Vorhang auf für Esther und Vashti!

Leon Modenas Purimgeschichte: Ein Aufruf zu mehr Toleranz

 

Johannes Leusden, Philologus Hebraeo-Mixtus
(Leiden 1699). Grafik: Miranda-Floh-Stiftung.

Der Ursprung des jüdischen Theaters ist bekanntlich in den Darbietungen zu Purim zu suchen. Schon die Lesung der Esther-Rolle in der Synagoge, wie sie der Talmud festlegt, enthält gewisse theatralische Elemente: einige Verse sollen von der ganzen Gemeinde laut vorgetragen werden, die Namen der Söhne Hamans müssen in einem Atemzug gelesen werden, um ihren gleichzeitigen Tod zu symbolisieren, und es hat sich eingebürgert, bei der Nennung des Namens Haman mittels Hamanklopfer, Rasseln und Trätschen oder sonst wie Lärm zu erzeugen. Im Laufe der Zeit wurden auch zahlreiche Hymnen zu Purim verfasst und teilweise in die Liturgie aufgenommen. Und so haben sich schließlich «purim shpiln» entwickelt, die als Vorlage für die ersten jüdischen Theaterstücke dienten.

Eines dieser frühen Bühnenwerke stammt von dem venezianischen Rabbiner Leon Modena (1571–1648), trägt den Titel «L’Ester» und erschien 1619 in Buchform. Über den Autor sind wir gut informiert. Von den vielen Werken, die neben religiösen auch weltliche Themen zum Inhalt haben, ist ein Buch von besonderer Bedeutung, da es jüdische Riten und Sitten in italienischer Sprache für Christen erklärt. Neben seiner Tätigkeit als Rabbiner leitete Modena die Musikakademie im Ghetto in Venedig und plädierte für den Einsatz von Musik in der Synagoge.

In seiner außergewöhnlichen Bearbeitung kürzte und dramatisierte Modena den Esther- Stoff nicht nur, er fügte ihm auch nicht-biblische Inhalte hinzu und passte ihn so dem Geschmack des zeitgenössischen Publikums an. Dabei hatte die Geschichte von Esther, die ihr Volk vor der Vernichtung bewahrt, in der jüdischen Literatur immer großen Nachhall gefunden. Das lag nicht zuletzt am jährlichen Purimfest. Dem biblischen Text zufolge war es Esther selbst, die die Vorschrift gab, das Fest im Monat Adar zu feiern. Auch wenn der jüdische Kalender vom christlichen abweicht, so fällt Purim in etwa in die Karnevalszeit. Mit dem Karneval verbindet das Purimfest auch die Ausgelassenheit und das üppige Essen. Seit dem 16. Jahrhundert wurde Purim in Italien tatsächlich vom Karneval beeinflusst, von dem es nicht nur die Tradition des Verkleidens und der Maskerade übernommen hat, sondern auch die Bezeichnung selbst: «carnevale» bezeichnet in jüdisch-italienischen Quellen das Purimfest.

Der Text der Esther-Rolle beinhaltet zahlreiche Elemente, die von vornherein eine dramatische Wirkung garantierten. Scharf aufeinander prallende Gegensätze gehören zum Wesen des Dramatischen. Hier stehen sich Esther aus dem gering geschätzten jüdischen Volk und Ahasverus, der König der Perser, gegenüber, wie auch der fromme Jude Mordechai und Haman, der eitle, ehrgeizige und bösartige Hofschranze. Dem genüsslichen Wohlleben der Perser stellt die Bibel die Frömmigkeit Mordechais gegenüber, der das Unheil durch Fasten und Gebete abzuwenden sucht. Die Plötzlichkeit, mit der sich das schlimme Schicksal der Juden ins Gegenteil wendet, verdichtet der biblische Text in einem einzigen Satz: «An ebendem Tage, an welchem die Feinde der Juden gehofft hatten, sie überwältigen zu können, wandte sich’s, dass die Juden ihre Feinde überwältigen sollten» (Est 9:1).

