Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch"Zum Geburtstag der Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit (1894-1982)
Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch », schreibt 1927 die zierliche, agile junge Frau mit der markanten Hornbrille, als Angehörige der Schwarzen Reichswehr vor Gericht stehen. Sie sind später als «Fememörder » in die Geschichte eingegangen. Die Zeilen stammen aus der Feder der führenden Gerichtsreporterin der Weimarer Republik: Gabriele Tergit. Im Berlin der Zwanziger und Dreißiger Jahre ist sie Autorin des Schlüsselromans «Käsebier erobert den Kurfürstendamm», Feuilletonistin beim «Berliner Tageblatt», der «Vossischen Zeitung » und des «Berliner-Börsen-Couriers». Zudem berichtet sie für Ossietzkys «Weltbühne » von den spektakulären Sklarekund Fememordprozessen. Wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtet die deutsch-jüdische Schriftstellerin und Journalistin vor antisemitischen Übergriffen in die Tschechoslowakei. Ihr Leben verläuft fortan im Exil. Wer war diese mutige liberale Jüdin, die am 4. März 115 Jahre alt geworden wäre? Eine «miese Jüdin»Gabriele Tergit, die eigentlich Elise Hirschmann hieß, stammte aus einer jüdischen Fabrikantenfamilie. Nach dem Besuch der Sozialen Frauenschule schaffte es die 1894 geborene Berlinerin als eine der ersten Frauen in Deutschland an die Universität. In München, Heidelberg und Berlin studierte sie Geschichte und Soziologie und erlangte sogar den Doktortitel. Bekannt wird Gabriele Tergit durch ihre «Berliner Existenzen», die sie seit 1924 für Theodor Wolffs «Berliner Tageblatt» schreibt: Feuilletons über gehetzte Großstädter, oberflächliche Luxusfrauen und liebenswerte Flaneure. Zudem berichtete sie vom «Ort der Männer», wie sie das Kriminalgericht in Berlin-Moabit selbst nannte. Im Stile ihres Kollegen Paul Schlesinger, alias Sling, verfasste sie unterhaltsame Miniaturdramen. Dabei war sie ungeheuer produktiv: Sie schrieb über soziale Themen wie die Alltagssorgen des «kleinen Mannes», den Abtreibungsparagraphen 218, Prostitution und Zuhälterei, Kindstötung, Kuppelei und Heiratsschwindel. Das war ungewöhnlich, denn die Berichterstattung aus dem rauen, oft brutalen Justizalltag war zu dieser Zeit noch reine Männersache. 1931 erscheint Tergits Debütroman «Käsebier erobert den Kurfürstendamm». Es ist die Geschichte vom rasanten Auf- und Abstieg des Volkssängers Georg Käsebier aus der Ostberliner Hasenheide. Georg Käsebier ist, was man einen Antihelden nennt: Er wird erst hochgejubelt, um dann ganz schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden. Temporeich erzählt der Roman von der reißerischen Hauptstadtpresse, von großstädtischen «Leerlaufexistenzen», profitorientierten Reklamemachern und skrupellosen Bauherren. Dabei plaudert Tergit munter drauf los; frech, pointiert und voller Humor. Der Roman wird zu einem fulminanten Erfolg für Gabriele Tergit. Doch die jüdischen Romanfiguren bringen den Kassenschlager auf eine der ersten Bücherverbotslisten der Nationalsozialisten. Nicht ihre Satire auf den Berliner Presserummel zwingt Gabriele Tergit zur Flucht. Es sind ihre literarischen Gerichtsreportagen, ihre Beschreibungen einer zusehends einseitigen, entdemokratisierten Justiz. «Noch nie war die These der Nationalsozialisten von zweierlei Recht, einem für die Nationalsozialisten als Staatsbejaher, einem andern für Kommunisten als Staatsverneiner, so tief bis in die Taten und Protokolle der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu spüren gewesen», schreibt Tergit 1932 in der «Weltbühne». Und als der Mörder eines jüdischen Zeitungsverkäufers zu lediglich fünf Jahren Gefängnis verurteilt wird, lautet ihr Urteil: «So zart kann man das Faustrecht, das sich in Deutschland ausbreitet, nicht bekämpfen». Damit zog Tergit den Hass der Nationalsozialisten auf sich. «Nun kennen wir also auch diese miese Jüdin», kommentierte der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels 1931 im «Angriff» einen Abdruck von Tergits Foto im «Berliner Tageblatt». «Plötzlich war alles aus» – Leben und Arbeiten im ExilAm 4. März 1933, ihrem 39. Geburtstag, überfällt die SA die den Nazis unbequeme und gefährliche Justizkritikerin in ihrer Berliner Wohnung. Der damalige Reichstagspräsident Hermann Göring hatte den Haftbefehl eigens unterzeichnet. Doch Tergit