Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die langen Schatten der I.G.-FarbenDas Wollheim-Memorial auf dem Campus der Uni Frankfurt seht im Spannungsfeld erinnerungspolitischer AuseinandersetzungenSeit 2001 wird in Frankfurt am Main der Umgang mit dem Erbe des NS-Wirtschaftsgiganten I.G.-Farben kontrovers verhandelt. Das Areal der ehemaligen Konzernzentrale des einst größten Chemieunternehmens der Welt, das für den Tod zehntausender jüdischer Zwangsarbeiter in den Jahren 1941 bis 1945 mitverantwortlich ist, ist heute Teil des Campus’ der Frankfurter Goethe-Universität. Überlebende ehemalige Zwangsarbeiter des I.G.-Farben eigenen KZ Buna/Monowitz im polnischen Oswiecim (Auschwitz), Vertreter der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Studierende, Dozenten, Politiker und Prominente setzen sich seit Langem für einen Gedenkort und eine Umbenennung des heutigen Campusareals in «Norbert-Wollheim-Platz» ein. Wollheim, einer der wenigen Überlebenden des KZ Buna, war es, der in einem zivilrechtlichen Musterprozess gegen die «IG-Farben in Abwicklung» klagte und so in den 1950er Jahren Entschädigungszahlungen erstritt. Seit dem 2. November 2008 gibt es auf dem Uni- Campus ein Memorial auf seinen Namen. Die Universitätsleitung stellt sich jedoch gegen eine Umbenennung des Platzes. Seit vier Monaten liegt die Geschichte nicht mehr im Verborgenen. Das Wollheim- Memorial erinnert nun an die größtenteils jüdischen Häftlinge im KZ Buna, von denen bis zu 25.000 an den Lagerbedingungen starben oder später in Auschwitz ermordet wurden. Dazu bietet es Informationen über die Rolle der I.G.-Farben zur Zeit des Nationalsozialismus sowie über den Kampf der Überlebenden um eine Entschädigung. Diesen vielschichtigen Ansprüchen des Gedenkortes versuchte der Gestalter Heiner Blum und ein wissenschaftliches Team mit einem multimedialen Konzept gerecht zu werden: 16 Fototafeln werden durch 24 Videointerviews mit Überlebenden, eine umfangreiche Internetseite sowie einem pädagogischen Begleitprogramm ergänzt. Auf den Bildtafeln selber werden die Überlebenden, teilweise zusammen mit Freunden oder Angehörigen, in ihrem Leben vor der Schoa abgebildet. Nur ihre späteren Häftlingsnummern, die sich rot koloriert von den Schwarz- Weiß-Fotos absetzen, verweisen auf das nationalsozialistische Vorhaben, diese Menschen und die Erinnerung an sie zu vernichten. Die Alltagsbilder von damals werden so Teil des studentischen Alltags heute. Kein unwichtiges zumal der Ausstellungsort zum Hauptcampus der Goethe-Universität umstrukturiert wird. Nach den Vorstellungen von Rudolf Steinberg, in den Jahren 2000 bis 2008 Präsident der Universität, soll dort sogar der «schönste Campus Deutschlands» entstehen. Gleichzeitig hob Steinberg in seiner Eröffnungsrede des Memorials im letzten Jahr hervor, dass sich die Universitätsleitung bereits beim Bezug des I.G.-Farben-Hauses in der Nachkriegszeit der «schwierigen historischen Bezüge bewusst» gewesen sei. Für die Goethe-Universität sei es selbstverständlich, «sich offen und kritisch mit der Geschichte des I.G.-Farben-Gebäudes auseinanderzusetzen.» Ob diese Auseinandersetzung jedoch wirklich so selbstverständlich geschieht, wird von verschiedenen Seiten bezweifelt. So begleitet die «Initiative der Studierenden im I.G.