Selbstverständlich stellt die Bibel die Hauptquelle für Modenas Drama dar. Die märchenhaften Elemente und Übertreibungen des Originals, wie beispielsweise die 127 von Ahasverus regierten Länder und das 180 Tage dauernde Fest, ließ er allerdings ganz fallen. Neben populären Sagen und Legenden schöpfte Modena aus rabbinischen Quellen, z.B. dem Midrasch Esther Rabbah, dem Traktat Megilla im Babylonischen Talmud und weiteren Schriften jüdischer Autoritäten wie etwa Pirkej Elieser oder von Raschi. Mit diesen Hinzufügungen wollte er besonders die Gebildeten erfreuen – und konnte nebenbei seine eigene Belesenheit beweisen.

Obwohl Esther die eigentliche Hauptfigur ist, tritt sie nur selten auf die Bühne und spricht auch nur wenige Passagen. Dabei lastet enorme Verantwortung auf ihr: Sie erweist sich gegenüber ihrem Stiefvater Mordechai als gehorsam, fügt sich in die Ehe mit dem Götzenanbeter Ahasverus, bleibt aber im Geheimen ihrer Religion treu und riskiert ihr Leben, als dem jüdischen Volk die Vernichtung droht. Ihr Verhalten entspricht recht genau dem der tugendhaften Frau («eshet hayyil», wie sie in dem zeitgenössischen hebräischen ‚Benimm-Buch‘ «Mizwat nashim melammedah», das 1625 in Venedig erschien, als Vorbild propagiert wurde.

Das Thema der Tugend und der Ehre taucht aber auch im Zusammenhang mit Vashtì, der ersten Frau des Königs, auf, die wegen Ungehorsams vom Hofe verbannt wird. Modena thematisiert ausführlich ihre Lebensgeschichte. Aus Schamgefühl habe sie nicht nackt vor den König und seine Freunde treten wollen. Während Vashtìs Amme meint, Scham sei unwichtig, wenn das eigene Leben auf dem Spiel stehe, bleibt nach Vashtìs Moralverständnis als einzig mögliche Konsequenz nur Selbstmord durch Gift. Bevor sie sich das Leben nimmt, beklagt Vashtì lange ihr Schicksal und das aller Frauen in einer verzweifelten und wütenden Protestrede – womit Modena einen interessanten Beitrag zur Geschlechter-Debatte im 17. Jahrhundert liefert.

Mit Recht hätte Modenas Stück auch «Vashtì und Esther» heißen können, wird in ihm doch ein starker Akzent gegen die Weltsicht der Männer gesetzt. In der biblischen Erzählung wird diese von den Beratern des Königs vertreten, die Angst haben vor selbstbewussten Frauen und fürchten, sie könnten sich an Vashtì ein Beispiel nehmen. Um dies zu verhindern, erwirkt einer der Höflinge mit Verweis auf die Staatsräson ein Edikt, das Frauen zum Gehorsam gegenüber ihren Männern verpflichtet.Bei Modena erhält Vashtì durch die besondere Ausgestaltung der Rolle dagegen etwas Emanzipatorisches.Ein möglicher Grund, weshalb Modena Vashtì mit so viel weiblichem Selbstbewusstsein ausstattete, mag in seiner Freundschaft mit der berühmtesten Frau des venezianischen Ghettos, Sara Copio Sullam (1588?-1641), liegen, der er das Theaterstück widmete. Sie war eine streitbare Vertreterin ihres Geschlechts und ihres Glaubens und widerstand mutig allen Versuchen, sie zum Christentum zu konvertieren.

Als positive männliche Figur erscheint Mordechai. Sein Mut, seine Gesetzestreue und sein absolutes Gottesvertrauen machen ihn zu einem vorbildlichen Menschen. König Ahasverus dagegen ist der Prototyp des launischen, beeinflussbaren Despoten. Es fehlt ihm an Charakter; er ist fremdbestimmt und daher gefährlich. Unüberlegt erlässt er das Edikt zur Vernichtung der Juden. Dass er am Ende des Stückes Wertschätzung gegenüber dem jüdischen Volk zeigt, steht nicht in der Bibel, sondern wurde ihm gegen jede Logik von Modena angedichtet. Auch dass Modena den König bei der Enthüllung von Esthers jüdischer Herkunft große Freude empfinden lässt, drückt sicher den Wunsch des Autors nach Anerkennung und Respekt aus.

