Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() AuftrittsverbotPalästinensische Behörden lösen Jugendorchester nach Konzert vor Holocaust-Überlebenden auf
Es sollte ein Annäherungsversuch sein, eine Geste für den Frieden - und es endete in einem Eklat: Behörden im Flüchtlingslager Dschenin im Westjordanland haben ein Jugendorchester aufgelöst, weil es vor Holocaust-Überlebenden in Israel aufgetreten war. Während das Konzert in den israelischen Medien positiv hervorgehoben wurde, stieß es in den Palästinensergebieten auf Entsetzen. Wafa Junis, der Leiterin des 13-köpfigen Orchesters mit dem verheißungsvollen Namen «Saiten des Friedens», wurde der Zutritt nach Dschenin und in ihr dortiges Apartment verboten. Der israelischen Araberin warfen die palästinensischen Behörden vor, die Kinder im Alter zwischen 11 und 18 Jahren für politische Zwecke missbraucht zu haben. Begonnen hatte alles am 25. März 2009. Wafa Junis hatte zusammen mit der israelischen Organisation «Ruach Tova», zu deutsch «Guter Geist», für ihr Orchester einen Auftritt vor Holocaust-Überlebenden in der israelischen Stadt Holon organisiert. Allerdings wussten die jungen Musiker bis zur Fahrt im Bus nach Israel nicht, vor welchem Publikum sie spielen würden. Auch über den Holocaust wussten die meisten der Kinder und Jugendlichen nichts - in den Palästinensergebieten werden die Verbrechen der Nazis an den Juden kaum thematisiert. Während der Fahrt habe Wafa Junis ihre Schüler über den bevorstehenden Auftritt aufklären wollen, allerdings habe ein solches Chaos im Bus geherrscht, dass von ihrer Rede nur wenig bei den Kindern angekommen sei, heißt es in einem Bericht der Tageszeitung «Ha´aretz». Für die Kinder sei es die erste Reise nach Israel gewesen. Bislang seien sie noch keinem israelischen Zivilisten begegnet und kannten lediglich israelische Soldaten. Im Zentrum für Holocaust-Überlebende in Holon wusste man unterdessen ebenfalls nicht, woher die Kinder für das Konzert kamen. Den etwa 30 Besuchern war lediglich ein Konzert mit Musik aus dem Nahen Osten angekündigt worden. Die meisten Gäste hatten daher angenommen, eine Gruppe israelisch-arabischer Jugendlicher aus der Nachbarschaft werde auftreten. Die Überraschung war groß, als bekannt wurde, dass die Gruppe aus Dschenin kam. Das Flüchtlingslager war im April 2002 weltweit in die Schlagzeilen geraten: Nach einem palästinensischen Selbstmordattentat hatte die israelische Armee dort eine groß angelegte Operation gegen Terroristen gestartet. Bei den Kämpfen kamen 52 Palästinenser und 23 israelische Soldaten ums Leben. Palästinenser sprechen hingegen bis heute von einem israelischen Massaker. In ihrem Konzert sangen die Palästinenser vom Frieden und luden zwei der Zuhörer auf die Bühne ein, um ein hebräisches Lied zu singen. Ein Stück widmeten sie dem von Palästinensern entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit. Für ihren Auftritt erntete die Gruppe großen Beifall. Im Anschluss gab es Gespräche, und die seltene Zusammenkunft wurde auf Fotos festgehalten. Für eine kurze Zeit wurde der Nahost-Konflikt ausgeblendet, doch die Realität holte das Jugendorchester wenig später ein: In Dschenin machte sich Entsetzen breit, als bekannt wurde, vor wem die jungen Musiker aufgetreten waren. Am Wochenende nach dem Konzert wurden in Dschenin und Umgebung Flugblätter verteilt. Darin wurde der Auftritt streng verurteilt, Palästinenser davor gewarnt, an möglichen ähnlichen Veranstaltungen in Zukunft teilzunehmen. «Der Holocaust ist passiert, aber wir stehen einem ähnlichen Massaker durch die Juden selbst gegenüber. Wir haben unser Land verloren und wurden gezwungen zu fliehen. Wir haben in den vergangenen 50 Jahren in Flüchtlingslagern gelebt», sagte Adnan Hindi, ein Sprecher der Behörden in Dschenin. Der Holocaust sei eine «politische Angelegenheit» und Wafa Junis habe die Jungen und Mädchen ohne deren Wissen in einen «politischen Streit» hineingezogen. Die Teilnahme der Kinder an dem Konzert bezeichnete er als eine «gefährliche Sache», da es sich gegen die kulturelle und nationale Identität der Palästinenser richte. Das Orchester werde daher aufgelöst, Junis dürfe die Ortschaft und die Wohnung, in der sie die Kinder unterrichtet hatte, nicht mehr betreten. Auch Ramsi Fajad, Sprecher der verschiedenen politischen Fraktionen in Dschenin, verurteilte den Auftritt. Alle Gruppen stünden einer Normalisierung mit Israel entgegen. «Es kann keine Normalisierung geben, während Israel weiterhin Massaker gegen unser Volk verübt», kritisierte der Palästinenser. Wafa Junis erklärte unterdessen: «Wir haben nichts Falsches getan». Sie habe lediglich Musik machen wollen. In Israel wurden die Entwicklungen in Dschenin nach dem Auftritt mit Enttäuschung aufgenommen. «Wafa wusste, dass das Orchester vor Holocaust-Überlebenden auftreten würde. Wir wollten die Herzen der Menschen einander näher bringen und wenn sie dagegen sind, dann ist das eine wirkliche Schande», sagte Kajan Rabino, Leiter der Organisation «Ruach Tova».
Der Abdruck dieses Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Israelreport/www.israelnetz.com
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