Steaks, Pasta und
schwarze Erbsen mit Speck


 Foto: Archiv

Am 14. und 15. März 2009 öffnet die weltgrößte Reisemesse für Privatbesucher ihre Pforten, eine gute Arbeitswoche dauert die Show für Fachbesucher. Schon zum 42. Mal präsentieren sich auf der Internationalen Tourismus Börse ITB am Berliner Funkturm rund 180 Länder und Destinationen mit weit über 11.000 touristischen Unternehmen in 26 Hallen.

Das Motto dieses Jahres verspricht Vieles: «Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel »: Im Mittelpunkt der Messe steht die Metropole Ruhr als Kulturhauptstadt Europas 2010, die sich von einem der größten europäischen industriellen Ballungsräume zum attraktiven Urlaubsziel wandeln will. Zusammen mit anderen Regionen und Städten aus Nordrhein-Westfalen präsentiert die Europäische Kulturhauptstadt ihre vielfältigen Angebote an Industriekultur und Museen, Festivals und Sport. Einen kleinen Vorgeschmack geben die Auftritte der Duisburger Philharmoniker, Shrek aus dem Moviepark in Bottrop oder Taucher Thorsten Dorsten aus dem Atlantis Bäderbetrieb. Außerdem lässt sich das Ruhrgebiet an interaktiven Tischen, Kiosken und Bildschirmen in 3D oder aus der Vogelperspektive erkunden.

Wir haben uns in Vorbereitung der erfolgreichsten Touristikmesse der Welt in einigen Zielgebieten des jüdischen Tourismus umgesehen – und dabei weniger die klassischjüdischen Reisegebiete, wie etwa Israel, im Auge gehabt.

Unterwegs mit Salito

Wenn man an eine Reise nach Buenos Aires in Argentinien denkt, stellt man sich sofort vor, in einem gemütlichen Steakhaus ein riesiges gegrilltes Steak auf argentinische Gaucho- Art serviert zu bekommen, eine elegante Tango-Live-Show mitzuerleben und später das berühmten «Teatro Colón» zu besuchen. Fußballgenießern wäre an erster Stelle ein klassisches Derbyspiel zwischen den Boca Juniors und River Plate in einer der spektakulärsten Arenen der Welt, der «La Bombonera », eingefallen. Aber auch mit jüdischem Blick verwandelt sich Buenos Aires in eine der schönsten südamerikanischen Metropolen.

In der Hauptstadt laden etwa 50 konservative Synagogen, fünf orthodoxe und ein reformistisches Gotteshaus zum Besuch ein. Was das Essen anbetrifft, findet man in der Stadt verschiedene koschere Restaurants sowie Metzgerläden und Lebensmittelmärkte, die koschere Produkte anbieten.

Darauf eingehend wird für jüdische Touristen eine große Auswahl an Touren angeboten, die jüdische Kulturstätten und besondere Sehenswürdigkeiten offerieren. Salito, der Spezialist für jüdische Touren, empfiehlt uns seine «Sechs-Stunden-Tour».

Angefangen wird am Hafen der Stadt, wo viele Juden zum ersten Mal südamerikanischen Boden betraten. Dort kann man heute noch die Wohnhallen sehen, in denen sie aufgenommen worden sind. Später führt uns der Reiseführer zu einer Ecke, wo früher die israelische Botschaft gestanden hat. Hier ist ein Denkmal für diejenigen Juden errichtet worden, die bei einem Anschlag auf die Botschaft im Jahre 1992 gestorben sind. Weiter geht die Tour zum neuen Gebäude des jüdischen Gemeindezentrums AMIA, das bei einem Bombenattentat zwei Jahre später ebenfalls schwere Schäden erlitt: 86 unschuldige Menschen verloren dabei ihr Leben.

«Wenn wir schon einmal im jüdischen Viertel „Once“ sind, müssen wir uns unbedingt die Freizeit- und Sportvereine der Juden angucken, ihre Schulen und Synagogen», so Salito. Daraufhin besuchen wir die «Gran Templo Paso», eine der ältesten Synagogen in Argentinien, berühmt für ihre Schönheit und in ganz Lateinamerika für ihre Vielzahl an kulturellen Aktivitäten bekannt. Außerdem wurde sie von der Stadt als nationales Kulturerbe anerkannt und besitzt eine überragend schöne Aschkenasim-Ikonographie.

So erreichen wir langsam den koscheren Lebensmittelmarkt. Hier gönnen wir uns eine Pause und werden fröhlich in einem der vielen koscheren Restaurants zum Mittagessen empfangen. Eine wohlverdiente Pause, etwa zur Hälfte der Tour.

