Buchcover

«Der Fall Kurilow»

von Irène Némirovsky

Es ist ein erfrischender, seltsam altmodischer Genuss, die nach und nach dem Vergessen entrissenen Bücher der 1942 in Auschwitz ermordeten Irène Némirovsky zu lesen, die in ihrer Stilistik und ihren moralischen Motiven am ehesten an Joseph Roth oder Stefan Zweig zu erinnern scheinen. Wenn auch Némirovskys Erzählstil entstehungsgeschichtlich bedingt alles andere als modern ist, sind ihre Themen doch, wie immer bei großer Literatur, ganz und gar zeitlos und universell. Die jüngste Veröffentlichung in der Némirovsky-Reihe ist diesen Monat das Taschenbuch «Der Fall Kurilow», das als Doppelband mit Némirovskys literarischen Debüt «David Golder» erstmals 1995 im Rahmen der «Anderen Bibliothek» bei Eichborn auf Deutsch erschienen ist. Es ist die Geschichte des desillusionierten russischen Geheimdienstlers Léon M., der sich im französischen Exil an seine Anfänge als Revolutionär und Anarchist zurückerinnert. 1903 hatte er sich als Hausarzt in die Familie des schwerkranken, dekadenten zaristischen Erziehungsministers Kurilow eingeschlichen, um diesen zu ermorden. Mehrmals hatte er gute Gelegenheit gehabt, sein Opfer unbemerkt zu beseitigen, jedoch schreckte er jedes Mal zurück, da er mit zunehmender Nähe aufgehört hatte, Kurilow zu hassen, und sich stattdessen ein ohnmächtiges Gefühl von Mitleid gegenüber dem skrupellosen, machtbesessenen Politiker in ihm breitgemacht hatte: die fast schon sprichwörtliche Banalität des Bösen hinderte ihn letztlich an seinem Auftrag. «Der Fall Kurilow» ist ein faszinierendes, stilistisch überaus gelungenes Psychogramm einer Opfer-Täter-Beziehung, das in einem Atem mit «Der Tod und das Mädchen» von Ariel Dorfman genannt werden kann, und das dem deutschen Leser einen interessanten Einblick in das vorbolschewistische revolutionäre Russland bietet.

Florian Hunger

Information:

«Der Fall Kurilow», aus dem Französischen von Dora Winkler, erschienen bei btb, 191 Seiten, € 8,50

«Jüdische Zeitung», Dezember 2006