Die letzte Reise

Anne Franks Transportkarte und Schindler’s Listen gehören zu den jetzt konservierten Originaldokumenten im Archiv des Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen, die ab sofort für Besucherführungen zur Verfügung stehen.

 

Udo Jost in seinem Archiv. Foto: ITS

Der Internationale Suchdienst ITS in Bad Arolsen wird in diesem Jahr etwa 400.000 Originaldokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus konservieren. Zugleich stehen seit Anfang Mai 2009 für Besucherführungen Faksimiles von wichtigen Unterlagen zur Verfügung. «Beim ITS lagern Dokumente von enormer historischer Bedeutung über die Verfolgung, Ausbeutung und Ermordung von Millionen Menschen. Diese gilt es, für die kommenden Generationen zu erhalten», sagte Archivleiter Udo Jost.

Mehr als 30 Millionen Dokumente zum Schicksal von über 17,5 Millionen Opfern des NS-Regimes lagern im Archiv des Internationalen Suchdienstes. Etwa Dreiviertel der Unterlagen sind Originale aus der zwölfjährigen Herrschaft des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zu den Originaldokumenten, die in diesem Jahr konserviert werden sollen, zählen unter anderem Einzeldokumente aus dem KZ Buchenwald, wie Häftlingspersonalbögen und Effektenkarten, Listen aus den Konzentrationslagern Neuengamme, Natzweiler und Mauthausen sowie Gestapo-Karten aus Koblenz und Frankfurt/Main.

Von einigen Originalen, wie einer Liste jüdischer Zwangsarbeiter von Oskar Schindler, einer Transportkarte von Anne Frank, von einem Totenbuch aus dem Konzentrationslager Buchenwald sowie einer Gestapo-Karte zum ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, hat der ITS jetzt Faksimiles anfertigen lassen. Insgesamt handelt es sich um 60 Einzeldokumente, zwei Ordner sowie zwei Bücher. «Ziel ist die Schonung der Originale angesichts der wachsenden Besucherzahlen seit der Öffnung des Archivs im November 2007», erklärte Jost.

Über viele Jahrzehnte wurden die Dokumente im Archiv des ITS als Arbeitspapiere genutzt. Mit ihrer Hilfe klärte der Suchdienst Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes und stellte Bescheinigungen für Renten und Entschädigungsleistungen aus. «Dies hat Spuren an den Originalen hinterlassen», so der Archivleiter. Zudem unterliegt Papier einem natürlichen Alterungsprozess. Mindestens 60 Jahre haben die Unterlagen im Archiv der Einrichtung bereits gehalten. «Die Güte des Papiers nahm zum Ende des Zweiten Weltkrieges spürbar ab, so dass die Unterlagen stark säurehaltig sind und damit schneller verfallen», erläuterte Jost.

Die Beschädigungen an den Originaldokumenten sind von unterschiedlichen Ausmaßen. Ihre Konservierung und Restaurierung unternimmt der ITS in Zusammenarbeit mit der PAL Preservation Academy GmbH in Leipzig. Dies geschieht vor allem durch die Massenentsäuerung in einem aufwendigen chemischen Verfahren, wodurch die Lebensdauer des Papiers um ein Mehrfaches erhöht wird. Aber auch Entlaminierungen, die Stabilisierung des Papiers, das Schließen von Rissen, das Entfernen von Klebebändern und Lochungen sowie die Schimmelbekämpfung und Restaurierung nach Tintenfraß gehören zu den Konservierungsarbeiten.

Da der gesamte Bestand des Archivs derzeit digitalisiert wird, ist der Zugriff auf die Originale künftig nur noch in Einzelfällen notwendig. Dies eröffnet die Perspektive einer Langzeitkonservierung. Im Jahr 2001 hatte der Internationale Suchdienst eine Schadensanalyse erhoben. Anhand dieser Untersuchung wurde eine Prioritätenliste erarbeitet, der zufolge die Dokumente seitdem schrittweise konserviert werden. Dringender Handlungsbedarf hat laut Analyse für 4,3 Millionen Dokumente aus Konzentrationslagern, Ghettos und Gestapo-Gefängnissen bestanden. Für ihre Konservierung stellt die Bundesregierung jährlich 250.000 Euro zur Verfügung.

Im Verlauf des Jahres 2008 wurden 12.826 Originallisten aus Konzentrationslagern entlaminiert und entsäuert. Zugleich erfolgte die Reparatur mechanischer Beschädigungen an diesen Dokumenten. Darüber hinaus wurden 224.467 Einzeldokumente entsäuert und 1.653 restauriert. Insgesamt wurden bisher knapp zwei Millionen Objekte aus dem Bestand des ITS behandelt. Bis zum Jahr 2018 können alle Dokumente zu Inhaftierungen restauriert sein. «Wir würden unsere Anstrengungen gerne noch ausbauen, aber das ist natürlich auch eine finanzielle Frage», so Jost.

Kathrin Flor

«Jüdische Zeitung», Mai 2009