"Ursprüngliche Innigkeit und heimischer Ton"

Der neue Siddur: Einklang von Tradition und Moderne


Rabbiner Jonah Sievers (li.) und Rabbiner
Andreas Nachama (r.) mit Michael Lawton bei der Vorstellung des Buchprojektes
 im Sommer 2006 Foto: M. Schmidt

Des vielen Büchermachens ist kein Ende», heißt es in Kohelet 12:12. Gerade für jüdische Gebetbücher gilt dies. Als Teil der mündlichen Tradition war die Liturgie der Synagoge seit ihren Anfängen in den letzten Jahrhunderten der Zweiten Tempelperiode über ein Jahrtausend hinweg zunächst von Mund zu Mund weiterübermittelt worden. In der Mischna und im Talmud werden die die Liturgie bestimmenden Regeln aufgeführt, und viele ihrer Gebete sind erwähnt oder gar zitiert. Weil dies oft nicht in voller Länge geschah, liegt die Textgeschichte so manches Mal im Dunkeln. Auch war die genaue Formulierung der Gebete bis zu einem gewissen Grad dem Vorbeter überlassen. Das kleine Traktat «Soferim» («Schreiber») aus dem 8. Jahrhundert erhellt die Dunkelheit ein wenig, vor allem hinsichtlich der Toralesungen. Von der Kairoer Geniza haben wir viel über die liturgischen Gewohnheiten des palästinischen Judentums bis weit ins 9. Jahrhundert zurück erfahren. Aber es dauerte bis in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts, bevor ein Buch erschien, das sowohl die Texte als auch die Anordnungen der Synagogenliturgie vollständig wiedergab: der «Seder Raw Amram» von Amram ben Scheschna, dem Gaon der Akademie von Sura in Babylonien. Er hatte es als Antwort auf eine Anfrage einer jüdischen Gemeinde in Spanien geschrieben.

Während der nachfolgenden Jahrhunderte wurden weitere solche Kompendien verfasst: in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts durch Saadja Gaon, ebenfalls von Sura; am Ende des 11. Jahrhunderts durch Raschi in Nordfrankreich und durch seinen Schüler Simcha ben Samuel, dessen Werk als Machsor Vitry bekannt geworden ist; gegen Ende des 12. Jahrhunderts durch Maimonides in Kairo und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch David Abudarham von Sevilla. Ein Vergleich dieser frühen Gebetbücher legt eine verblüffend große Anzahl von Textvarianten offen, nicht zuletzt bei den grundlegendsten Gebeten, wie beispielsweise der Amida, dem Achtzehngebet. Dies beweist die Offenheit der vorausgegangenen mündlichen Traditionen und spiegelt das Auftreten verschiedener Riten wider, und zwar vor allem der aschkenasischen und sefardischen Riten mit ihren jeweiligen regionalen Verschiedenheiten.

Durch die nachtalmudische und mittelalterliche religiöse Dichtung (Pijjut) schwoll die jüdische Liturgie mehr und mehr an, weil sie kaum jemals etwas verwarf, was einmal aufgenommen worden war. Mystische und pietistische Strömungen trugen durch die Jahrhunderte das ihre dazu bei, um den Reichtum an Gebetstexten zu vermehren. Die Erfindung des Buchdrucks sorgte schließlich für eine weite Verbreitung der sich auffächernden Gebetsliteratur. Die Jewish Encyclopedia von 1970 zählt nicht weniger als 64 verschiedene Gebetbücher auf, die zwischen 1486 und 1798 gedruckt worden waren. Bald war der Siddur, der die Gottesdienste und Gebete für Alltag, Schabbat und verschiedene Anlässe enthielt, im persönlichen Besitz nahezu eines jeden Juden.

Die Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts und die sich anschließende Herausbildung verschiedener jüdischer Strömungen im Verlauf des 19. Jahrhunderts führte zu einer lebendigen Weiterentwicklung der bisher schon vielfältigen Formen des Synagogengottesdienstes mit sich. Seesen 1812 markiert den Beginn der Liturgiereform in Deutschland ebenso wie das neue Gebetbuch des Neuen Tempels in der Hamburger Poolstraße. Der sich daraus entwickelnde «Hamburger Tempelstreit» setzt über lange Jahre die Akzente für das Ringen um die Prinzipien einer angemessenen Formung des jüdischen Gottesdienstes.

1870 äußerte sich Abraham Geiger zu den Qualitäten eines Einheitsgebetbuches so: «Das Gebetbuch soll im Ganzen und Großen den bisherigen Charakter beibehalten, seinen Zusammenhang mit der ganzen Geschichte des Judenthums auch weiter in scharfem Gepräge ausdrücken. Der Gottesdienst bleibt daher, seinen wesentlichen Bestandtheilen nach, hebräisch; der hebräische Ausdruck, wenn auch hie und da nicht frei von einer gewissen orientalischen Ueberschwänglichkeit, bleibt im Ganzen unangetastet. Dennoch muß der Gottesdienst, namentlich an den ausgezeichneten Tagen, einzelne kurze deutsche Gebete und fromme Betrachtungen enthalten; ferner muß der hebräische Text von einer deutschen Bearbeitung begleitet sein, welche nicht in steifer Aengstlichkeit unserer vaterländischen Sprache das hebräische Colorit aufdrängt, sondern, die ursprüngliche Innigkeit bewahrend, durch den heimischen Ton dem Gemüthe sich anschließt.»

Zu jeder Zeit also setzt dieses Ringen neu an und jede Generation muss sich wieder die Frage vorlegen, welche Form das «Herzensopfer» haben soll, das man guten Gewissens vor Gott legen will. Die rechte Abwägung von Tradition und Moderne ist dabei ein Grundanliegen der geistigen Auseinandersetzung. Ich freue mich sehr, dass Rabbiner Professor Andreas Nachama und Landesrabbiner Jonah Sievers es unternommen haben, ein Gebetbuch vorzulegen, das diese Balance herstellt. Ich wünsche dem Buch eine möglichst große Verbreitung. «Bedenke, wie hoch Gott über der Welt ist! Und dennoch: Wenn jemand die Synagoge betritt und hinter einem Pfeiler steht und dort auch nur flüsternd betet, so hört der Heilige, der stets gepriesen sein soll, seinem Gebet zu… Kann es einen Gott geben, der näher wäre als dieser, der den Menschen so nahe ist, wie der Mund dem Ohr?»

Rabbiner Walter Homolka

«Jüdische Zeitung», März 2009