"Welcome!" heisst nicht überall "Willkommen!"

Das filmische Einwanderungsdrama von Philippe Loiret und die Vergleiche mit dem Vichy-Regime

 

Seit dem Frühjahr 2009 läuft der neue Film des Regisseurs Philippe Lioret in französischen Kinos. «Welcome» erzählt die Geschichte eines Bademeisters in der Stadt Calais an der Altantikküste, der einem illegalen Einwanderer aus dem Irak hilft. Der junge Kurde Bilal will den Ärmelkanal durchschwimmen, um nach England zu kommen. Die Behörden klagen den Bademeister wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt an, weil Bilal eine Weile bei ihm übernachtet.

Der Film vergleicht die aktuelle Situation der Illegalen in Frankreich mit jener der Juden unter dem Vichy-Regime. Als ein Sicherheitsmann zwei illegale Einwanderer im Supermarkt abweist, sagt die Exfrau des Bademeisters: «Du weißt aber schon, was später passiert, wenn Menschen nicht mehr in die Geschäfte dürfen. Oder soll ich dir etwa ein Geschichtsbuch kaufen?»

In einem Interview mit der Regionalzeitung «La Voix du Nord» Anfang März 2009 erklärte der Regisseur darüber hinaus: «Wenn Sie morgen einem Typen helfen wollen, der keine Papiere hat, machen Sie sich der „Beihilfe zum illegalen Aufenthalt“ schuldig. Es hat mich erstaunt zu erkennen, dass ein braver Mann angeklagt werden kann und vielleicht sogar ins Gefängnis muss. Es ist verrückt. Ich habe den Eindruck, im Jahr 1943 zu sein, als sich die Juden im Keller verstecken mussten.»

Diese Bemerkung schmeckte dem neuen französischen Einwanderungsminister Eric Besson gar nicht. Gegenüber dem Sender «Canal+» erklärte er: «Ein Wortschatz aus dem Zweiten Weltkrieg, wie etwa „Treibjagd“ und „Massenverhaftungen“ sowie die Vergleiche mit den Juden im Jahr 1943, sind an dieser Stelle nicht zu akzeptieren.» Er forderte den Regisseur auf, seine Erklärungen zurück zu nehmen.

Staatspolitik?

Die harte Hand der französischen Regierung in Einwanderungsfragen erregt schon lange die Gemüter. Seit 2003 gibt es unter anderem sogar Quoten für die Anzahl der vorzunehmenden Ausweisungen. Viele Aktivisten, die sich für die Rechten von Illegalen einsetzen, bezeichnen die Methoden deswegen auch als «Ausweisungsmaschinerie». Zugleich entwickelte sich innerhalb der Menschenrechtsbewegungen ein gewisser Diskurs: Der Vergleich - und manchmal sogar die Gleichsetzung - zwischen der heutigen französischen Einwanderungspolitik und dem Vichy-Regime zwischen 1940 und 1944 unter Maschall Philippe Pétain.

Das Wort Massenverhaftungen benutzen die Aktivisten, um Suchoperationen der Grenzpolizei nach Illegalen zu beschreiben. Nach einem besonders energischen Polizeieinsatz in einem Bus der südfranzösischen Stadt Montpellier, erklärte ein Mitarbeiter der CIMADE – eines Vereines, der Migranten unterstützt - dass es sich auch hierbei um eine «Massenverhaftung» handele. Bis jetzt hatte die Organisation auf das Nutzen solcher Begriffe verzichtet.

Jean-Yves Camus, Forscher am französischen Institut für Internationale und Strategische Beziehungen in Paris, hält die häufige Nutzung des Wortes «Massenverhaftung« für ungeeignet: «Es verweist allein auf den Kontext Frankreichs während der Nazizeit und bezeichnet Massenverhaftungen von Juden, die auch in vielen Fällen französische Staatsbürger waren. Diese Verhaftungen fanden im Rahmen der rassistischen und antisemitischen Politik des Vichy-Regimes statt.»

 

Für Henri Rousso, einen Vichy-Spezialisten am Französischen Zentrum für Wissenschaftliche Forschung, zeugen die Vergleiche mit der Geschichte der Juden in Frankreich von Unwissenheit: «Die einzige Parallele, die man ziehen könnte, betrifft die Lage der Ausländer am Ende der 1930er Jahre, in einer Zeit, als die Fremdenfeindlichkeit eine wichtige Rolle in der Politik spielte. Ich verstehe, dass das Schicksal der illegalen Einwanderer empören kann, aber es besteht keinerlei Verbindung zur Situation der Juden in Frankreich im 1943.»

Einige Aktivisten mussten sich in letzter Zeit sogar vor Gericht verantworten, nachdem sie Parallelen zwischen dem Heute und dem Jahr 1940 gezogen hatten. Im November 2008 wurde der Gewerkschaftler Romain Dunand wegen Beleidigung zu einer Strafe von 200 Euro verurteilt. Er hatte zwei Jahre zuvor dem damaligen Innenminister und heutigem Staatspräsidenten Frankreichs, Nicolas Sarkozy, folgende e-Mail geschickt: «Vichy ist also zurück. Pétain hatte dann nur noch seine Hunde vergessen.»

Elif Kayi und Nina Schönmeier

 
Informationen zur Autorin Elif Kayi, die uns diesen Beitrag dankenswerterweise 
zur Verfügung gestellt hat, finden Sie unter:
http://www.z-word.com/about-us/contributors/elif-kayi.html 

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2009