«Bent» in Berlin

Die streitbare Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe - im Mai wieder auf dem Spielplan des Berliner Jüdischen Theaters

 

Szenenfoto aus "Bent". Foto: Theater Bimah

Die Schwulen und Lesben in Berlin feiern ab und an: Traditionell zu Ostern das Treffen ihrer Leder-Fetischisten, die größte «Christopger Street Party Deutschlands» zieht am letzten Juni-Wochenende durch die City und wer’s noch ein bisschen derber mag komme am ersten Wochenende im September zum «Folsom Europe». Das Denkmal für die ermordeten Homosexuellen während der NS-Zeit in unmittelbarer Nähe des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas zwischen Brandenburger Tor und Deutsche Bahn Tower ist seit seiner Errichtung «nur» dreimal geschändet worden. Integrationssenatorin Heidi Knacke-Werner präsentiert stolz eine neue Broschüre der Landesstelle für Gleichbehandlung zur Homophobie in der Einwanderungsgesellschaft: Alles gar nicht so schlimm? In der Nähe der «schwulen Szene» hat mit dem «Axel Hotel» die einzige schwule Hotelkette der Welt ein Haus in Berlin eröffnet, der schwule Bürgermeister Klaus Wowereit war dabei, mit ihm gemeinsam knapp 500 Gäste aus Medien, Politik und Showbusiness. Endlich kommen die schwulen Herbergen auch in der deutschen Hauptstadt aus der Schmuddelecke heraus: Das «Axel» ist ein Vier-Sterne-Haus für 13 Millionen Dollar mit allem, was die Lesbe, der Schwule und der «hetero friendly»-Gast sich wünschen: 86 Designer-Zimmer, ein großer Wellness-Bereich mit Außen-Whirlpool, Fitnessbereich, Sauna, Hamam und Massagekabine. Alles «szenenah» in Berlin-Schöneberg - na bitte. An die vierspurige Strasse vor dem Haus gewöhnt man(n) sich vielleicht, wenn man(n) nachts aus der Szene kommt - so wie vor knapp 70 Jahren Max, Rudi und Horst. Nur das es damals vielleicht die «Tiergarten-Quelle» war, seinzeit ein beliebter Treffpunkt der Schwulen in der Reichshauptstadt, heute ein kultig-berlinisches Speiselokal in den Bögen am S-Bahnhof Tiergarten.

Das alles war nicht immer so. Ja, wissen wir, höre ich nicht selten, abwinkend. Dabei ging es im Nationalsozialismus schneller, als man(n) denkt: Nicht alle Häftlinge, die einen «Rosa Winkel» trugen, verstanden sich selbst als schwul oder waren es sogar. Manchmal waren sie verheiratet und hatten nur ein einziges Mal Sex mit einem Mann, betrunken vielleicht – und bewusst in eine solche Situation gebracht, um «abgeholt» zu werden. Denunziation zur Homosexualität war ein sicherer Tatbestand, mit dem man(n) schon mal einen Nebenbuhler aus dem Weg räumen konnte, selbst wenn er noch so athletisch, blond und blauäugig war. Andere waren bisexuell.

Ein «Rosa Winkel» musste von etwa 10.000 Männern getragen werden, das Symbol während der Zeit des Nationalsozialismus, um männliche Häftlinge in Konzentrationslagern zu identifizieren, die aufgrund ihrer Homosexualität dorthin verschleppt wurden. Ihre Todesrate war überdurchschnittlich hoch. Kein Wunder: sie waren oft auf sich allein gestellt, von Mithäftlingen gemieden, auf Abstand gehalten, weil sie «anders» waren. Und selbst vor den Nazis machte die Verfolgung der Schwulen nicht Halt: Hätte Adolf Hitler es sich leisten können, den SA-Führer Ernst Röhm nur ein Jahr nach der Machtergreifung zu liquidieren, wenn der nicht schwul gewesen wäre?

In genau dieser Zeit spielt «Bent», das Erfolgsstück von Martin Sherman in der Regie von Dan Lahav am Jüdischen Theater «Bimah» in Berlin: In der Reichshauptstadt der 1930iger Jahre schlägt sich der schwule Max mit Drogenhandel durchs Leben und lässt sich von seinem Freund Rudi, einem Tänzer, aushalten. Während des Röhm-Putsches werden beide verhaftet. Auf dem Weg ins Konzentrationslager versucht Max alles, um statt des «Rosa Winkel» den gelben Judenstern zu bekommen. Er geht dafür soweit, dass er auf Befehl eines Transportoffiziers seinen Freund Rudi ermordet.

Im Lager angekommen, lernt Max dann Horst kennen, der allerdings voller Stolz seinen «Rosa Winkel» trägt. Trotz der täglichen Schikanen und obwohl sich beide nicht ein einziges Mal berühren können oder miteinander sprechen dürfen, verlieben sie sich ineinander. Beim sinnlosen Steineschleppen kommen sie sich mit imaginären Gesprächen und ebensolchen sexuellen Handlungen ausgesprochen nahe. Ihr Verliebtsein hat aber nicht nur keine räumliche Chance – auch die schwärzeste Zeit Deutschlands sollten beide nicht überstehen: Horst wird von einem SS-Soldaten erschossen, nachdem er sich geweigert hatte, sich in den todbringenden Hochspannungszaun zu stürzen. Max muss seinen Freund begraben, tauscht aber zuvor seine Jacke mit dem Judenstern gegen die des Begehrten und kennzeichnet sich somit selbst als Homosexueller. Nachdem er Horst begraben hat, stürzt sich Max in den Hochspannungszaun.

«Bent» war nach der Premiere 1979 in London viele Jahre lang ein großer Bühnenerfolg am New Yorker Broadway mit Richard Gere in der Hauptrolle. Der gleichnamige Film in der Regie von Sean Mathias mit Clive Owen, Lothaire Bluteau und Mick Jagger in einer Nebenrolle aus dem Jahre 1997 wurde auf den Filmfestivals in Cannes und Toronto ausgezeichnet und zählt heute neben «Schindlers Liste» oder «Das Leben ist schön» zu den wichtigsten Spielfilmdokumentationen der NS-Zeit.

Nun ist «Bent» auch in Berlin zu sehen: Am 30. April, am 8. und 16. Mai sowie am 18. und 25. Juni jeweils um 20 Uhr am Jüdischen Theater «Bimah».

Walter Soltau

«Jüdische Zeitung», Mai 2009