Nun führt uns Salito in einen anderen beliebten Stadtteil der Juden. Auf dem Weg ins «Belgrano» machen wir zuerst einen Zwischenstopp in einem der preziösesten Parks von Buenos Aires. Hier befindet sich das Ehrenmal für Raoul Wallenberg. Er setzte sich für die Rettung Budapester Juden im Holocaust ein, weiß auch Salito. Hinterher erreichen wir den eigentlichen Park, der mit baumreichen Strassen und modernen Häusern gesäumt ist. Hier besuchen wir das konservative Lehrhaus der Rabbiner, den einzigen Ort in Lateinamerika, an dem Rabbiner und Mohels ausgebildet werden. Zuletzt fahren wir in die «Villa Crespo», dort kann man verschiedene jüdisch-argentinische Kulturveranstaltungen besuchen, etwa ein jüdisches Musical, ein Konzert israelischer Musiker oder eine argentinische Tangoshow. Wir wählen die Tangoshow aus und kehren voller Begeisterung ins Hotel zurück.

«Super, wie unsere Gemeinde sich hier etabliert hat», sagt mir ein israelischer Tourist am Abend an der Hotelbar. Salito ist davon überzeugt, man könnte viel mehr kulturelle Veranstaltungen bieten, jedoch werden diese meistens auf Spanisch angeboten. Nichts desto trotz ist diese Stadt auch ohne spanische Sprachkenntnisse sehr empfehlenswert für jüdische Touristen.

Koscher Pasta

Italien verbindet man sofort mit Pizza, Pasta, Mode und Fußball. Italien bietet neben seinem warmen Klima, seinen schönen Gassen und dem Meer auch eine Menge an jüdischer Kultur und historisch-jüdischen Plätzen.

So findet man in der Via Valdonica in Venedig das Museo Ebraico, das jüdische Museum der Stadt: Es veranschaulicht die Geschichte der Juden über einen Zeitraum von 4.000 Jahren bei besonderer Beachtung der Verbindung zwischen den Juden und der Region Emilia Romagna. Explizit sei auf eine dazu spezialisierte Bibliothek hingewiesen.

Eine Sonderführung durch die drei Synagogen, die es alleine in Venedig gibt, ist besonders zu empfehlen. Häufig sind jüdische Besucher im «Hotel Locanda» zu Gast, einem Palast aus dem 15. Jahrhundert mit einem fantastischen Blick auf das jüdische Viertel. Das Hotel befindet sich am «Cannaregio», im Herzen des Viertels, in der Nähe der Synagogen, des jüdischen Museums und dem Rio Tera San Leonardo, einem der berühmtesten Wege in der Stadt mit typischen Läden und Restaurants. Hier findet man auch das legendäre «YUD», ein Judaikageschäft und das berühmte «MKM», ein koscheres Lokal, sowie schließlich den «Jewish Infopoint» – alles in allem ein äußerst historischer Ort: Venedigs jüdisches Viertel endet schließlich am Jüdischen Museum.

Doch auch außerhalb des jüdischen Viertels findet sich jüdisches Leben – zumindest kulinarisch: Eines der am meistbesuchten jüdischen Restaurants ist das «La Taverna del Ghetto». Von der Gartenterrasse hat man einen fantastischen Ausblick. Dieses von der Preisklasse her «gehobene» Restaurant lädt in der «Via Portico d`Ottavia» ein. Ein ebenso beliebter Treff ist das jüdische «Gam-Gam» Restaurant in der Sotoportage. Hier findet man bei mittlerer Preisklasse neben koscherer Küche, wo unter anderem nach jüdisch-italienischer Art gekocht wird, exzellente israelische Weine.

Ortswechsel – Mailand: Für Historiker oder auch historisch Interessierte wäre ein Besuch des vielleicht «schönsten Bahnhofes der Welt» empfehlenswert. Der Bahnhof von Mailand gilt als solcher. Doch rollen über das Gleis 21 im fensterlosen Untergeschoss seit Jahrzehnten keine Züge mehr: Von hier aus wurden 8.000 italienische Juden in die Vernichtungslager deportiert, ihre Namen sollen nun in einer Gedenkstätte an die Wand projiziert werden. Mailands Bürgermeisterin Letizia Moratti, die Eisenbahnverwaltung, die Stadtverwaltung, die Region Lombardei und die jüdische Gemeinde haben sich darauf geeinigt aus dem Symbol der Barbarei ein Museum zu errichten, um diesen historischen Ort in der Erinnerung wach zu halten. «Es war unsere Absicht, die Zerstörung dieses denkwürdigen Ortes zu verhindern», bestätigt Roberto Jarach, Vizepräsident der Museumsstiftung und langjähriger Vorsitzender der Mailänder jüdischen Gemeinde.