-Farben- Haus» den erinnerungspolitischen Diskurs der Universität seit 2001 kritisch. Die Studierenden sind der Auffassung, dass es sich beim Memorial nur um ein Folgeprodukt des massiven öffentlichen Drucks handelt, der von ihnen und weiteren Interessengruppen aufgebaut werden musste. Zu diesen Gruppen gehören einige der Überlebenden des KZ Buna/ Monowitz, die 1998 erstmals ein Treffen auf dem ehemaligen Verwaltungsgelände ihrer Peiniger durchführen konnten. Zwar wurden jetzt eine Dauerausstellung zum Nationalsozialismus eingerichtet und eine Gedenktafel für die Opfer Buna/Monowitz angebracht, aber selbst diese mussten aus der Sicht der Initiative mit den Überlebenden zusammen gegen den Willen der Universitätsleitung und der Landesregierung durchgesetzt werden. Ähnlich verliefen die Konfliktlinien, als 2004 durch eine Unterschriftenkampagne die Umbenennung der Adresse des Campus erwirkt werden sollte. 2005 erreichte der Streit, der, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb, «peinlich zu werden drohte», mit dem Ende der Kampagne seinen vorläufigen Schlusspunkt: Zwar wehrte sich die Universitätsleitung weiterhin gegen eine Adressänderung, doch berief Präsident Steinberg unter seinem Vorsitz eine Kommission ein, die sich gezielt mit diesem Thema befassen sollte. Für Sarah Dellmann, die mit der Projektorganisation des Memorials beauftragt war, stellte dieser Ausschuss allerdings alles andere als ein Zeichen des persönlichen Engagements der Uni-Leitung dar. Innerhalb der Kommission wurde sich sehr schnell auf die Errichtung eines Mahnmals als Kompromiss geeinigt. Die Einigung bedeutete laut Dellmann jedoch keineswegs ein Ende der Behinderungen durch die Universitätsleitung. Jedwede finanzielle Unterstützung hätte dieser abgerungen werden müssen. Einen Antrag zur Finanzierung aller Projektteile über einen Etat, der im Rahmen des Campus-Neubaus zur Verfügung stand, habe Steinberg nicht unterschrieben und dadurch die Arbeiten am Projekt gefährdet. Gegenüber der «Jüdischen Zeitung» äußerte sich der ehemalige Präsident nicht zu den Vorwürfen. Schwer nachvollziehbar soll auch die Vergabe des künstlerischen Auftrags für die Gestaltung des Memorials verlaufen sein. Die Entwürfe einer Gruppe von Architekturstudenten der Technischen Universität Darmstadt, die zunächst Unterstützung in Teilen der Kommission gefunden haben sollen, wurden laut Projektorganisatorin Dellmann in einem undurchsichtigen Verfahren abgewiesen. «Es ging da nicht allein um die Bewertung künstlerischer Qualitäten», so Dellmann. Aus ihrer Sicht liegt ein Zusammenhang mit den wesentlich konfrontativeren Konzepten der studentischen Entwürfe nahe. Zu diesen Konzepten befragt beschreibt Wolfgang Lorch, Professor an der TU Darmstadt, im Gespräch mit der «Jüdischen Zeitung» diese wie folgt: «Eine Idee war, das Memorial nicht in den Garten der Universität auszulagern. Es sollte vielmehr in das Gebäude intervenieren.» Die Auseinandersetzungen wurden in der regionalen Berichterstattung um die Fertigstellung des Memorials, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. So finden sich kaum Verweise auf das neuerliche Eintreten für die Umbenennung des Areals in «Norbert-Wollheim-Platz». In einem Interview mit der «Jüdischen Zeitung» äußert Harry Schnabel, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Befürworter einer Umbenennung, seine Zweifel an der von der Universität proklamierten «selbstverständlichen kritischen Auseinandersetzung». «Offensichtlich erliegt auch die Leitung der Universität bisweilen dem Irrtum, dass ein Verschweigen oder zumindest Kleinhalten unbequemer historischer Ereignisse dem eigenen Ansehen dienlich sein könnte», sagt Schnabel. Die Kritiker warnen bereits: Ein solch grundlegender Irrtum wird auch in Zukunft erinnerungspolitische Kämpfe zur Folge haben. |