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Das Internationale Sommerfestival Hamburg punktet mit einer deutschen Erstaufführung der israelischen «Batsheva Dance Company»
Die legendäre Hamburger «Kampnagel»-Fabrik ist ein Ort, wie man ihn sich für die israelischen Tänzer nicht besser wünschen könnte. Die ehemalige, 1865 gegründete Maschinenfabrik, die seit 1982 als Veranstaltungsort für zeitgenössische darstellende Kunst genutzt wird, offeriert seit 1985 verschiedene Festivals, darunter das Internationale Sommerfestival der Hansestadt. Schwerpunkt dieses Jahr ist das Thema «Kaufen», die Leitfrage dazu: «Lässt sich die Welt mit dem Einkaufszettel retten?» Was aber hat die «Batsheva Dance Company» mit Kapitalismus und Finanzkrise, den diesjährige Leitgedanken, zu tun?
Das Festival sieht sich als ein Theater- und Tanzfestival mit sozialer Botschaft. So ist es ein Anliegen der Macher sich mit der gegenwärtigen Finanzkrise auseinanderzusetzen – der aktuellen Anlässe gibt es seit der Pleite der jüdischen Lehman-Brothers viele – und Wege zu erforschen, vielleicht sogar aufzuzeigen, wie damit umzugehen sein könnte. Die Festspiele wollen sich mit der Frage beschäftigen, wie eine nachhaltigere Gesellschaft aussehen sollte. Künstler wie unter anderem der Choreograf Jochen Roller werden darauf Antworten zu geben versuchen, ergänzt von Wissenschaftlern, unter ihnen zwei international wichtige Soziologen: Richard Sennett und Saskia Sassen. Neben ihren Vorträgen möchte das Festival vor allem auch eine Plattform für zeitgenössische Theater- und Tanzvorstellungen sowie Installationen und Veranstaltungen sein. Die «Batsheva Dance Company» erfüllt, ob gewollt oder ungewollt, auch die kommerziellen Grundgedanken des Festivals in der Rolle eines Publikumsmagnets 2009. Sie lässt dabei jedoch die Zuschauer, vom Bewegungskanon des aufgeführten Stückes «Max» angetrieben, über Gefühle wie Einsamkeit und das Wesen der Gemeinschaft nachdenken.
Die Company
Was macht die «Batsheva Dance Company» zu einem der besten und begehrtesten Tanzensembles der Welt? Mit Baroness Batsheva de Rothschild beginnt die Company ihren Lebenslauf. 1914 wurde die jüdische Hochadlige in London geboren. Ihre Familie besitzt das seinerzeit größte Bankhaus der Welt. Sie wächst in Frankreich auf, wo ihr Vater die französische Niederlassung führt, studiert zunächst Biologie in Paris und New York, später in der Stadt am Hudson River auch Tanz. Sie nimmt Stunden bei Martha Graham, einer der bedeutendsten Choreografinnen des 20. Jahrhunderts, deren große Bewunderin sie ist. 1964 gründet de Rothschild die «Batsheva Dance Company» in Israel. Der «moderndance»-Stil der Company basierte stark auf Martha Grahams Techniken. So wurde in das noch im Aufbau befindliche Israel ein neuer Standard an professioneller Tanztechnik eingeführt und zugleich die Wahrnehmung des modernen Tanzes bei den Israelis selbst umgewälzt. Auch das Konzept der Repertoires, die stets auf einem Kerntänzer statt auf einem Choreographen basieren, ist sehr revolutionär. 1968 gründete de Rotschild auch die «Bat-Dor Dance Company», die mit der «Batsheva Dance» eng verbunden war. Neben dem Tanz beschäftigte sich die Baronesse über die von ihr gegründete «Rothschild Science Foundation» mit der Förderung von Wissenschaft und Technologie im jungen Israel. Baroness Batsheva de Rothschild wurde nie israelische Staatsbürgerin und wird dennoch als eine der Leitfiguren im Stadium des Entstehens und Reifens der israelischen Tanzszene gesehen.
Auch der heutige Leiter der «Batsheva Dance Company», Ohad Naharin, hat bei Marta Graham und später auch bei Maurice Béjarts studiert. Er machte das Ensemble zu einem künstlerischen Aushängeschild Israels und erhielt zahlreiche begehrte Preise wie den «New York Bessie Award». Seine Stücke werden von Kompanien wie dem «Nederlands Dans Theater» oder dem «Ballett Frankfurt» neu einstudiert. Naharin schuf zahlreiche abendfüllende Stücke, die durch eine radikale Körperlichkeit und klare Formensprache, immer stark an der Grenze des anatomisch Machbaren, weltweit zu Klassikern im zeitgenössischen Tanz wurden. Er treibt das von de Rothschild angefangene Konzept des Ausgehens von einem Tänzer noch weiter: Die stark mit dem Körper des Tänzers verbundene Tanzsprache, die er als Basis für alle Stücke der Company sucht, nennt er «Gaga» - englisch für «verkalkt», deutsch eher für «durchgeknallt». In seiner Sprache gibt es allerdings eine ganz andere Begrifflichkeit, die «das unterwegs sein» im eigenen Körper ausdrückt: «Man soll seinen Körper fühlen… und verstehen können… und reagierend auf ihn, spielend aber sensibel daraufhin handeln».
Auch mit dem Ende August auf dem Internationalen Sommerfestival in Hamburg aufgeführtem Stück «Max» untersucht Naharin mittels Tanz die Wurzeln, den Ursprung und die Essenz von Bewegung. Bei jedem Tänzer wird das Maximum an Aufmerksamkeit nach «innen» verlagert und somit eine höchst verfeinerte Choreografie geboten, die die Auffassung von Struktur, Zeit und Raum untersucht. Im Stück durchlaufen fünf Frauen und fünf Männer in einer konzentrierten Atmosphäre eine Bewegungssystematik, die immer wieder die Frage von Kollektiv und Individualität aufwirft, die in Soli, Duetten und Gruppenformationen zur Erzählung werden und dabei in großer Breite menschliche Themen behandeln: Gefühle wie Einsamkeit, Glück und Schmerz des Einzelnen sowie vom Wesen der Gemeinschaft passieren die Revue. Naharin lässt durch seine Tänzer eindrückliche Bilder entstehen: zum einen über die präzise interpretierten Gruppensequenzen, aber zum anderen auch durch den von ihm komponierten szenischen Einsatz des Lichtes. «Max» zeigt das spezifisch künstlerische Credo der «Batsheva Dance Company» auf und macht die Einzigartigkeit der choreografischen Herangehensweise Naharins und seines ganzen Ensembles sichtbar.
Han van Acoleyen
Batsheva Dance Company: «Max – ein getanztes Menetekel» von Ohad Naharin Deutsche Erstaufführung Internationales Sommerfestival im «Kampnagel» Hamburg 26. bis 28. August 2009, jeweils 21 Uhr Mit freundlicher Unterstützung des Außenministeriums des Staates Israel.
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