte, auf eine unumkehrbare Reise begeben hat, fort von allen Gewissheiten und familiären Bindungen, um ein gänzlich anderer, fremder, für sich und seine Mitmenschen gefährlicher Mensch zu werden. Wie kann man als geistig halbwegs gesunder, mitfühlender und nach Erkenntnis strebender Mensch unserer Zeit seinem Nächsten noch gerecht werden, wenn sich dieser ganz offensichtlich aus der realen Welt ausgeklinkt hat? Obwohl die moderne Hirnforschung eine Psychose vor allem als biochemischen Prozess auffasst, empfindet Michael Greenberg die Krankheit seiner Tochter Sally zunächst vor allem als eine Art von grausamer, urtümlicher Naturgewalt, die sich jeglichem verstandesmäßigen Erklärungsversuch zu entziehen scheint. Aber Greenberg, der sich selbst unsinnige Vorwürfe macht, anfangs sogar meint, als Vater versagt zu haben, ist vor allem von seinem tiefen Wunsch beseelt, Sallys Krankheit zu begreifen, und seine geliebte Tochter, wenn irgend möglich, für sich zurückzugewinnen. Und so begibt er sich selbst auf eine ungewisse Reise, die ihn ebenso tief verunsichert und an seine eigenen Grenzen bringt, wie sie ihn letztlich zu bereichern vermag. Michael Greenberg begleitet seine Tochter in die stationäre Behandlung der Psychiatrie, wird zum akribischen Chronisten ihrer Therapie, der Medikation, ihrer Fortschritte und Rückfälle, und erstaunlicherweise rückt auch die gesamte Familie durch diese Ereignisse auf berührende Art und Weise wieder näher zusammen. Natürlich kann die moderne Pharmakologie ebenso wenig Wunder vollbringen wie die Psychotherapie. Dennoch lernt Sally im Verlauf der Jahre, wenn auch unter starker Medikation, wie sie ohne schwerwiegende Einschränkungen ein freies und selbstbestimmtes Leben führen, ja sogar einer bescheidenen regelmäßigen Arbeit nachgehen kann. Michael Greenbergs gewissenhaftes, stilistisch glänzendes und auch literarisch überzeugendes Protokoll einer Therapie ist ein absoluter Glücksfall für ein tieferes Verständnis psychisch erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen. «Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde», aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser, erschienen bei Hoffmann & Campe, 286 Seiten, 19,95 Euro.
«Jüdische Zeitung», März 2009 |