Ein Retter in finsteren Zeiten

Paul Kohner half als Agent für Hollywood unzähligen verfolgten Exilanten

Filmagenten sind die großen Unbekannten in der glamourösen Welt des Kinos. Nie werden sie für ihre Verdienste einen Oscar erhalten. Und dennoch nehmen sie eine Schlüsselstellung ein. Filmproduzenten wenden sich an sie, auf der Suche nach Gesichtern für die neuesten Filmprojekte, und Schauspieler brauchen sie, um vermittelt zu werden. Entsprechend müssen Filmagenten vor allem diplomatisch und geschäftstüchtig sein, eine sensible Menschenkenntnis besitzen und selbst nicht im Vordergrund stehen wollen. Auch deshalb sind sie – außerhalb der Filmwelt – unbekannt.

Einer dieser großen Unbekannten war Paul Kohner. 1902 im Erzgebirge geboren, wanderte er 1920 in die USA aus. Innerhalb von 16 Jahren stieg er vom Office Boy zum Generalmanager bei Universal auf. 1938 macht er sich selbständig und eröffnet 9169 Sunset Boulevard seine eigene Agentur. In den folgenden Jahren wird er, der vier Sprachen spricht und sich ebenso gut auf dem europäischen wie auf dem amerikanischen Filmmarkt auskennt, zu einer der wichtigsten Adressen für von Verfolgung bedrängte Intellektuelle.

Paul Kohner hatte den Aufstieg der Nationalsozialisten miterlebt, von 1929 an arbeitete er im Auftrag von Universal auf dem europäischen Kontinent. Besonders seine umfangreichen literarischen Kenntnisse und seine Bekanntschaft mit Schriftstellern machten ihn, als der Film sprechen lernte, unentbehrlich. Denn mit der Etablierung des Tonfilms stieg der Bedarf an literarischen Vorlagen. Paul Kohner war erfolgreich. Bis 1935 ist er an 26 europäischen Produktionen für Universal beteiligt. Als die Nazis 1933 bewirken, dass die Namen jüdischer Mitwirkender aus dem Vorspann von Filmen getilgt werden, ahnt Kohner das Kommende und verlässt Deutschland. Zwei Jahre später kehrt er ganz nach Amerika zurück.

Und bleibt ein europäischer Amerikaner, ein «Amerikohner», wie ihn sein Vater schon 1926 nannte. Als Citoyen und Bourgeois ist er eher konservativ als radikal, eher diskret als offensiv, in seinem Selbstverständnis als Geschäftsmann sucht er nach einer Balance von Ökonomie und Moral: «Verhandle nicht mit Leuten, deren Integrität und Charakter fragwürdig sind», schreibt er ins Grundbuch seiner Agentur. «In solchen Fällen ist es sehr viel besser, ein Geschäft zu verlieren.»

Helfer der Emigration

Als die Bittbriefe aus Deutschland und Europa unzählig werden und von existentiellen Not und Bedrohung zeugen, sieht er es als seine ethische Pflicht, «jedem einzelnen Bittsteller zu helfen». Tatsächlich beantworten er und seine Mitarbeiter so gut wie jeden Brief und organisieren Hilfsaktionen, als wäre dies der eigentliche Zweck einer Filmagentur. Noch 1938 gründet er gemeinsam mit anderen aus dem Filmgeschäft den European Film Fund – eine Hilfsorganisation für mittellose Emigranten im amerikanischen Filmgeschäft. Unermüdlich wirbt er dafür, dass Affidavits, Bürgschaften ausgestellt werden, die die Bedingung für die Einreise in die USA sind. 1940 setzt er sich in Hollywood dafür ein, dass die Studios pro forma Arbeitsverträge ausstellen, um gefährdeten Schriftstellern die Ausreise aus Europa zu ermöglichen. Dank seiner Persönlichkeit und seiner beruflichen Kontakte gelingt ihm das scheinbare Unmögliche in zahlreichen Fällen – doch nicht in allen. Unter denen, für die seine Hilfe zu spät kommt oder die es nicht schaffen, die den bürokratisch absurden Fallstricken der Ausreise zum Opfer fallen, sind auch Familienangehörige und nahe Freunde.

Von all dem legt das von der Germanistin und Filmhistorikerin Heike Klapdor herausgegebene Buch «Ich bin ein unheilbarer Europäer: Briefe aus dem Exil» beredtes Zeugnis ab. Es ist weit mehr als die Zusammenstellung von Korrespondenzen aus finsterer Zeit. Die Herausgeberin nimmt die Briefe als Zeitzeugen ernst. Durch ihre kenntnisreiche Kommentierung und historische wie kulturelle Einbettung der Briefe von Albert Bassermann, Lion Feuchtwanger, Georg Kaiser, Erika, Klaus und Thomas Mann, Max Ophüls, Alfred Polgar, Erich Maria Remarque, Curt Riess, Hans Sahl, Paul Tillich, Luis Trenker, Carl Zuckmayer u.a. liest sich das Buch wie eine Geschichte des Exils von innen.

