Die sehen genauso aus wie wir!

Der Film «Koscher – gibt’s das nicht auch im Islam?» dokumentiert die Begegnung jüdischer, christlicher und muslimischer Schüler in Berlin.

 

Lässig lehnen sich zwei Halbwüchsige ins Bild: «Ich habe noch nie einen Juden gesehen.» Oder auch: «Juden? Das sind doch die mit der komischen Kopfbedeckung und den Löckchen.» Selçuk, 17, lebt mit seiner Familie in Neukölln, einem stark muslimisch geprägten Stadtteil Berlins. Juden sind ihm und seinen gleichaltrigen Klassenkameraden fremd. Vielmehr möchte der sportliche junge Mann, dessen Eltern aus der Türkei und Syrien stammen, seinen eigenen islamischen Wurzeln nachgehen und sie festigen.

Am anderen Ende der Stadt wohnt Emmanuel mit seinen Eltern im Stadtteil Grunewald. Er besucht die jüdische Oberschule in Berlin-Mitte und geht regelmäßig in eine orthodoxe Synagoge. Die beiden Jungs - der eine Moslem, der andere Jude - wären sich wohl kaum begegnet, hätte ein außergewöhnliches Projekt des Jüdischen Museums Berlin sie nicht zusammengeführt: Der kulturelle Austausch zweier Berliner Schulklassen, arrangiert vom mobilen Ausstellungsteam des Hauses.

Das Konzept der Begegnung beschreibt der Kommentator im Film kurz und prägnant: «Was im Nahen Osten nicht klappen will, wird hier versucht. Das Museum will Juden, Christen und Muslime einander näher bringen». Kein bescheidenes Vorhaben, denn die Teilnehmer offenbaren schon zu Beginn ihre Hemmungen. «Ich hab’ Angst, dass sie blöde Witze machen und mit Vorurteilen ankommen», gesteht die jüdisch-liberal erzogene Sharon, bevor sie auf ihre muslimische Austauschpartnerin Rasha trifft. Doch schon bald verflüchtigen sich anfängliche Unsicherheiten. Beide Mädchen entdecken überrascht ihr gemeinsames Hobby: Manga-Comics. Auch die Jugendlichen der Neuköllner Schulklasse haben zunächst Vorbehalte, bis sie auf die andere Gruppe treffen. Erstaunt stellt eine Schülerin, rote Schleife im blondierten Haar, nach der ersten Begegnung fest: «Also eigentlich sind die alle so angezogen wie wir».

Man muss nicht immer weit fahren, um neue Lebenswelten kennen zu lernen. Für einen Perspektivwechsel genügt oft schon der Schritt ins Nachbarviertel. Die 26-minütige Dokumentation «Koscher – gibt’s das nicht auch im Islam?» zeigt zwei Welten, die sich aufeinander zu bewegen und voneinander lernen. Gekonnt thematisiert der Film Klischees, die der Realität weichen müssen und provokante Sprüche, die an Substanz verlieren. Bewusst wird auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet, stattdessen porträtieren die Filmemacher die Jugendlichen beim Überschreiten von kulturellen Grenzen und Knüpfen von Freundschaften. Den Soundtrack liefern rhythmisch orientalische Klänge, jüdische Klaviermusik und dumpfe Hip-Hop-Beats. Nicht nur in Berlin-Neukölln und in Berlin-Grunewald dürfte das gefilmte Projekt für Diskussionsanstöße im Klassenzimmer sorgen. Es wird auch sicherlich zu Folgeprojekten an anderen Schulen anregen.

Saro Gorgis

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009