Im Vorwort zur Buchausgabe rühmt sich Leon Modena des Erfolges seines Theaterstückes, wobei er betont, dass sowohl jüdische wie christliche Zuschauer der Aufführung beigewohnt hätten. Die Tatsache, dass Ahasverus seine Wertschätzung der Juden also vor christlichem Publikum kundtut, unterstreicht den apologetischen Charakter des Stückes. Von Protesten seitens der venezianischen Behörden erwähnt Modena allerdings nichts, obwohl zu jener Zeit der gemeinsame Theaterbesuch von Juden und Christen offiziell verboten war. Sollte das Stück also vor gemischtem Publikum aufgeführt worden sein, zeugt dies von gegenseitigem Interesse der Christen und Juden. Vor diesem Hintergrund transformierte Modena die Esther-Geschichte zu einem Aufruf zu mehr Toleranz.

In erster Linie war dem Autor indes an der dramatischen Wirkung seines Theaterstückes gelegen. So hat Leon Modena eine bewegende Szene mit zwei Talmudschülern eingefügt, die über die drohenden Ereignisse sprechen und damit das Unvorstellbare, die Ausrottung des jüdischen Volkes, greifbarer und realer werden lassen. Von großer Dramatik ist eine Szene, in der Haman zögert, Esthers Einladung zu einem Festmahl zu folgen. Er will gehen und kann nicht, er will nicht und geht doch. Geschickt choreographiert Modena die ahnungsvolle Hemmung, die die Bestrafung freilich nur hinauszögert – und steigert die von den Zuschauern ersehnte Genugtuung. Die Errettung des jüdischen Volkes wird am Ende des Theaterstückes zwar wie in der biblischen Vorlage gefeiert, aber der Triumph über den Feind Haman findet dabei keinen lauten und pompösen Ausdruck, und von Rache ist gar keine Rede.

Bemerkenswert ist, wie Modena Elemente des italienischen Dramas, wie auch die heidnisch- antike Einteilung in fünf Akte, die der jüdischen Tradition fremd waren, mit dem biblischen Stoff verwoben hat. Im Vorspiel des Theaterstückes ersteht der Schatten Amaleks, des Urvaters von Haman, aus dem Totenreich und wendet sich an Pluto, den griechischen Gott der Unterwelt. Diese Anrufung eines heidnischen Gottes ist sensationell unjüdisch! Und doch folgt Modena, indem er seinem Stück Amaleks Auftritt voranstellt, der Reihenfolge der Synagogenlesung, denn der Abschnitt aus Deuteronomium (25:17-19), der vom Angriff Amaleks auf die Juden beim Auszug aus Ägypten und seiner Niederlage gegen Joshua erzählt, wird eine Woche vor Purim, am Schabbat Sachor, gelesen. Dass Amalek nun gemeinsam mit den Zuschauern zusehen muss, wie sein Nachfahre, Haman, anderen die sprichwörtliche Grube gräbt, in die er selbst hineinfallen wird; wie er seinen Untergang vorbereitet und den seiner Söhne und damit das Ende der ganzen Sippe Amaleks, ist eine großartige dramaturgische Idee. Die Anrufung Plutos verdankt sich zeitgenössischen Literaturvorlieben, die in den Umkreis jüdischen Literaturschaffens in Italien gelangten, lange bevor etwa im aschkenasischen Raum solche Verquickungen auch nur denkbar waren. Während Modenas Theaterstück ziemlich unjüdisch beginnt, endet es mit der Aufforderung, die Errettung des Volkes nach jüdischem Brauch üppig und ausgelassen zu feiern. Doch in die Ausgelassenheit des Purimfestes hallt bei Rabbiner Leon Modena der Wunsch nach Toleranz und Anerkennung.

 
Rafael Arnold arbeitet derzeit an einer
Übersetzung von Modenas Theaterstück.
Er ist auch Übersetzer und Herausgeber
von Leon Modenas Buch «Jüdische Riten,
Sitten und Gebräuche», das 2007
erstmals auf deutsch im Marixverlag erschienen ist.

Rafael Arnold

«Jüdische Zeitung», März 2009