Buchcover

«Lichternacht»

von Patrick Roth

Der diesjährige Mainzer Stadtschreiber Patrick Roth (Jahrgang 1953) ist ein Autor, dem es in seinen Büchern immer wieder gelingt, dem Leser ein geradezu sinnlich erfahrbares Leseerlebnis zu verschaffen. Stilistisch bedient er sich dabei unter anderem Techniken der Filmkunst, während ihn thematisch vor allem die Bedeutung von Traumbildern und des Unbewussten für die reale Welt bzw. für das Bewusstsein seiner Protagonisten interessiert. Dabei sind Roths von C.G. Jung beeinflussten Texte alles andere als der Realität enthoben, sondern durch den sich in ihrem Verlauf vollziehenden Prozess der Bewusstwerdung vielmehr umso stärker in ihr verankert. Der Leser wird auf positive Weise «überwältigt», insofern er an diesem Prozess durch die geschickte dichterische Komposition scheinbar unmittelbar Anteil nimmt. Patrick Roths wunderbare, jetzt in der Insel-Bücherei erschienene Kurznovelle «Lichternacht», eine «Weihnachtsgeschichte», wie der Untertitel verrät, stellt seine Philosophie in äußerster Verknappung exemplarisch vor. Es ist die fast beiläufig erzählte, sich jedoch als ungeheuer vielschichtig erweisende, gruselig-ergreifende Geschichte einer Hochzeit am Weihnachtstag. Das schöne an diesem nur 54 Seiten umfassenden Band ist die glänzende Idee des Herausgebers, Patrick Roths Novelle durch einen Essay der Heidelberger Literaturwissenschaftlerin Michaela Kopp-Marx zu ergänzen, in dem sämtliche Bedeutungsebenen der Geschichte, die eben noch auf poetischer Ebene wirkten, nun mit den Worten der Wissenschaftlerin benannt und auf diese Weise bewusst gemacht und verstärkt werden. Eine Einladung, die «Lichternacht» ein zweites Mal zu lesen, nun aber mit gänzlich anderen Augen...

Florian Hunger

Information:

«Lichternacht», erschienen in der Insel-Bücherei, 54 Seiten, € 10,80

 

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006