Popartig-Clowneske Umsetzung der Leiden des Warschauer Ghettos

Versteinerter Heroismus sollte an einem August-Wochenende zum «Leben» erwachen – mit einer surrealistischen Reise zwischen traditionellem und progressivem Theater

 

Foto: Pressestelle Theater Frankfurt (Oder)

Wie man von stalinistischer Großplastik zum Dadaismus kommt, zeigt die israelische Theatergruppe Orto-Da derzeit in Deutschland mit dem erstaunlich inszenierten Theaterstück «Stones»: Die Steine des legendären Denkmals für die Kämpfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto «erwachen» zum Leben und erzählen eine Geschichte die nie aufhört zu rühren. Die Mitglieder des Ensembles suchen in ihrem Stück nach möglichen Ausdrucksformen der Spannung zwischen tradiertem und progressivem Denken und streben nach dem Finden eines neuen Gleichgewichtes zwischen beidem. Sie experimentieren dabei mit einer spannenden Mischung von Theaterformen und Aufführungspraktiken, Commedia dell’Arte, Clownerien, Tanz, Zirkus und Pop-Art. Dabei ist der Stalinismus in Polen der historische Kontext, in dem das Ghetto-Denkmal entstand.

 

Sozirealismus als Ausdrucksform

Während der Terminus «Sozirealismus» 1932 zum ersten Malen in der sowjetischen Presse erschien, wurde dieser Begriff erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen von der dort an die Macht gekommenen kommunistischen Partei importiert. Die «Polnische Vereinigte Arbeiterpartei» PVAP begann damals mit dem Wiederaufbau Polens. Hierunter soll man nicht verstehen, dass diese Partei versuchte, Polen wiederherzustellen so wie es vor dem Krieg war. Vielmehr strebte sie, untermauert von einer kulturellen Wiedergeburt, ein neues Polen an, das mit den vorherigen bürgerliche Werten ebenso bricht, wie mit den faschistischen Wertvorstellungen. 1947 wurde in Polen ein Dekret erlassen, das allen Künstlern den Sozirealismus als Ausdrucksform auferlegte. Die sozialistische Propaganda der Wiedergeburt war in ihrer Erscheinung von dem in Polen sehr in Ehre gehaltenen Stil der Renaissance inspiriert, nunmehr verstärkt durch die neuen Werte des Kommunismus stalinistischer Prägung. Ihre ästhetischen Merkmale zeigten sich in der Konzentration auf bestimmte inhaltlicher Themen, etwa Portraits der Parteiführer, Abbildungen von muskulösen Arbeitern und Klassenkampfszenen. Stolz und Mut der Abgebildeten sollten deutlich zu erkennen sein und die imposante Erscheinung des Totalbildes sollte auf unkomplizierte Weise überzeugen. Kraft und das Durchsetzungsvermögen des einfachen Arbeiters galt es, lebendig darzustellen.

Auch der 1911 in Warschau geborene und bei Kriegsausbruch nach Russland geflohene Nathan Rapoport, hatte sich als Bildhauer an diesen Stil zu halten. 1948 wurde das von ihm entworfene Ghetto-Denkmal von der kommunistische Regierung eingeweiht. Es steht genau an der Stelle im Warschauer Stadtzentrum, wo der Ghetto-Aufstand ausbrach. Die Skulptur besteht aus einer elf Meter hohen steinernen Stele mit einer bronzenen Skulpturgruppe in der Mitte der vorderen Seite. Eine die Gruppe umschließende Wand symbolisiert die Mauern des Ghettos. In vertikaler Dynamik dargestellt verdeutlicht das Mahnmal Kraft und Mut der hier Eingeschlossenen, der hierher Deportierten, schließlich der Kämpfer.

 

Realität der Absurdität durch Surrealität

Es ist dieses bronzene Relief, das im Theaterstück zum «Leben» erwacht. Anders als die Skulpturen des Denkmals, die jene Geschichte von Sieg und Niederlage erzählen die sich einstmals zwischen den Mauern des Ghettos abspielte, erzählen die «Skulpturen» des Theaterstücks eine Geschichte jenseits dieser Begriffe: von Hoffnung und Mut als menschlichen Kategorien. So beginnt eine kritische, surrealistische Reise hindurch die letzten Jahrzehnte von Europa und Israel.

