«Wer ist es?» – Das Spiel des Untertauchens

Annes Klassenkameraden in der alten Schule. Foto: flickr

«Classmates of Anne Frank» beim 5. Globians Welt & Kultur Dokumentarfilm Festival

Mitte August startete in Berlin das jährliche sechstägige Globians Welt & Kultur Dokumentarfilm Festival. Die meiste der dort gezeigten Filme sind internationale, europäische oder deutsche Erstaufführungen. So auch «Classmates of Anne Frank».

Das Festival hat in den vergangenen Jahren immer in Potsdam stattgefunden und nun mit seinem fünften Durchlauf den Schritt nach Berlin gewagt. Im Kino Toni in Berlin Weißensee wird es, so das Hauptanliegen der Veranstalter, einen Ort für die kommunikative Vernetzung von Dokumentarfilmemacher haben, wenn auch zugänglich für jeden.

Die Globians verstehen sich als ein nicht-kommerziellen, unabhängiges Festival und nehmen diese sonst oft benutzt Platitude sehr ernst, auch auf der Einnahmenseite. Es wird fast ausschließlich von kostenlosen Webseiten, wie myspace, facebook oder flickr für die Programmvorstellung und Presse-Darstellung Gebrauch gemacht. Die anreisenden Filmemacher zahlen somit auch selber ihre Unkosten, Sponsoren aus den großen Hoteketten und VIP-Luxuslimousinen sieht man nicht. Um das Vernetzen beim Finden einer Unterkunft zu vereinfachen steht die internationale kostenlose und unkonventionelle Webseite couchsurfing zur Verfügung.

Bei den Globians kommen Dokumentarfilme von unabhängigen Dokumentarfilmern aus der ganzen Welt zur Aufführung. Das Konzept hinter den Themenbereichen des Festivals ist es nach eigenen Angaben, ein ganzheitliches Verantwortungsbewusstseins und die Gestaltung eines neuen globalen Lebensstils der Nachhaltigkeit mit zu initiieren und filmisch zu begleiten. Da das Festival auf deutschem Boden stattfindet, sei es zudem wichtig, so Kurator Joachim Polzer, «beim Festival die Verantwortung der deutschen Geschichte mitzudenken».

Mit einigen der Folgen des deutschen Nationalsozialismus in den Niederländen setzt sich der Dokumentarfilm «Classmates of Anne Frank» auseinander. Der 2008 produzierte Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs Eyal Boers wurde dieses Jahr schon mit dem Silver Ace Award auf dem Las Vegas International Film Festival in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet. Boers hat Erfahrung in unterschiedlichen Teilbereichen des Filmbusiness. Im Schreiben, beim Regieführen, als Produzent, in der Recherche und beim Filmen selbst. Dies macht sich auch bemerkbar in seinem Totaleinsatz bei der Produktion des Streifens «Classmates», bei dem er sowohl am Drehbuch gearbeitet und die Regie geführt hat, als auch er Produzent war. Der Film setzt sich auf sehr nachvollziehbare Weise mit Themen wie «Untertauchen», «nach der Wahrheit suchen» und «sich uneigennützig für eine verantwortbare, bessere Welt einsetzen» auseinander.

Ein israelischer Erfinder von Gesellschaftsspielen, unter anderen des populären Spiel «Wer ist es?», organisiert ein Wiedersehen mit fünf seiner und Anne Franks Klassenkameraden aus der Nachbarschaft seiner Kindheit, damals in den Vorkriegs-Niederlanden. Einmal zusammengetroffen reden sie über ihren Erfahrungen als «U-Boote» - als Untergetauchte - und als Holocaustüberlebenden. Sie besuchen das Judendurchgangslager Westerbork, wohin einige von ihnen deportiert wurden.

«Classmates of Anne Frank» wird zu einem der diesjährigen Schwerpunktthema der Globians «Langzeit-Traumata» vorgestellt. Noch zwei weitere Filme drehen sich darum. So gibt es den in 2008 erschienen Film «Meine Liebe Dein Land» von Gerhard Schick zu sehen. Dieser deutsche Film dokumentiert das Leben eines Paares, sie Israelin und er ein vierzehn Jahre jüngerer Deutscher. Ihre Geschichte ist nicht nur eine private Liebesgeschichte: Viel eher reflektiert sie das gesamte Spektrum sozialer und politischer Probleme der Israelis und ihr Alltagsleben im Allgemeinen - vom Holocausttrauma zu den Turbulenzen des Nahen Ostens bis zum Umgang mit kulturellen Unterschieden.

Auch der Film «40 years of silence: An Indonesian tragedy«» gehört zu diesem Themenbereich. Dieser nordamerikanische Streifen des Anthropologen und Psychotherapeuten Robert Lemelson versucht Wege der Aufarbeitung und Heilung für die Überlebenden und deren Familien des Massenmordes des Suharto-Regimes aufzuzeigen.

www.globians.com

Han van Acoleyen

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009