72 Stunden: 100.000 himmlische Helfer im Wettlauf mit der Zeit

Von Donnerstagabend, 17.07 Uhr, bis Sonntagabend, 17.07 Uhr, lief die «72-Stunden-Aktion» der Jugend in der Katholischen Kirche – auch zu Gunsten jüdischer Projekte

 

Start der Aktion in Gießen. Foto: BDKJ

Sie waren in vielen Teilen von Süd- und Südostdeutschland on tour: 100.000 katholische Kinder und Jugendliche und ihre Freunde haben als «himmlische Helfer» bei etwa 3.000 gemeinnützigen Projekten in der bislang größten Jugendsozialaktion die Welt ein Stück besser werden lassen. Die Erwartungen der Organisatoren vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend BDKJ waren bereits kurz nach dem Start der Aktion übertroffen worden: Es sind

in den Bistümern Aachen, Essen, Erfurt, Freiburg, Fulda, Köln, Limburg, Mainz, Münster, Paderborn, Rottenburg-Stuttgart, Speyer und Trier sowie im Bistum Dresden-Meißen 400 Gruppen mehr im Einsatz im Einsatz gewesen, als im Vorfeld erwartet.

Die Aktion sorgte für eigene Rekorde. Während die mit 250 Jugendlichen größte Aktionsgruppe in Vechta im Bistum Münster ein rund ein Hektar großes Biotop mit 3.500 Quadratmetern Wasserfläche anlegen und einen Aussichtsturm gebaut hat, legten in der wohl kleinsten Gruppe fünf Messdiener in Stockstadt am Rhein im Bistum Mainz einen Barfußpfad in einem Kindergarten an. Nathalie, mit vier Monaten wahrscheinlich jüngste Teilnehmerin, schaute noch zu, während ihre Eltern mit 50 anderen Pfadfindern in Speyer einen Spielplatz bauten.

Zwar werde nicht jedes einzelne Projekt für die Ewigkeit halten. «Aber die Erfahrung aus bisherigen Aktionen zeigt, dass gute Kontakte zu den meisten Projekten bestehen bleiben», so der BDKJ in einer ersten Auswertung. Spielplätze würden weiter instand gehalten, Menschen in Senioreneinrichtungen weiter besucht, Anschlussprojekte mit Kinderheimen vereinbart, der Wald weiter sauber gehalten. Im Rahmen der Aktion wurden 7,2 Millionen Stunden - das sind umgerechnet 182.278 Arbeitswochen oder, auf einen Menschen gerechnet, 3.505 Jahre Arbeit von den Teilnehmern geleistet. Schätzungen haben ergeben, dass die Jugendlichen mit etwa 25.000 Litern Farbe Wände verschönert, über 2 Millionen Lieter Rundermulch verstreut und rund 90.000 Tonnen Kies, Schotter und Erde bewegt haben.

Auch die Koordination wartete mit einigen Überraschungen auf: So war im Bistum Trier vereinbart worden die Aufgabenstellungen der Projekte bis zum Start am Donnerstag um 17:07 Uhr für die Jugendgruppen geheim zu halten.

Im nördlichsten Projekt arbeiteten Jugendliche in Wilhelmshaven, demgegenüber war die Katholische Studierende Jugend Grenzach-Wyhlen in unmittelbarer Nähe zur Schweiz aktiv. Dabei kennt die «72-Stunden-Aktion» eigentlich keine Staatengrenzen: Die Kolpingjugend des Bistums Erfurt sanierte im rumänischen Temeschwar die Außenanlagen eines Klosters. Auch in Kenia, Australien, Bolivien, Brasilien, Peru, Kolumbien, Italien, Portugal und Serbien waren «72-Stunden-Gruppen» vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend aktiv.

Unterstützer gab es viele: Friseure strähnten die Haare der jugendlichen Teilnehmer in den 72-Stunden-Farben, Metzger spendeten Wurst im 72-Stunden-Design für die Lunchpakete, Physiotherapeuten boten kostenlose Massage nach anstrengenden körperlichen Einsätzen.

