Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Jeder hatte seine WundenEin Stammtisch jüdischer Emmigranten in New York
«Mittwoch ist für mich das Zentrum der Woche», meint Gaby Glückselig. Jeden Mittwoch lädt sie zum Stammtisch in ihre kleine Wohnung in Manhattans 89. Strasse. Vor den Nazis war Gaby Glückselig als junge Frau von Wiesbaden nach New York geflohen. Diesen Frühling feierte die versammelte Runde des Stammtisches ihren 95. Geburtstag. Noch gibt es sie, die deutschsprachigen Emigranten in New York. Und der Stammtisch dient als Treffpunkt um Neuigkeiten auszutauschen, um Politik und Kultur zu diskutieren und um einfach, zumindest an einem Abend der Woche, die alte Sprache - Deutsch - zu sprechen. Der Stammtisch ist seit über 60 Jahren eine Institution unter den in New York Gestrandeten. Gegründet wurde er vom bayrischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, einem ausgesprochenen Gegner der Nazis. Berühmt wurde er durch seinen Aufruf «Verbrennt mich!», nachdem bei den Bücherverbrennungen seine Werke verschont geblieben waren. Wenig später flüchtete Graf nach New York. Sich und den anderen bescherte er mit seinen regelmäßigen Treffen, die in den 1940er- und 1950er-Jahren noch in Wiener Kaffeehäusern oder deutschen Restaurants stattfanden, einen Anflug von Heimat mitten in Manhattan. Damals sprach man in ganzen Stadtteilen New Yorks noch Deutsch. Auf der Straße traf man alte Bekannte aus Berlin oder Wien. Man hatte sein Hab und Gut zurückgelassen, Familien waren zerrissen, Eltern oder Geschwister von den Nazis ermordet worden. Hunderttausende europäische Juden waren in die USA geflohen, doch viel größer ist die Zahl derer, denen es nicht gelungen war. Beim Stammtisch der Emigranten schaffen sie es, einander zusammenzubringen: Menschen unterschiedlicher Generationen, Religionen und Nationen. Seit zwei Jahren bin ich nun Mitglied und habe als einer der Jüngsten in der Runde meinen eigenen Blick auf die Besonderheit unserer Zusammenkünfte. Jede Woche wird ein spezielles Thema diskutiert. Richtig heiß kann es da manchmal hergehen, wenn etwa über Präsident Obama, die transatlantischen Beziehungen oder den Zulauf zu radikalen Parteien in Europa diskutiert wird. Doch von der Tagespolitik kommen wir bald in die Welt der Erinnerungen. Die Älteren in unserer Runde haben viel zu berichten – friedliche Kindheitserinnerungen, Sommerfrische, Alltag – befleckt durch das Entsetzen der Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung. Wir Jungen hören zu und stellen Fragen, erkennen, verstehen manches. Doch die eine Frage, die immer über der Runde schwebt, bleibt ohne Antwort: Wie konnte dieses größte Unrecht nur geschehen? Kurt Sonnenfeld ist fast jede Woche beim Stammtisch. Er erzählt gerne aus seiner Kindheit in Wien. Nach dem «Anschluss» 1938 war er mit seinen Eltern über die Schweiz nach Paris geflohen, nichts als ein Transitvisum für den Alpenstaat in der Tasche. Illegal mussten sie über die Berge nach Frankreich klettern. Mit viel Glück schafften sie es nach einem Jahr Paris über Spanien und Portugal nach New York. Manchmal, wenn Kurt zu erzählen beginnt, läuft es mir kalt über den Rücken. Lebe ich in einer Welt, in der ein Schicksal wie jenes von Kurt Sonnenfeld als «Erfolgsgeschichte» gesehen werden muss? Einmal im Monat ist Palatschinken-Tag beim Stammtisch. Da stehen Kurt Sonnenfeld und Arnold Greissle-Schönberg, der Enkel des Komponisten Arnold Schönberg, einen Abend lang in der winzigen Küche, um für die ganze Runde diese österreichische Spezialität zuzubereiten. Wenn man die beiden älteren Herren dann so über den dampfenden Pfannen auf wienerisch plaudern hört, wird einem bewusst: die echtesten Wiener trifft man in New York. |