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Eine jüdische Erfindung, die die Gesellschaft verändert
Rebellion den Autoritäten, sexuelle Revolution, Drogenexzesse und freie Liebe. Als Levi Strauss 1853 die erste Jeans produzierte, wusste er nicht, dass damit ein Kleidungsstück geboren wurde, dass durch die Hippiebewegung zum Ausdrucksmittel eines neuen Lebensgefühl für Jugendliche aus aller Welt wurde, bis es sich schließlich zum Standardkleidungsstück für Jung und Alt etablierte. Anders ging es wohl Carl Djerassi. Als er «die Pille» im Jahre 1951 «erfand», war ihm wohl schon recht bewusst, zu welchem gesellschaftlichen Wandel er beitragen würde. Zahlreiche Frauen sahen seine «Erfindung» als künftiges Symbol ihrer sexuellen Gleichheit, die ihnen zu einem modernen Leben verhelfen würde.
Eine in diesen Wochen fertig gestellte Dokumentation von Joachim Haupt «Mein Leben - Carl Djerassi» begleitet den Workerholic auf Reisen, trifft ihn im Wien seiner Kindheit und besucht ihn auf seiner Ranch in San Francisco. Joachim Haupt gelang ein authentisches und sehr privates Porträt Carl Djerassis, das nicht nur seine Leistungen in der Wissenschaft zeigt, sondern auch die persönlichen Schicksalsschläge.
Carl Djerassi wurde 1923 als Sohn eines jüdischen Arztehepaares in Wien geboren. Seine Mutter, eine typische Wienerin, der Vater, ein bulgarischer Jude, lebten sehr assimiliert. Ihre Scheidung hielten sie vor Carl geheim. Wegen des in Österreich zunehmenden Nationalsozialismus heiratete die Eltern 1938 erneut, um bulgarische Pässe zu erlangen und nahm nach Sofia ausreisen zu können. Dort wurde die Ehe sofort aufgehoben. Carl blieb in Sofia und besuchte ein amerikanisches Internat, während seine Mutter in England auf amerikanische Visa wartete. 1939 verließen beide Europa, mit genau 20 Dollar Startkapital Richtung Amerika. Unbekümmert bat der Sechzehnjährige in einem Brief Eleanor Roosevelt, die Frau des damaligen Präsidenten, um einen Stipendiumsplatz an einem College. Tatsächlich bekam er einen, in Missouri und begann Chemie zu studieren.
1951 gelang ihm die Synthese von Norethisteron, dem ersten oral wirksamen Gestagen. 1960 kam die Pille Enovid auf den amerikanischen Markt. Ein Jahr später wurde sie in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Namen Anovlar zugelassen, in der DDR unter Non-Ovlon.
Die «Mutter der Pille» - eine jüdische Mamme Djerassi bezeichnet sich selbst gern als die «Mutter der Pille». Der «Vater» oder gar «der Onkel» seien jene Wissenschaftler, die einen chemischen Stoff zum Arzneimittel machen. Am Anfang stünde immer der Chemiker, der die Substanz herstellt, wenn diese nicht natürlich vorliegt. Die Chemie liefere also das «Ei», das nun von den Biologen «befruchtet» werden müsse. Dazu würden biologische Versuche unternommen und im besten Fall eine biologische Aktivität der Substanz festgestellt. Nun kämen die Geburtshelfer in Form der Mediziner ins Spiel. Am Ende dieser Kette stünde schließlich das Arzneimittel, dass für den Verbraucher zugänglich ist. Sogar «Großeltern» fand Djerassi für seine Synthetisierung: Diejenigen Kollegen, auf deren frühen Forschungen und Entdeckungen sich sein Erfolg stütze. «Die Pille» stehe am Ende eines umfangreichen Familienstammbaumes, der sich auf viele Generationen bis in die Hochkultur des alten Ägypten zurückführen lasse.
Schon Anfang des 19. Jahrhundert war man sich der verhütenden Eigenschaft weiblicher Sexualhormone bewusst. Der österreichische Wissenschaftler Ludwig Haberlandt fand heraus, dass die Ovulation von Hormonen gesteuert wird, die im Gehirn und in den Eierstöcken der Frau gebildet werden. Er bewies, dass eine Schwangerschaft die Heranreifung weiterer Eizellen verhindert und somit eine Sterilität hervorruft. Später wurde das weibliche Geschlechtshormon Progesteron entdeckt, das von jeder Frau auf natürliche Weise während einer Schwangerschaft produziert wird. Da das isolierte Hormon bei oraler Verabreichung keine Wirkung zeigte, wurde versucht dieses künstlich zu modifizieren. Ausgangsmaterial für die Synthesen boten die in Tieren und Pflanzen vorkommenden Strukturen einiger Hormone. Diese Versuche zur Wirkoptimierung erwiesen sich als schwierig, die Präparate zeigten mäßige orale Wirkung zumal die Ausgangsmaterialien oft ungeeignet waren: ihre chemische Struktur unterschied sich stark von der des Progesteron. Hans Inhoffen und Walter Hohlweg entwickelten in den 1930ger Jahren bei der deutschen Firma Schering das oral wirksame Östrogen Ethinylestradiol. In Analogie dazu gelang Djerassi die Synthese des Norethisteron, das die bislang stärkste verhütende Wirkung bei oraler Verabreichung aufwies. Norethisteron wurde bald zum gestagenen Bestandteil zahlreicher oraler Verhütungsmittel.
Djerassi hat im Alter von 28 Jahren nicht nur das erste orale Verhütungsmittel synthetisiert, sondern auch die synthetische Herstellung von Cortison entwickelt. Seine Leistungen, auch auf dem Gebiet der organischen Chemie, machten ihn berühmt und reich. Auf seinen Erfolgen ausruhen will Djerassi sich aber nicht. Ruhelos und voller Tatendrang reist er bis heute um die Welt.
Nach seinen wissenschaftlichen Erfolgen widmet er sich nun einer neuen Leidenschaft: der Kunst. Er wird Kunstsammler und Kunstförderer, schreibt Romane und Theaterstücke wobei er die Wissenschaft nie aus dem Auge verliert. Er verbindet Wissenschaft mit Literatur und begeistert besonders junge Zuschauer in seinen Theaterstücken «Science in Fiction». Carl Djerassi selbst behauptet, dass sein wissenschaftliches Leben in Wien nicht stattgefunden hätte, es sei das Resultat seiner Ausbildung in Amerika. Sein Interesse an Kunst, Literatur und Musik aber habe er seiner Wiener Vergangenheit zu verdanken. Mit 85 Jahren blickt er auf sein aufregendes und erfolgreiches Leben zurück…
Djerassi ist nicht der einzige jüdische Wissenschaftler, dessen Leben derzeit dokumentiert wird. Der Dokumentarfilm «Auf der Suche nach dem Gedächtnis» über den Neurobiologen Eric Kandel ist seit dem 18. August in den deutschen Kinos zu sehen. Eric Kandel, ebenfalls in Wien geboren und gleichfalls auf der Flucht vor den Nazis in die USA emigriert, erhält im Jahre 2000 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Seine Endeckungen bei der Signalübertragung im Nervensystem haben ihn zum bedeutsamsten Hirnforscher unserer Zeit gemacht.
Theresa Polley «Mein Leben – Carl Djerassi» Eine Dokumentation von Joachim Haupt Samstag, 22. August 2009, 17.15 Uhr, arte |