"Ihr seid Deutschland, wir auch - Junge Migranten erzählen"

 

Wenn in deutschen Medien von so genannten «Jugendlichen mit Migrationshintergrund» die Rede ist, bedeutet das meist nichts Gutes, und die von jenen straffällig gewordenen Heranwachsenden verursachten, gewöhnlich ebenfalls in Anführungszeichen stehenden Schlagzeilen, die stillschweigend implizieren: Integration gescheitert, sind nur einige der wirksamsten Indizien einer alltäglichen Diskriminierung, an die sich unsere Gesellschaft mittlerweile gewöhnt zu haben scheint. Dabei zeichnen aktuelle Umfragen in der deutschen Bevölkerung ein hoffnungsvolleres Bild als man annehmen könnte; so ist die Anzahl jener Bundesbürger, die glauben, dass der Anteil von Ausländern in Deutschland zu hoch sei, in den letzten vierundzwanzig Jahren immerhin von 79 auf 53 Prozent zurückgegangen. Natürlich sind auch 53 Prozent immer noch ein geradezu lächerlich hoher Wert, der ein erschreckend großes Maß an Ignoranz und Realitätsflucht offenbart. Angetreten, diesen Wert weiter zu verringern, hat die Journalistin und Motivationstrainerin Ruth-Esther Geiger ein spannendes Buch mit Kurzreportagen über junge Migranten veröffentlicht, dem man allenfalls vorwerfen könnte, dass hier nun wieder ausschließlich das andere medienwirksame Extrem befördert wird, nämlich die Idee von hochbegabten, strebsamen, gut integrierten und sozial wie politisch überaus engagierten ausländischen Jugendlichen. Fast jede der vierzehn weitgehend im Tonfall der Heranwachsenden gehaltenen und von der Autorin kaum kommentierten Reportagen bietet genug Stoff für einen ganzen Roman. Junge Migranten, deren Wurzeln in so unterschiedlichen Ländern wie Weißrussland und Afghanistan, der Türkei und Togo, Vietnam und Brasilien liegen, die häufig schon im Kindesalter mit Krieg, Hunger, Misshandelung und Tod in Berührung gekommen sind, sprechen ganz offen über ihren Platz in der deutschen Gesellschaft, ihre Weltanschauung sowie über ihre Lebensziele und Träume. Der siebzehnjährige Schekeb aus Afghanistan liefert dabei ungewollt eine bezeichnende Definition momentan herrschender deutscher Mentalität, wie sie schon im Verhalten seiner Mitschüler deutlich wird: «Die deutschen Jugendlichen leben manchmal in einem goldenen Käfig und denken, jedem geht es so gut wie ihnen, jeder bekommt sein Brötchen verpackt von der Mutter und kann zur Schule gehen und sich erst mal in der Schule ärgern, wie blöde die Lehrer wieder sind, wieso wir die Arbeiten schreiben, wieso wir bis ein Uhr Schule haben und so weiter.» Was an Ruth-Esther Geigers Buch am meisten beeindruckt, ist das hohe Maß der Identifikation aller Porträtierten mit der Bundesrepublik, ein geradezu wunderbares unerschöpfliches Potenzial, das von 53 Prozent unserer Gesellschaft erst noch anzuerkennen ist und das politisch mit aller Kraft gefördert werden muss.  

«Ihr seid Deutschland, wir auch»,

erschienen bei Suhrkamp, 264 Seiten, 8,50 Euro.

 


 

 

 

«Jüdische Zeitung», März 2009