kann den Schergen entkommen und flieht Hals über Kopf in die Tschechoslowakei. Anschließend war es für Gabriele Tergit, die mit ihren unverwechselbaren «Berliner Existenzen» rasch zu einer Größe unter den Hauptstadtreportern geworden war, mit dem unbeschwerten Leben vorbei. Über Prag emigrierte sie im November 1933 nach Palästina. Ihr Mann, der jüdische Architekt Heinrich Julius Reifenberg, hatte einen Auftrag in Jerusalem erhalten. Tergit schrieb unermüdlich weiter: Über ihre Exilerfahrungen in der Diaspora, das «jeckische » Milieu und die Schwierigkeiten der entwurzelten Juden, in einem ihnen fremden Land Fuß zu fassen. «Plötzlich war alles aus», resümiert sie in einer Erzählung hoffnungslos die jähe Zäsur. «Was blieb? Sie sah sich um: Palästina. Nichts anderes konnte für sie in Frage kommen als Palästina. Aber als sie das Schiff bestieg, Europa hinter sich, war ihr, als müsste sie schreien, immerzu schreien. Sie lief in ihre Kabine. Sie weinte. Ihr Leben zerschnitten, eine klaffende Wunde.» Wie Arnold Zweig, mit dem Tergit eine herzliche Freundschaft verband, litt die gebürtige Berlinerin unter dem Orts-, Kultur- und Sprachwechsel. Als ihr Mann fünf Jahre später keine Aufträge mehr erhält, beschließt die von Krankheiten gezeichnete Familie, nach England zu ziehen. Nur mit einem Touristenvisum in den Händen, gelangt Gabriele Tergit 1938 nach Großbritannien. Assimilierte Juden schrecken die Verleger abIn London schreibt sie weiter an ihrem zweiten Roman, den «Effingers». In der deutschjüdischen Familiengeschichte malt Tergit ein facettenreiches Stimmungsbild der Jahre 1878 bis 1948: Vom Bismarckschen Reich über die wilhelminische Epoche bis zu Hitlers NS-Regime. Das alles eindrucksvoll beobachtet und frisch zu Papier gebracht. Wie der «Käsebier» besticht der Roman durch seine flotten Dialoge und die trefflichen Schilderungen des Berliner Großstadtflairs. Immer wieder gibt es rasante Assoziationsketten. Und immer wieder stößt der Leser auf Zitatsplitter und biblische Anspielungen. Das macht den Reiz der «Effingers» aus. Doch für das fast 800 Seiten starke Manuskript findet sich kein Verleger. «Meine Erfahrung ist, dass das Thema deutsche assimilierte Juden die Verleger abschreckt», klagt Tergit entmutigt von der jahrelang ergebnislosen Verlagssuche. Alfred Döblin ist es letztlich zu verdanken, dass Tergits Opus magnum 1951 doch noch herauskommt. An ihren großen Erfolg der Weimarer Jahre konnte Tergit im Exil nicht anknüpfen: Vom heimischen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt der Nachkriegszeit hatte sie nicht viel zu erwarten. Und auch in der englischsprachigen Exilpresse konnte sie sich kaum Gehör verschaffen. Sie spreche zu schlecht Englisch, hat sie selbst einmal gesagt. Ihr Lebenswerk schließlich, die «Effingers», hat man oft mit den «Buddenbrooks» verglichen. Genützt hat das wenig: Der Roman hatte lauter gute Kritiken, fand bei der Leserschaft jedoch kaum Beachtung. In ihre alte Heimat kehrt Tergit nach Kriegsende nur noch zu Kurzbesuchen zurück. Sie nimmt die britische Staatsbürgerschaft an und widmet sich fortan einem neuen Terrain: Dem Emigrantenleben um den «Club 1943» und ihrer Verbandstätigkeit für das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Beinahe 25 Jahre als ehrenamtliche Sekretärin des Schriftstellervereins machen sie zu einer wichtigen literarisch-politischen Vermittlergestalt der Nachkriegszeit. Ein spätes ComebackGabriele Tergit ist schon 83, als sie nach vielen Schicksalsschlägen – sie verliert ihren Sohn und ihren Mann – ein spätes Comeback erfährt: Die «Effingers» und der «Käsebier» werden neu aufgelegt. Das Erscheinen ihrer gesammelten, von Jens Brüning herausgegebenen Feuilletons, Gerichtsberichte und Palästina-Reportagen erlebt sie nicht mehr. Und auch ihre aus dem Nachlass rekonstruierte Novelle «Der erste Zug nach Berlin» sowie ihre Lebenserinnerungen werden posthum veröffentlicht. Gabriele Tergit stirbt, 88-jährig, am 25. Juli 1982 in London. Heute, 76 Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland gibt es in Berlin die Gabriele- Tergit-Promenade am Potsdamer Platz und eine Gedenktafel an Tergits ehemaligem Wohnort. Sie erinnern wieder an diese außergewöhnlich couragierte und sozial-politisch engagierte Publizistin, Schriftstellerin und PEN-Sekretärin. Am 4. März wäre sie 115 Jahre alt geworden. |