Nach dem Willen der Architekten Eugenio Gentili Tedeschi und Guido Morpurgo soll dort kein reines Schoa-Mahnmal entstehen, sondern vielmehr «ein Ort, der Wissen und Bewusstsein vermittelt und den Dialog zwischen Religionen und Kulturen fördert […] ein Ort des Studiums und der Begegnung ». In Planung ist außerdem ein Schoa- Dokumentationszentrum.

Doch nicht nur Mailands Bahnhof wird zu einem jüdischen Museum ausgebaut. Viele der großen Städte des Landes haben jüdische Museen, so die Häuser in Asti, Bologna, Casale Monferrato, Florenz, Meran, Triest und schließlich in der Hauptstadt Rom.

Drei auf einen Schlag

Estland, Lettland und Litauen, diese drei Länder repräsentieren zusammen das Baltikum. Die baltischen Staaten haben sich im Tourismusgeschäft sicher etabliert. Die Besucherzahlen sind besonders gestiegen, seitdem die Länder zur Europäischen Union gehören. «Wichtigste Ziele sind die drei Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius. Im Sommer haben wir auch besonders viele Kunden, die an die Kurische Nehrung fahren wollen », so Baltikum-Anbieter Schnieder-Reisen Hamburg. Die Baltikum Tourismus Zentrale in Berlin wird bei individuellen Wünschen oder detaillierten Nachfragen zu allen drei Staaten behilflich sein.

Die drei baltischen Republiken mit ihren reichen jüdischen Traditionen gehören zu den wichtigsten Zielgebieten jüdischer Touristen. Das Berliner Unternehmen Milk & Honey Tours bietet eine viertägige Reise nach Vilnius an, die Europäische Kulturhauptstadt dieses Jahres. Die Hauptstadt Litauens beherbergte einst viele Kulturen – die Juden bildeten mit einem Anteil von fast 50 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe. Die Reiseveranstalter wollen der Frage nachgehen, wie Vilnius mit der Erbschaft einer einst blühenden jüdischen Kultur umgeht. Ein absolutes Muss in Vilnius ist ein Rundgang durch das ehemalige jüdische Wilna, das «Jerusalem des Nordens», mit Besuchen der Synagoge und der Altstadt. Das «Grüne Holzhaus» bewahrt viele Reliquien jüdischer Kultur. Die Besichtigung der Gedenkstätte Paneriai in der Umgebung von Vilnius erinnert heute an die Gräueltaten der Nazis. Milk & Honey Tours plant im Rahmen eines neuen Programms «Jewish European Culture Capitals» ein ähnliches Angebot für Estlands Hauptstadt Tallinn.

Wer sich für die lettische Hauptstadt Riga entscheidet, wird das nicht bereuen. Exkursionen in das jüdische Erbe der Stadt sollte man ruhig professionellen Fremdenführern anvertrauen. Zum Beispiel Maik Habermann. «Leider ist die Führung durch das jüdische Erbe in Riga seit Jahren nicht sehr nachgefragt worden », berichtet er. Schwer nachvollziehbar, denn immerhin gehört Riga zu den absoluten Highlights unter den Städten Europas.

Habermanns Touren können sich auf Wunsch auf ein bis drei Tage erstrecken. Dann bleibt reichlich Zeit: für das jüdische Museum und das ehemalige jüdische Theater, die einzige noch vorhandene Synagoge in der Altstadt «Peitavas», wo nach telefonischer Voranmeldung eine koschere Mahlzeit eingenommen werden kann oder das Denkmal für die Judenretter Lettlands an den Resten der Großen Choralsynagoge. Maskavas, die Moskauer Vorstadt, war das historische jüdische Viertel. Im 19. Jahrhundert befand sich hier das wichtigste Wohnviertel der Juden Rigas. Zum Ghetto wurde das jüdische Viertel erst unter den Nazis. Heute ist dort ein Park im Entstehen, in dem noch Reste des alten jüdischen Friedhofs zu finden sind.

Das Baltikum ist eine richtige Schatztruhe für jüdische Touristen. Es fehlt nicht an Touristeninformation und verlockenden Angeboten. Aber alle Worte bleiben blass, bis man das Baltikum selbst für sich entdeckt hat.

Erwin Weiss, Ronak Abdollahi-Motlagh,
Natalia Kazakova, Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», März 2009