Die thematisch gegliederten Kapitel folgen nur grob der Chronologie der Ereignisse, zum einen, um einzelne Schicksale geschlossen erzählen zu können, etwa die des ungarisch- jüdischen Schauspielers Charles Huszár Puffy, der in der Sowjetunion in einem Lager für «feindliche Ausländer» 1941 starb. Oder die von Luise Rainer, einer in den 30er Jahren gefeierten Schauspielerin, die nach ersten Erfolgen in Hollywood scheiterte. Zum anderen sind die Briefe um thematische Blöcke gruppiert, die anhand individueller Schicksale Zeitgeschichte bezeugen.

Zu Recht beginnt der Band mit dem Kapitel Vernichtung. Denn zur Geschichte des Exils gehört auch die gescheiterte Emigration, die eher die Regel als die Ausnahme war. Mit dieser Akzentsetzung verweigert sich die Herausgeberin der Erwartung, dass Exilgeschichten naturgemäß in einem hollywoodartigen Happy End enden. Denn auch für die, die glücklich die neue Welt betreten konnten, bedeutete Exil vor allem überlebt haben, entkommen zu sein. Und es hieß, dass ein kultureller Industriezweig beinah vollständig nach Amerika transferiert wurde, ohne dass der Markt mitreiste. Die Anpassung an die anderen kulturellen Bedingungen, die andere Sprache und vor allem der Wegfall der Prominenz waren nur für wenige verkraftbar. Die Korrespondenzen belegen, wie vielfältig Kohners Hilfsangebote auch noch für die in Amerika Angekommenen waren: Er musste über geplatzte Vertragsverhandlungen hinwegtrösten, die Illusionen über Hollywood zurechtrücken und oft ganz praktische Lebenshilfe geben.

Der Nachlass

Es ist das ganz besondere Verdienst dieser Publikation, dass sie posthum Paul Kohner ein Denkmal setzt. Für gewöhnlich interessiert sich auch die Filmgeschichtsschreibung nicht für die Agenten, die Geschäftsleute im Hintergrund, die die Bühne für die Stars, über die dann Filmgeschichte definiert wird, erst bereiten. In der Deutschen Kinemathek, die bis zum Jahr 2000 ausschließlich ein Archiv war, erwachte erst in den frühen 80er Jahren ein Unbehagen an der eigenen Geschichtsschreibung. Deutscher Film war in seiner Hochzeit vor 1945 ein nationalsozialistisches Kulturgut, zudem eines, das sich hervorragend für Propagandazwecke nutzen ließ.

Besonders Gero Gandert, einer der Gründungsväter der Deutschen Kinemathek, ist es zu verdanken, dass sich allmählich ein Bewusstsein dafür etablierte, dass ein großer Teil der deutschen Filmkunst vertrieben und ermordet wurde. Gandert suchte nach Zeitzeugen, lud sie ein, zeigte Filme – und traf Paul Kohner. 1988, kurz vor dessen Tod, konnte die Deutsche Kinemathek den Firmennachlass der Paul Kohner Agency erwerben. Er stellt heute den Grundstock des Archivs dar.

Ganz unglamourös sind die Korrespondenzen in grauen Archivkästen sortiert, die eine ganze Wand bis unter die Decke eines kleinen Büros am Potsdamer Platz einnehmen. So unspektakulär sie aussehen, so reichhaltig sind die Schätze, die sie bergen: 155.000 Blatt Korrespondenzen und Fotos, Verträge und Briefe, 4.500 Klientenakten, an die 900 Skripts, von einem Zwei-Seiten- Exposé bis zu vollständigen Drehbüchern sind hier aufbewahrt – und der Öffentlichkeit zugänglich.

Aus diesem Konvolut hat Heike Klapdor, die als eine der ersten die Kisten des Nachlasses sichtete, den sehr lesbaren Band extrahiert. Dass Paul Kohner weder auf dem Titelblatt noch im Inhaltsverzeichnis Erwähnung findet, mag einmal mehr bestätigen, dass die wahren Helden der Geschichte die sind, die nicht im Rampenlicht stehen. Wer sich durch das Buch liest, das mit umfangreichem Anmerkungsapparat und einem Personenregister alle Ansprüche an eine fundierte wissenschaftliche Arbeit erfüllt, wird sich des Respekts für diesen Retter in finsteren Zeiten nicht erwehren können. 

«Ich bin ein unheilbarer Europäer» Briefe aus dem Exil /
Herausgegeben von Heike Klapdor im Auftrag der Deutschen Kinemathek. Aufbau Verlag 2007, 29,95 Euro. Der Nachlass der Paul Kohner Agency befindet sich in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, Berlin. Ansprechpartner: Gerrit Thies.

Lene Zade

«Jüdische Zeitung», März 2009