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Wie man die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann um ihre Olympiateilnahme brachte
In einer Zeit, als alles Jüdische kleingemacht wurde, setzte sie immer wieder zu neuen Höhenflügen an. Angetrieben von der Wut auf die Nazis erreichte sie neue Bestmarken. Gretel Bergmann war 1936 die beste deutsche, wenn nicht sogar die weltbeste Hochspringerin. Sie war gut vorbereitet auf die Olympischen Spiele in Berlin und fest entschlossen, es allen zu zeigen, bis die Nazis ihr einen Strich durch die Rechnung machten. Gretel Bergmann wuchs von ihrer jüdischen Familie behütet im kleinen Städtchen Laupheim auf. Schon früh zeigte sich ihr außergewöhnliches sportliches Talent. Anfangs betätigte sie sich im Laupheimer Turnverein, ehe sie mit 16 Jahren, im Jahr 1930, dem Ulmer Fußballverein UFV beitrat. Dort verlebte sie schöne und überaus erfolgreiche Jahre, ehe sie 1933 abrupt aus ihrem Alltag gerissen wurde. Kurz nach der Machtübernahme Hitlers erhielt sie einen Brief, der sie darüber informierte, dass ihre Mitgliedschaft im UFV gekündigt und sie nicht mehr willkommen sei. Mit dem Ende ihrer Karriere beim UFV endete auch ihre Zeit in Ulm, wo sie nicht nur ihren Sport sondern auch Rudi, ihre erste große Liebe zurückließ. Rudi war kein Jude und da Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden untersagt waren, hätte es für beide schwere Folgen gehabt, wären sie zusammen gesehen worden. Die Beiden trafen sich in ihren letzten Tagen in Ulm trotzdem immer wieder im Garten von Rudis bestem Freund und immer wieder sagten sie sich, dass es das letzte Mal sei. So schwer es ihr fiel, musste Gretel Bergmann der Realität ins Auge sehen: «Wir waren zutiefst miteinander verbunden, aber der Wahnsinn der Zeit trennte uns.» Rudi und Gretel sahen sich nie wieder. Viele Jahre später erfuhr sie, dass er sein Leben als Soldat im zweiten Weltkrieg verloren hatte.
Einmal London und zurück
Nach ihrer Rückkehr aus Ulm nach Laupheim realisierten Gretel Bergmann und ihre Familie, dass sich die Verhältnisse für Juden in Deutschland nicht verbessern würden. Also ging sie nach London, um dort weiter ihren Sport betreiben zu können. Sollte sie bis dahin rein aus Liebe zum Sport trainiert haben, änderte sich ihre Einstellung nun drastisch. In ihrer Biografie «Ich war die große jüdische Hoffnung» schreibt Bergmann: «Jetzt wollte ich gut sein, jetzt wollte ich gewinnen…». Ihr Ziel lag nun darin, sich zu rächen: «Seht her, ihr Bastarde, so gut kann eine Jüdin sein.»
Da die deutsche Öffentlichkeit nichts vom Sportgeschehen in England mitbekam, musste sie einen Weg finden, ins britische Olympiateam aufgenommen zu werden. 1934 wurde sie dann, mit einer übersprungenen Höhe von 1,55 m, britische Meisterin im Hochsprung. Noch am Tag ihres bisher größten Triumphs wurde sie von ihrem Vater aufgefordert nach Deutschland zurückzukehren. Familie Bergmann wurde von den Nazis darüber informiert, dass Gretel nach Deutschland und ins deutsche Olympiateam kommen müsse. Als Druckmittel setzten die Nazis das Wohl der Familie Bergmann ein und so war Gretel gezwungen nach Laupheim zurückzukehren.
Die Berufung Bergmanns in die olympische Kernmannschaft erfolgte natürlich nicht aufgrund ihrer herausragenden sportlichen Leistungen, sie sollte als «Alibi-Jüdin» herhalten. Einige Länder, darunter die USA, Frankreich und England, hatten aufgrund der Diskriminierung der Juden Bedenken gegenüber einer Beteiligung an den Olympischen Spielen geäußert. Da die Spiele 1936 aber als Werbung für Adolf Hitlers Deutschland bestimmt waren, wäre eine Absage der großen Nationen fatal gewesen und hätte einen dunklen Schatten auf das geplante Spektakel geworfen. Also wurde Gretel Bergmann als einzige deutsche «Volljüdin» in die Kernmannschaft berufen, um dort, wie sie selbst sagt, als «Schachfigur in Hitlers politischem Täuschungsmanöver» zu agieren.
Zurück in Deutschland hinderten sie die neuen Gesetze daran, unter normalen Bedingungen zu trainieren. Sie fand keinen Platz auf dem sie trainieren durfte, bis sie einen Brief vom Stuttgarter «Schild», einem jüdischen Verein bekam, der ihr einen Trainingsplatz in seinem Stadion anbot. Ab Herbst 1934 wurde sie dann regelmäßig zu Olympia-Trainingskursen eingeladen. Dort wurde ihr immer die gleiche Zimmergenossin zugeteilt, Dora Ratjen, mit der Gretel zwar gut auskam, die ihr jedoch immer etwas seltsam vorkam. Ein paar Jahre später, kurz nachdem Dora Europameisterin im Hochsprung wurde, fand man heraus, dass Dora eigentlich Hermann hieß und ein Mann war. Die Hebamme hatte in ihrer Geburtsurkunde eingetragen, dass er weiblich ist. Seine Eltern haben ihn als Mädchen erzogen und so lebte er seit seiner Geburt. Nach seiner Enttarnung lebte er als Mann weiter und übernahm die Gastwirtschaft seiner Eltern.