 

Auch Projekte zu jüdischer Geschichte

Gemeinsam mit dem Anne-Frank-Museum in Wiesbaden haben 18 Jugendliche des Schülercafés der Jugendkirche SchüCaRules und des Café Mandela eine Großskulptur mit Wegweisern zu weiteren Veranstaltungen auf dem Mauritiusplatz in Wiesbaden-City errichtet. Mit der möglichst großen und unübersehbaren Skulptur, bei deren Errichtung die Gruppe selbst entschieden hat, aus welchem Material und in welcher Art und Weise sie gebaut wurde, soll auf die Anne-Frank-Geschichte und die damit verbundene Ausstellung in Wiesbaden hingewiesen werden. Aufgaben für die Gruppe waren der Entwurf, die Antragstellung, die Materialbeschaffung, dann der eigentliche Bau und schließlich das Einfangen der Reaktion von Passanten. Die Skulptur soll mindestens bis zum Ende der Anne-Frank-Ausstellung in Wiesbaden erhalten bleiben und im Anschluss eventuell einen neuen dauerhaften Standort erhalten.

 

        «Die Adler», eine Pfadfindergruppe in Illingen, hat eine Wanderausstellung zum jüdischen Leben des Ortes vorbereiten. Dazu sind die meisten der etwa 80 Mitglieder der seit den 1930ger Jahren bestehenden Gruppe durch ihre Gemeinde gegangen, haben Zeitzeugen aufgesucht, Fotos und Artefakte erbeten. Die Pfadfinder haben anschließend zusammengesessen und aus dem zusammengetragenen Material ein erstes Grundkonzept für die Ausstellung erarbeitet. Mit den so gewonnenen Kenntnissen über den eigenen Ort wurde am Sonntagnachmittag gemeinsam mit den Zeitzeugen einen Stadtspaziergang unternommen und per Video aufgezeichnet, der quer durch die jüdische Geschichte Illingens führt. Die Zeit wurde knapp werden, denn «Die Adler» wollten außerdem noch Gestaltungsvorschläge für eine Gedenktafel am Türbogen der ehemaligen Synagoge am heutigen Pfarrheim und für einen Gedenkstein zur Erinnerung an diese Synagoge erarbeiten.

 

Die Ausstellung wird bleiben – und damit das Projekt von hoher Nachhaltigkeit sein: Sie soll als Vorlage für die Gemeindeverwaltung Illingen dienen, die sie professionell aufarbeiten wird, so dass die Ausstellung im Rahmen der Erinnerungsarbeit, beispielsweise am 9. November, an Schulen oder anderen Institutionen am Ort verwendet werden kann. Es verspricht interessant zu werden, was die Jugendlichen in den 72 Stunden zusammentragen konnten: die Jüdische Gemeinde Illingen war bis zur Shoa eine der größten im Saarland.

Die Suche nach den jüdischen Spuren im Rahmen der «72-Stunden-Aktion» ist übrigens nicht die erste Initiative der «Adler»: Am Jüdischen Friedhof wurden Pflegearbeiten, Ausbesserungen des Mauerwerks und Hinweisbeschilderungen im Rahmen einer Ferienaktion vom Jugendbüro der Gemeinde Illingen durchgeführt. Bei der Planung der «72-Stunden-Aktion» sollte eine Kartographie der Grabsteine mit ihren Inschriften erarbeitet werden, aber wegen der Einhaltung der Schabbatruhe gab es «keine Chance jetzt am Wochenende etwas Vernünftiges in der verbliebenen Zeit daraus zu machen», erklärte uns gegenüber Dekanatsreferent Rainer Klein, der den Fortgang dieser Idee allerdings im Auge behalten will.

Auch die ersten fünf Stolpersteine im Saarland wurden in Illingen verlegt. Im Jahre 2007 initiierten das Matthias und Sebastian Schneider, zwei ehemalige Schüler des örtlichen Gymnasiums, im Rahmen eines europäischen Jugendworkshops. Auf die Frage, ob man denn über die Steine in unmittelbarer Nähe der Synagoge überhaupt stolpern könne, antwortete ein Mitschüler: «Nicht mit den Füßen - aber mit dem Kopf...!»