Soziales Verhalten und körperlicher Ausdruck werden dabei an der Suche nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Traditionen und neuen progressiven Werten gemessen. Den schon der Name der Theatergruppe‚ Orto-Da, drückt diese Spannung zwischen alte Denkweisen, alte Theaterformen und neue Weisen und Formen aus. So wurde die erste Hälfte des Wortes von dem Begriff orthodox abgeleitet, bezogen auf ein kulturelles Gedächtnis und dessen Wurzeln. Die zweite Hälfte bezieht sich auf den Dadaismus, der als kulturelle Bewegung neue Territorien in der Kunst unter die Lupe nahm.

Orto-Da wurde im Jahre 2005 für sein Theaterstück «Stones» mit dem 1. Preis für Originalität und Beste Show beim Internationalen Straßentheater-Festival «bat-yam» in Israel ausgezeichnet. Inwiefern es den Protagonisten gelingt, all ihre Originalität und Progressivität in ein Gleichgewicht zwischen Tradition und Progression auch vor dem deutschen Publikum zu bringen, kann man sich auf eine der nächsten Vorstellungen hierzulande ansehen. Spannend wäre ganz sicher, die Erfahrung zu machen, ob und wie die Ästhetik des tatsächlich sozirealistischen Denkmals in Warschau auf die Ästhetik des Stückes Einfluss genommen hat. Oder ob diese Kunstströmung nur eine Inspiration für die Themenwahl des Autors war.

An einem Wochenende im August wurde das Stück zweimal in Deutschland aufgeführt, zum einen in Idar-Oberstein, zum anderen in Frankfurt an der Oder. Mit Musik die auf dramatische Weise die Inszenierung verstärkte fing der von mir besuchte Theaterabend in Frankfurt an. Das im Laufe der Zeit seit der Schoah «eingefrorene» Denkmal wurde von diesem Sound wieder ins Leben hineindirigiert. Es entstand eine mitreißende Performance die den Zuschauer immer starker ergriff - allerdings mehr auf einer populistischen, sensationellen Ebene, als auf einer tief rührenden. Somit blieb es eine an der Oberfläche der Strukturen des menschlichen Seins forschende Inszenierung, in der die Bilder und Metapher zu klischeehaft wirkten. Oder sollte man die Metapher weiter denken? War die beabsichtigte Wirkung etwa die, neue Gleichgewichte zwischen Tradition und Moderne herzustellen und Klischeebilder mittels Popart dem Kontext zu entrücken?

Obwohl meine Sicht eher kritisch war - oder war ich einfach nur schockiert - schien der größte Teil des Publikums sehr begeistert und gerührt von der befreienden Wirkung, die das Stück zu haben schien. «Endlich ist es mal möglich über Hitler zu lachen» und «es wird mal Zeit, das man auch der absurden Seite des Menschen voll in die Augen schaut», waren einige Meinungen des Publikums. Anderen meinten, dass «man schon viele Vorkenntnisse braucht, um die Bildsprache des Stücks sinnvoll deuten zu können». Das Stück hat zum Nachdenken, zum miteinander Reden hervorgebracht, ohne dass die Schauspieler selber ein Wort geäußert hatten. Mit dem Stil ihrer rohen, unästhetischen Figuren brachten sie einen Mix aus Niederlage, Angst, Witz, Mystifizierung und Ironie auf die Bühne, der einem noch eine Weile schwer im Magen liegen wird. Aber wiederum nicht zu schwer: Durch die wie Steinskulpturen aussehende Maske der Schauspieler blieb das Stück in der metaphorische Welt eines Denkmals. Dabei wird nicht die imposante Ästhetik des heroischen Soziorealismus bedient, wie das Warschauer Denkmal es tut, sondern die Realität der Absurdität des menschlichen Verhaltens aufgezeigt. Die «Stones» wurden dabei nicht als echte Menschen erlebt, so dass man ihre Erfahrungen mit einem bestimmten Abstand erlebte. Das machte das Stück leichter und brachte es auf die Ebene der Unterhaltung mit einem hoffnungsvollen Ende – wieder zu erleben im Spätherbst in Berlin.

Details und nähere Informationen unter http://www.orto-da.com.

Han van Acoleyen


«Jüdische Zeitung», August 2009