Bergmann war es untersagt an deutschen Leichtathletikmeisterschaften teilzunehmen und so musste sie mit den amateurhaften «Schild»- Wettkämpfen vorliebnehmen. Hier zeigte sie jedoch ihre Ausnahmestellung im deutschen Hochsprung. Erreichte eine «arische» Athletin bei einem offiziellen Wettkampf eine Höhe von 1,56 m, sprang Bergmann bei ihrem Verein schon 1,58 m. Bei jedem Sprung hatte Bergmann Angst, dass die Nazis sich provoziert fühlten und dementsprechend reagieren würden. Sie malte sich Szenarien aus, wie die Nazis versuchen würden sie aus dem Weg zu räumen: «Ein Zusammenstoß in einer dunklen Straße mit einer Gruppe Braunhemden, ein Beinbruch, und schon wäre dieser Dorn im Fleisch, diese Gefahr für die deutsche Weiblichkeit beseitigt.» Im Juni 1936 nahm Gretel Bergmann an einem regionalen Wettkampf in Stuttgart teil, bei dem sie den deutschen Rekord von 1,60 m einstellte.
Der Ausschluss
In der ausländischen Presse rumorte es derweil weiter, die Bestrebungen eines Boykotts der Olympischen Spiele wurden ernster. Avery Brundage, der Vorsitzende des US-amerikanischen Olympischen Komitees, wandte sich gegen die Boykottgedanken seiner Landsleute. Um den Zweiflern zu beweisen, dass einer amerikanischen Teilnahme an den Spielen nichts im Wege stand, besuchte er persönlich Berlin. Er fand eine deutsche Hauptstadt vor, in der nichts den Anschein erweckte, dass Juden diskriminiert wurden. Alle judenfeindlichen Plakate waren über Nacht verschwunden. Nun stand fest, dass die USA eine Mannschaft nach Berlin entsenden würde: Am 15. Juli stach das Olympiateam in See. Zwei Wochen später erhielt Gretel Bergmann ein Schreiben vom deutschen Reichsbund für Leibesübungen, datiert vom 16. Juli 1936, also einen Tag nachdem die Amerikaner nach Berlin aufbrachen. In diesem Brief wurde sie sachlich darüber informiert, dass sie aufgrund ihrer «ungenügenden Leistungen» nicht in die Olympiamannschaft aufgenommen wurde. Die Nazis verzichteten lieber auf eine wahrscheinliche Medaille, als sich die Schmach zu erlauben, dass eine jüdische Athletin für Deutschland antritt und gewinnt. Als Entschädigung wurde ihr eine Stehplatzkarte in Aussicht gestellt. Der Plan der Nazis ging auf: Amerika nahm an den Wettkämpfen teil und die einzige deutsche «Volljüdin» im Kader würde nicht antreten. Statt der sonst üblichen drei Athletinnen wurden nur zwei nominiert, darunter auch Dora Ratjen. Gretel Bergmann galt offiziell als verletzt. Die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewann die Ungarin Ibolya Csak im Stechen, mit einer erreichten Höhe von 1,62m. Die anderen Medaillengewinnerinnen erzielten die Höhe von 1,60, die Höhe, die es den Nazis erlaubte, Gretel Bergmann aus der Olympiamannschaft zu streichen. 1937 gelang es der Bergmann nach Amerika zu emigrieren, wo sie Bruno Lambert, einen früheren Vereinskameraden und ihren späteren Ehemann wieder traf. Bei ihrer Ausreise fasste sie den Entschluss, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren und nie wieder deutsch zu sprechen. Trotz aller Enttäuschungen, die sie in ihrer sportlichen Laufbahn erleben musste, hielt sie auch in Amerika an ihrem Sport fest und wurde 1937 und 1938 amerikanische Meisterin im Hochsprung. In dieser Zeit träumte sie noch von der Teilnahme an der Olympiade 1940, aber auch dieser Traum wurde von den Nazis durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerstört. Ihre Haltung, nie wieder nach Deutschland zu kommen, hat sie gebrochen. 1999 flog sie nach Frankfurt, wo sie den Georg-von-Opel-Preis in der Kategorie «Unvergessene Meister» entgegen nahm. Dort blickte sie zurück auf ihre Zeit in Deutschland und zitierte dafür Charles Dickens: «Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit.» Noch heute lebt Gretel mit ihrem Mann, beide Mitte neunzig, in den USA. Mitte September kommt der Film «Berlin 36» über das Leben der Bergmann in die deutschen Kinos, über den wir in einem gesonderten Beitrag in dieser Ausgabe berichten. Im November 2009 wird die Ausstellung «Vergessene Rekorde», die Sporthistoriker der Universität Potsdam über das Leben und die Erfolge von drei jüdischen Sportlern – unter ihnen Gretel Bergmann – erarbeitet haben, in der brandenburgischen Landeshauptstadt zu sehen sein.
Franziska Schmidt
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