Vom Fußballmanager bis zur Ministerin

Zum Auftakt lobte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, die Aktion: «Eine Gesellschaft benötigt ehrenamtliches Engagement, gerade auch von Jugendlichen. Sie haben den Mut, auf Missstände hinzuweisen und die Kraft, sie zu verändern. Mit der Aktion setzen die katholischen Jugendverbände ein Zeichen der Solidarität mit Benachteiligten», betonte der Erzbischof

Auch Oliver Bierhoff, Manager des deutschen Fußball-Nationalteams, spornte die Kinder und Jugendlichen in einer Videobotschaft an: http://www.bdkj-aachen.de/movie/72Stunden/Bierhoff/.

«Man kann in 80 Tagen um die Erde reisen wie der berühmte Romanheld von Jules Verne. Dass man aber schon in 72 Stunden die Welt ein gutes Stück besser machen kann, das beweist Ihr mit Eurer Aktion […]

72 Stunden sind genügend Zeit, um an vielen Orten vielen Menschen eine Freude zu machen», erklärte Bundespräsident Horst Köhler in seinem Grußwort.

«Euch schickt der Himmel», schrieb Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, «Ich freue mich, dass Ihr zeigt, dass ehrenamtliches Engagement nicht nur etwas für Erwachsene ist, sondern alle Altersgruppen angeht – und vor allem wirklich Spaß macht. […] Und dann ein Lächeln, glückliche, heitere Gesichter und vielleicht neue Freunde – eine schönere „Belohnung“ kann es nicht geben!»

Nicholas R. Werner, Verleger und Herausgeber der «Jüdischen Zeitung» und der russischsprachig-jüdischen «Ewrejskaya Gazeta», schrieb zu Beginn der Aktion in einem Offenen Brief an die Jugendlichen:

«Viele unserer Leser und Leserinnen kennen solche Aktionen aus sowjetischer Zeit: den Subbotnik [Anmerkung der Redaktion: Subbotnik = freiwilliger Arbeitseinsatz an einem Sonnabend. Sonnabend auf Russisch = Subbotta]. Aber schon bald hatte die helfende Grundidee des Subbotnik ihren positiven Charakter verloren und wurde zu einer befohlenen Aktion der Führungsclique der Jungkommunisten. Umso mehr freut es mich ganz persönlich, dass viele Kinder und Jugendliche sich freiwillig zusammenschließen – und dabei vor allem auch weit über den Kreis ihrer eigenen Religion und ihres Volkes hinausschauen.

In Illingen sind eine Ausstellung über das jüdische Leben geplant, die Padfinder der Gemeinde Herz-Jesu Oberhausen werden die jüdischen Gräber auf dem Westfriedhof in Oberhausen-Lirich pflegen, in Haslach werden etwa 20 Jugendliche der „MaxiMinis“ zwei Erinnerungssteine für die aus der Gemeinde und der Stadt Haslach deportierten Juden gestalten und in Bad Orb engagieren sich die jungen Katholiken beim Beginn der Sanierung eines Friedhofes sowjetischer Kriegsgefangener aus dem 2. Weltkrieg.

Vor so viel Einsatz für andere, noch dazu an einem sonnigen Wochenende, an dem Jugendliche ihre Zeit sicher auch ganz anders verbringen könnten, ziehen meine Mitarbeiter, meine Familie und ich den Hut», so Werner.

Hauptsponsor der Aktion war die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Fair-Handels-Organisation Gepa, das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken und die Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge traten Co-Sponsoren auf. Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor als Partner. In ihren jeweiligen Sendegebieten unterstützten auch die Radiosender HR3, SWR3 und SR die «72-Stunden-Aktion»: sie sendeten neben Reportagen über die laufenden Projekte auch kurzfristige Hilferufe und Musikwünsche der Gruppen.

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Mai 2009